Jugend-Szene: Mit Hustensaft zur Sucht

25.04.2014 |  Von  |  Allgemein, Gesellschaft, Gesundheit
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Jugend-Szene: Mit Hustensaft zur Sucht
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Was früher zum geheimen Repertoire süchtiger Alkoholiker zählte, führt jetzt in der Jugend-Szene wieder zu neuen Begehrlichkeiten. Die Rede ist von Hustensaft. Abhängige Alkoholiker bedienen mit alkoholhaltigem Hustensaft gut versteckt ihre Sucht, die Jugendlichen von heute suchen im Hustensaft weniger den Alkohol, sondern mehr das Codein. Wie die alte, neue Droge wirkt und welche Gefahren sich hier verbergen, schildert dieser Beitrag an zwei ausgewählten Beispielen.

Hustensaft als Alkoholersatz

Gustav ist Alkoholiker. Mit einer beträchtlichen Rauschkarriere von nunmehr schon über 30 Jahren. Auf den ersten Blick sieht man ihm das gar nicht an. Gustav geht vier Stunden täglich arbeiten, mehr schafft er nicht. Zumindest nicht ohne ein Gläschen zwischendurch. Seine Kleidung ist ordentlich, die Frisur gepflegt und die Wohnung aufgeräumt.

„Ich hatte schon schlechtere Zeiten“, gibt der Mittfünfziger zu. Begonnen hat seine Alkoholikerkarriere schon in früher Jugend. Seine Eltern haben gesoffen, das wahre Leben gewissermassen im Rausch verpennt, und sind relativ früh gestorben. Das wollte der damals sportliche und wissbegierige Gustav nicht erleben. Der Griff zur Flasche erfolgte eher aus einer beobachteten scheinbaren Normalität heraus. Schnell wurde daraus eine Sucht. „Jeden Tag eine Flasche Wodka war kein Problem, ist es auch heute nicht“, gibt der ruhig wirkende Züricher zu.

Irgendwann stieg Gustav dann ins Berufsleben ein und spürte sehr schnell, dass seine ständige Fahne dort nicht wirklich gefragt ist. Ein Bekannter brachte eine grosse Flasche Hustensaft und damit die Lösung. Vor der Arbeit wurde jetzt kein Wodka mehr getrunken, sondern ein kräftiger Schluck alkoholhaltiger Hustensaft. Das ging auch zwischendurch immer gut. So konnte Gustav seine Alkoholsucht auch über den langen Arbeitstag hinweg befriedigen, ohne mit der Schnapspulle aufzufallen.

Ein Arbeitsunfall machte ihn dann mit knapp 40 zum Krüppel. „Arbeiten kann ich auch mit einer Hand. Trinken auch“, grinst mir Gustav unbeholfen zu. Jetzt arbeitet er nur noch vier Stunden am Tag als Parkplatzwächter. In dieser Zeit trinkt er nicht und Hustensaft ist mittlerweile auch tabu. Aber vom Wodka nach Feierabend will und kann er nicht lassen.

Hustensaft als neue Droge

Die Jugend hat den Hustensaft wieder für sich entdeckt. Der neue Hype schwappte aus den USA über den Atlantik und hat auch in der Schweiz neue Freunde gefunden. Hier geht es allerdings weniger um Alkohol, sondern vielmehr um die Wirkung des ebenfalls enthaltenen Codeins, das einige Körperfunktionen nach unten fährt und damit für ein völlig entspanntes, fast schon schwereloses Gefühl sorgen kann. Bevorzugt wird hier die Mischung mit Sprite.

Metin ist 15, ein noch eher verspielt wirkender, gemessen an seinen Alterskameraden eher kleiner Junge, der aber doch schon mal sehr erwachsen tut. Zumindest wenn er mit seinem Natel hantiert und damit erst mal „dringend mit einem Kollegen sprechen muss, weil der sonst Stress macht“.

„Alkohol ist nicht so mein Ding, Bier schmeckt nicht und Schnaps ist mir zu hart“, meint Metin auf seinen Drogenkonsum hin befragt. Zu harten Drogen habe er keine Beziehung, Heroin und Christal Meth seien im zu heftig. „Schon wegen der Sucht und so.“

„Wenn wir mal richtig gut drauf sein wollen, mischen wir aus Makatussin und Sprite eine Dirty Sprite. Das schmeckt lecker und macht irgendwie Spass. Wenn du so ein Ding getrunken hast, sitzt du ganz ruhig da und musst eigentlich nur noch lachen. Das ist cool.“

Nach der Herkunft des Hustenmittels gefragt, wiegelt Metin ab. Das Zeug liesse sich ja ganz normal kaufen. Und wenn mehr gebraucht wird, streift eben die Clique die Apotheken in Zürich ab. „Da kommt schon genug für eine gute Party zusammen.“

Über die Wirkungen und Folgen des Gebräus aus Makatussin und Sprite hat sich Metin noch keinerlei Gedanken gemacht. Er kann zwar beschreiben, wie das Gemisch bei ihm wirkt, weiss aber nichts über die Gefahren. Ein dauerhafter und übermässiger Gebrauch von Codein macht genauso süchtig wie etwa Heroin. Schon nach kurzer Zeit machen sich Entzugserscheinungen bemerkbar, die deutlich heftiger ausfallen als etwa beim Entzug von Heroin.

Wird ein Codein-Präparat gar zusammen mit Alkohol zugeführt, dann kann das sogar tödliche Wirkungen haben. Sowohl Alkohol als auch Codein wirken auf bestimmte Körperfunktionen hemmend, so dass es sogar zu einer lebensbedrohlichen Atemlähmung kommen kann. Darüber wissen die meisten Jugendlichen nichts, die sich mit Dirty Sprite das Leben versüssen.




„Ich muss dann mal weg. Die Kollegen wollen sich heute wieder zu einer Party treffen und ich muss da noch was besorgen.“ Metin wirft seine Kapuzenjacke über, zieht sich die Kapuze tief ins Gesicht und ist schon fast draussen. Kurz dreht er sich noch mal um: „Keine Angst, mir passiert schon nichts!“ Und schon ist er weg. Offenbar weiss er nicht, dass Codein schnell süchtig und stark abhängig macht.

Dieser Glaube an die vermeintliche Harmlosigkeit bestimmter Drogen und drogenähnlicher Substanzen hat schon so manchen Jugendlichen das Leben gekostet. In Deutschland beispielsweise fällt die aktuelle Statistik der Drogentoten für 2013 wieder schlechter aus als in den Jahren zuvor. Das jüngste Drogenopfer war gerade einmal 13 Jahre jung.

 

Oberstes Bild: Hustensaft als neue Droge (Bild: infocus / Shutterstock.com)



Über Olaf Hoffmann

Olaf Hoffmann ist der kreative und führende Kopf hinter dem Unternehmen Geradeaus...die Berater.
Neben der Beratertätigkeit für kleine und mittlere Unternehmen und Privatpersonen in Veränderungssituationen ist Olaf Hoffmann aktiv in der Fort- und Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.
Als Autor für zahlreiche Blogs und Webauftritte brilliert er mit einer oftmals bestechenden Klarheit oder einer verspielt ironisch bis sarkastischen Ader. Ob Sachtext, Blogbeitrag oder beschreibender Inhalt - die Arbeiten des Autors Olaf Hoffmann bereichern seit 2008 in vielfältigen Formen das deutschsprachige Internet.

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