Mehr Kurven auf dem Laufsteg: Magermodels sollen in Frankreich verboten werden

18.04.2015 |  Von  |  Gesellschaft
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Frankreich will ein Zeichen gegen den Size-Zero-Trend setzen und Magermodels mit einem Berufsverbot belegen. Das ist definitiv ein Schritt in die richtige Richtung, denn viele Mannequins gefährden durch den Schlankheitszwang ihre Gesundheit. Ob falsche Idealvorstellungen sich jedoch per Gesetz regulieren lassen, ist fraglich. 

Am Dienstag, den 14.04., hat die Nationalversammlung abgestimmt und das geplante Gesetz beschlossen – nur die Mehrheit im Senat fehlt noch. Allerdings kann nur die Zeit zeigen, ob die Modebranche mitmacht – und ob sich ein entsprechender Bewusstseinswandel auch in der Bevölkerung durchsetzen kann.

Mannequins zwischen superschlank und ausgemergelt

Wer als Mannequin arbeitet, muss üblicherweise schön, schlank und fit sein. Gegen schön und fit ist ja auch gar nichts einzuwenden. Doch mit der Schlankheit übertreibt es die Modebranche in vielen westlichen Ländern seit langem. Um in die angesagte Size Zero (Grösse Null) zu passen und in den hautengen Kleidern noch eine gute Figur zu machen, hungern viele Models, bis sie krank werden.

Schädlich ist der Schlankheitswahn vor allem, weil die Mannequins nicht nur trotz harter Arbeit und Training viel zu wenig essen, sondern häufig zudem Kette rauchen, Unmengen von schwarzem Kaffee in sich hineinschütten oder sogar zu Tabletten oder Drogen greifen, um sich vom Essen abzulenken und den Hunger nicht zu spüren. Das neue Gesetz soll verhindern, dass weiterhin untergewichtige Mannequins bei Fotoshootings oder auf Modenschauen arbeiten.

Über den BMI, den Body-Mass-Index, wird kontrolliert, wer noch normalgewichtig, wer zu dünn und wer bereits halb verhungert ist. Laut dem Gesundheitsgesetz sollen auch nachträgliche Retuschen auf Fotos von Mannequins in Zukunft deutlich erkennbar sein: Wurde das Bild auf dem Titelblatt, in der Werbeanzeige oder auf dem Plakat digital bearbeitet, zum Beispiel mit Photoshop, muss ein sichtbarer Vermerk auf die Veränderung hinweisen.

Anfang April hatten die französischen Abgeordneten die neuen Bestimmungen im Zuge der Gesundheitsreform in den entsprechenden Gesetzentwurf integriert. Als Begründung führten sie an, dass die vielen zu mageren Mannequins ein falsches Körper- und Idealbild vermitteln könnten. Und das Berufsverbot soll nicht nur die Models, sondern auch ihre Arbeitgeber zum Umdenken zwingen: Wer trotzdem weiterhin extrem dünne Models beschäftigt, dem drohen eine hohe Geldstrafen von 75.000 Euro und eine Haftstrafe von bis zu sechs Monaten.

Zu magere Vorbilder vermitteln ein falsches Denk- und Essverhalten

Die von der Modebranche geschaffenen und vorgeführten Ideale haben vielfach mit Normalität oder Gesundheit nichts mehr zu tun. Folglich verlieren auch immer mehr Mädchen und Frauen das Gefühl dafür, was für ihren Körper gut und richtig ist und was ihn in Gefahr bringt. Ärzte und Ernährungswissenschaftler schlagen schon seit längerem Alarm wegen der zunehmenden Häufigkeit von Essstörungen aller Art.

Einerseits verfettet die Gesellschaft zusehends, andererseits steigt die Anzahl vor allem junger Menschen, die an Magersucht (Anorexia nervosa) oder Ess-Brech-Sucht (Bulimie) leiden. Das alles sind Anzeichen für eine gestörte Körperwahrnehmung, für die neben fehlender Bewegung und mangelhafter Aufklärung auch falsche Vorbilder wie Magermodels verantwortlich gemacht werden.


