Ölpreisentwicklung ohne gravierende Preiswende

18.04.2015 |  Von  |  News
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Im vergangenen Jahr ging der Ölpreis dramatisch zurück, ohne dass solch eine Entwicklung jemand vorhergesehen hatte. Wenngleich Prognosen bei Rohstoffen immer als unsicherheit betrachtet werden müssen, könnte es sich doch um nicht nur ein vorübergehendes Phänomen handeln.

Welche Auswirkungen hätte ein dauerhaft niedriger Ölpreis und wie wahrscheinlich ist er? Darum soll es im Folgenden gehen. Dabei sind nicht nur die vordergründigen Aspekte zu sehen wie die Entlastung des privaten Geldbeutels beim Tanken von Benzin. Die Effekte sind wesentlich vielschichtiger.

Nach Preistief am Jahresanfang nun Konsolidierung

Sein absolutes Tief erreichte der Ölpreis auf Jahressicht direkt in den ersten Wochen dieses Jahres. Ende Januar lag der Preis pro Barrel Öl (WTI) bei knapp über 44 US-Dollar. Der höchste Preis in den letzten zwölf Monaten betrug dagegen mehr als 106 US-Dollar. Gegenüber diesem Hoch war der Preis also binnen kurzer Zeit um mehr als die Hälfte gesunken. Noch drastischer ist der Preis bei einer Umrechnung in Schweizer Franken gefallen. Hier betrug der Preisrückgang fast 60 Prozent, was durch die zwischenzeitlich starke Franken-Aufwertung gegenüber dem US-Dollar bedingt ist.

Mittlerweile hat sich der Ölpreis allerdings wieder etwas in die Höhe geschraubt. Aktuell liegt er etwa 25 Prozent über seinem Tiefpunkt zu Jahresbeginn. Von den Preisen des letzten Jahres ist er aber immer noch weit entfernt. Und auch wenn eine gewisse Konsolidierung festzustellen ist, zumindest kurz- bis mittelfristig rechnet kaum jemand mit einer grundlegenden Trendwende nach oben. Der Ölpreis wird voraussichtlich länger niedrig bleiben.

Ist „Peak Oil“ noch nicht erreicht?

Dies ist insoweit erstaunlich, als vor noch nicht allzu langer Zeit ein dauerhaftes Anziehen der Preise erwartet worden war. Es gab Experten, die sahen „Peak Oil“ als erreicht an. So wird die angesichts der begrenzten Ölreserven maximal erzielbare Förderrate weltweit bezeichnet. Ab Peak Oil geht es mit der Ölproduktion stetig abwärts, weil dann die globalen Ölreserven zunehmend erschöpft sind und es immer schwieriger wird, die Restvorkommen zu fördern. Auf der anderen Seite wurde mit einer starken Zunahme der Ölnachfrage durch die dynamisch wachsenden Schwellenländer wie China, Indien und andere gerechnet. Nach den Gesetzen des Marktes bedeutet eine Verknappung des Angebots bei gleichzeitig steigender Nachfrage zwangsläufig höhere Preise. Wieso kam es anders?

Nachfrage bleibt verhalten

Zunächst einmal entwickelte sich die globale Konjunktur nicht so wie erwartet. Noch zu Beginn des letzten Jahres war mit einer weltweiten wirtschaftlichen Erholung gerechnet worden. Diese Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, in Europa ist die Euro- und Schuldenkrise immer noch nicht überwunden, etliche Länder der Euro-Zone haben nach wie vor mit Rezession zu kämpfen oder das Wachstum bleibt zumindest bescheiden. Auch die grossen Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien haben deutlich an Schwung verloren. Die festzustellende Abschwächung des Wachstums scheint sich auch in diesem Jahr fortzusetzen. Alleine die USA ragen als einziger bedeutender Akteur aus diesem eher grauen Bild positiv hervor. Ob der Aufschwung hier trägt, bleibt allerdings abzuwarten. Infolge der weltweiten Konjunkturschwäche blieb und bleibt die Ölnachfrage verhalten.


Der momentan niedrige Ölpreis kann prognostisch längerfristig stagnieren. (Bild: Minerva Studio / Shutterstock.com)

Der momentan niedrige Ölpreis kann prognostisch längerfristig stagnieren. (Bild: Minerva Studio / Shutterstock.com)


Fracking-Boom – Erschliessung neuer Quellen

Es ist jedoch nicht nur dieser konjunkturelle Faktor, der zum Preisverfall beigetragen hat. Es kommen einige längerfristige Trends hinzu, die so vor einigen Jahren noch nicht gesehen wurden. Da ist unter anderem der Fracking-Boom in den USA. Er hat die Vereinigten Staaten zum weltweit grössten Ölproduzenten gemacht und Ölquellen erschlossen, an die früher nicht gedacht wurde. Über Fracking hinaus wurde die Fördertechnologie wesentlich weiter entwickelt. Es ist damit heute möglich, vorher nicht nutzbare Vorkommen zu erschliessen, zum Beispiel Ölsände oder Tiefseelagerstätten. Gelegentlich werden auch immer noch neue Vorkommen entdeckt, die besser erreichbar sind. Durch diese zusätzlichen Ölquellen hat sich der Zeitpunkt von Peak Oil vielleicht um einige Jahrzehnte in die Zukunft verschoben. An der grundsätzlichen Erschöpfbarkeit der Ressource Öl ändert das zwar nichts. Es macht das Problem aber weniger drängend und drückt heute auf den Ölpreis.

Erfolgreiche Einsparungen an Energie

Nicht zuletzt machen sich auch die verstärkten Anstrengungen zur Energieeffizienz, Energieeinsparung und zur Substitution von Öl durch erneuerbare Energien verstärkt bemerkbar. Dies ist vor allem in den entwickelten Industrieländern ein Trend, dem andere Regionen der Erde noch folgen werden. Heute kann die gleiche wirtschaftliche Leistung dank des technischen Fortschritts mit deutlich weniger Ölverbrauch erzielt als noch vor einigen Jahren. Die Potentiale sind in diesem Bereich sicher noch nicht ausgeschöpft. Bis zur weitgehenden Umstellung auf erneuerbare Energien ist es – vor allem im globalen Massstab – noch ein weiter Weg. Aber die Einsparung und Substitution von Öl ist ein langfristiger Trend, der preisentlastend wirkt.

Kostenloses Programm zur Konjunktur

Wie wirkt sich dies nun auf die Weltwirtschaft aus? Grundsätzlich sind hier zwei Gruppen von Ländern zu unterscheiden: die Netto-Exporteure und die Netto-Importeure von Öl. Länder, die unter dem Strich auf die Einfuhr von Öl angewiesen sind, erleben durch den Ölpreis-Verfall so etwas wie ein kostenloses Konjunkturprogramm. Durch billigeres Heizöl und niedrigere Benzinpreise wird die Haushaltskasse der Verbraucher vor allem in den entwickelten Industriestaaten spürbar entlastet. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass auch die Produktions- und Transportkosten der Unternehmen durch die Ölverbilligung günstiger werden – ein positiver deflationärer Effekt, der auf das Preisniveau insgesamt drückt. Da die niedrigen Zinsen derzeit nicht zum Sparen dieses Geldes verlocken, wird ein erheblicher Teil des „Gewinns“ in den Konsum fliessen. Gerade einige europäische Länder können diese Impulse dringend brauchen.



Lasten tragen die Exporteure

Die Netto-Exporteure von Öl erleiden dagegen durch den Preisverfall dramatische Einnahmeverluste. Sie bewegen sich im Bereich von mehreren Billionen US-Dollar, wenn das niedrige Preisniveau länger anhalten sollte. In der globalen Betrachtung hat der niedrigere Ölpreis also einen riesigen Umverteilungseffekt. Die reichen Ölstaaten der Golfregion können mit einer solchen Durststrecke sicher einige Zeit gut leben, ohne spürbare Abstriche an ihrem hohen Lebensstandard machen zu müssen. Anders sieht es bei den ärmeren Ölförderländern wie Venezuela, Nigeria oder Indonesien aus. Diese Staaten sind auf Öleinnahmen essentiell angewiesen. Grosse Teile des Staatshaushaltes werden damit finanziert und die Wirtschaft basiert auf der Ölförderung. Brechen die Einnahmen weg, drohen Rezession, mehr Staatsverschuldung sowie soziale und politische Spannungen. Diese Länder leiden jetzt unter der einseitigen Abhängigkeit vom Öl besonders. Verwerfungen für die Weltwirtschaft als Ganzes sind nicht auszuschliessen.

Werden Ölfördermengen reduziert?

Sehr schwer einzuschätzen ist, inwieweit der gesunkene Preis sich auf die Ölförderung auswirken wird. Denn bei der Produktion wirken nicht nur marktwirtschaftliche Mechanismen. Zweifelsohne wird die Fracking-Industrie in den USA bei einer länger anhaltenden Niedrigpreis-Phase Schwierigkeiten bekommen – eine heimliche Hoffnung konventioneller Ölförderer. Eine Reduzierung der Ölfördermengen würde nur dann spürbare Preiseffekte nach oben besitzen, wenn viele gewichtige Ölstaaten dabei mitmachen. Es ist aber keineswegs sicher, ob sich dafür genügend Bereitschaft fände. Denn zu heterogen ist die Welt der Ölförderländer und zu verschieden sind die Interessen. Es spricht daher viel dafür, dass es erst einmal bei günstigen Preisen bleibt.

 

Oberstes Bild: © moomsabuy / Shutterstock.com



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