Zu magere Vorbilder vermitteln ein falsches Denk- und Essverhalten (Bild: © Maksim Shmeljov - shutterstock.com)

Zu magere Vorbilder vermitteln ein falsches Denk- und Essverhalten (Bild: © Maksim Shmeljov – shutterstock.com)


Es ist eine logische und auch durchaus positive Herangehensweise an dieses Problem, gefährliche Vorbilder aus dem Blick der Öffentlichkeit zu nehmen und so mehr Raum zu schaffen für solche, denen nachzueifern sich zumindest nicht schädlich auf die Gesundheit auswirkt. Doch das sehen die Modelagenturen in Paris ganz anders – und machen bereits gegen das Verbot der Magermodels mobil. Sie finden es falsch, die „Schlankheit“ der Mannequins mit Magersucht, einer gefährlichen, seelisch bedingten Krankheit, gleichzusetzen.

Was bringen Gesetze gegen den Schlankheitswahn?

Leider steht zu befürchten, dass auch das neue Gesetz in Frankreich keine tiefgreifenden Bewusstseinsänderungen bewirken wird. Denn in seiner Art ist es nicht neu: Andere Länder haben ähnliche Gesetze verabschiedet, die jedoch ebenfalls nicht die erhoffte Wirkung hatten. So unterzeichnete die deutsche Mode- und Textilindustrie bereits vor fünf Jahren eine Charta, um extrem dünne oder magersüchtige Models von den Laufstegen und Titelseiten zu verbannen. Doch davon ist kaum etwas zu bemerken – in weiten Teilen der Bevölkerung ist nicht einmal bekannt, dass entsprechende Bestimmungen überhaupt existieren.

Auch in Spanien sind Magermodels verboten, und zwar schon seit dem Jahr 2006. Wer nicht den festgeschriebenen Mindest-BMI vorweisen kann, darf nicht auf den Laufsteg, sondern wird sofort wieder nach Hause geschickt. In Italien gibt es eine vergleichbare Grundsatzerklärung, und Israel verabschiedete im Jahr 2012 ein Gesetz, nach dem Models verpflichtet sind, im Abstand von drei Monaten nachzuweisen, dass ihr BMI den Mindestwert von 18,5 nicht unterschreitet. Dazu müssen sie sich von einem unabhängigen Arzt untersuchen und eine Bescheinigung ausstellen lassen.

Man könnte also meinen, dass sowohl die Gesetzeslage als auch die öffentlich zugänglichen Fakten über Magersucht, Bulimie und die erschreckenden Folgen solcher Essstörungen ausreichen müssten, um ins Bewusstsein der Menschen vorzudringen und die notwendigen Veränderungen im Denken und Verhalten zu bewirken. Doch weit gefehlt: Die Modebranche geht unbeirrt ihren Weg und hat sich durch die neuen Regeln und Strafandrohungen kaum verändert.

Immer wieder hungern sich Models an den Rand des Grabes oder sterben sogar an ihren Essstörungen – ein bekanntes Beispiel ist das französische Mannequin Isabelle Caro. Und nach wie vor ahmen viele angeblich Mode- und Schönheitsbewusste – vor allem junge Mädchen und Frauen – das schädliche und gefährliche Verhalten ihrer Vorbilder nach.

Schluss mit Size Zero im Land der Haute Couture?

Die Modebranche operiert international. Und weltweit gesehen liegt Size Zero weiterhin im Trend. Das können Gesetze schwerlich ändern, so lange sich die Branche nicht selbst verändern will. Es wäre die Aufgabe der angesagten Modedesigner, der zahlenden Werbekunden, der Fotografen und Chefredakteure, nicht mehr oder zumindest nicht mehr ausschliesslich auf superschlanke bis magere Mannequins zu setzen, sondern verstärkt normalgewichtige Models und solche mit üppigeren weiblichen Rundungen zu buchen und schön in Szene zu setzen.

Models mit Normal- oder Übergrösse gibt es zwar ebenfalls, doch führen sie immer noch eher ein Nischendasein. Hier steht also eine Minderheit in der Branche für die Mehrheit der Bevölkerung – nämlich für all diejenigen, die es nicht schaffen oder gar nicht schaffen wollen, sich in die Nullgrösse hineinzuhungern und zu -zwängen.



Fazit: Mit dem neuen Gesetz gegen Magermodels könnte Frankreich als Wiege und Symbolland der Haute Couture ein wichtiges weltweites Signal gegen gesundheitsschädliche und falsche Idealvorstellungen setzen. Aber mehr als ein Signal ist erst einmal nicht drin – denn es bleibt abzuwarten, wie das Verbot umgesetzt und seine Einhaltung kontrolliert werden wird.

 

Oberstes Bild: © Urheber – shutterstock.com



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