„Mit einem Sack Nüsse will ich begraben sein“ – zum Tod von Günter Grass

23.04.2015 |  Von  |  News
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„Mit einem Sack Nüsse will ich begraben sein“ – zum Tod von Günter Grass
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Am Montag vor einer Woche – dem 13. April 2015 – ist der deutsche Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass im Alter von 87 Jahren in einem Lübecker Spital einer Infektion erlegen. Mit seinem Tod endet eine Ära. Auch der Schweiz war er in seinem persönlichen und literarischen Koordinatensystem über Jahrzehnte eng verbunden.

Günter Grass ging mit fast ungebrochener Kreativität aus diesem Leben. In der Woche vor seinem Tod beendete er sein aktuelles Buch – wenn er noch leben würde, hätten er und sein Verleger Gerhard Steidl jetzt mit den Feinarbeiten am Text begonnen. Grass´ letztes Werk heisst „Vonne Endlichkait“. Zum ersten Mal soll daraus am 12. Juni dieses Jahres zur Eröffnung des neuen Göttinger Grass-Archivs gelesen werden, eigentlich wollte der Schriftsteller diesen Part selber übernehmen. Mit seiner Verschmelzung von Prosa- und Lyriktexten ist „Vonne Endlichkait“ ein literarisches Experiment. Gleichzeitig schliesst sich damit ein Lebenskreis: Grass´ erste Buchveröffentlichung „Die Vorzüge der Windhühner“ (1956) vereinte – zu einem Zeitpunkt, zu dem noch nicht endgültig entschieden war, ob in der Biografie des Künstlers die Literatur oder die Bildhauerei eine prominente Rolle spielen würden – 41 Gedichte, einen Prosatext und eigene grafische Illustrationen.

„Die Blechtrommel“ – literarischer Wirbelsturm und Anfang einer Ära

Den literarischen Durchbruch schaffte Günter Grass mit seinem Roman „Die Blechtrommel“ (1959), der in der Bundesrepublik, den westeuropäischen Ländern und den USA auf Anhieb 100.000er Auflagen erzielte. Im Jahr 1958 hatte er auf einer Tagung der Gruppe 47 zwei Kapitel aus dem noch unveröffentlichten Manuskript gelesen. Hans Werner Richter, der Begründer der deutschsprachigen Schriftstellertreffen der Gruppe 47, erinnerte sich später. Die Geschichte von Oskar Matzerath, der nicht wachsen wollte, Glasscheiben zerschreien konnte und die Zeitläufe des 20. Jahrhunderts vom Aufstieg des Nationalsozialismus bis zum deutschen Wirtschaftswunder aus einer Kinderperspektive miterlebte, hatte eine „Art Wirbelsturm“ zur Folge.

Der spätere Chef des Suhrkamp-Verlages, Siegfried Unseld, drängte darauf, dem Debütanten spontan den unregelmässig vergebenen Preis der Gruppe zu verleihen. Letztendlich hat die „Blechtrommel“ die Ära Grass begründet. In den folgenden Jahrzehnten gehörte Günter Grass nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch auf der internationalen Bühne als Schriftsteller, politischer Publizist und linksliberaler Intellektueller zu den grossen Namen. Seine politische Heimat war die SPD, ihrem langjährigen Vorsitzenden und ersten SPD-Bundeskanzler Willy Brandt stand er nicht nur politisch, sondern auch persönlich nahe. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen gehören ebenso wie die Erinnerungen an die verlorene Heimat Danzig, die in Grass´ “kaschubischen“ Metaphern geronnen sind, zu den prägenden Elementen seines Werkes.


Günter Grass gewidmete Sandskulptur in Danzig. (Bild: Gdaniec, Wikimedia, CC)

Günter Grass gewidmete Sandskulptur in Danzig. (Bild: Gdaniec, Wikimedia, CC)


Der Nobelpreis: „Das vergessene Gesicht der Geschichte in munterschwarzen Farben“

Im Jahr 1999 wurde das Lebenswerk von Günter Grass durch die Verleihung des Nobelpreises gekrönt. Das Nobelpreis-Komitee begründete seine Entscheidung damit, dass Grass das vergessene Gesicht der Geschichte in munterschwarzen Farben gezeichnet habe. Mit Thomas Mann teilt er wohl, dass er den Preis formal für sein Gesamtwerk, de facto jedoch für die „Blechtrommel“ erhalten hat – bei Mann waren es die „Buddenbrooks“. In seiner Nobel-Rede ging Grass unter anderem darauf ein, dass er nach seinen ersten Romanveröffentlichungen lernen musste, dass Bücher Wut und Hass erzeugen können. Tatsächlich galt Grass im offiziellen Deutschland der Adenauer-Ära zunächst vor allem als obszöner Nestbeschmutzer – „umstritten“ blieb er in Deutschland bis zu seinem Lebensende. In der Rede vor der Akademie in Stockholm machte er auch seine literarischen Wurzeln in der Tradition des maurisch-spanischen Pikaro-Romans deutlich, für den Miguel Cervantes „Don Quijote“ exemplarisch steht. Der Kampf gegen Windmühlenflügel habe sich als ein Modell über die Jahrhunderte erhalten, demzufolge lebe der Pikaro von der „Komik des Scheiterns“ ebenso wie von der Demaskierung der Macht, von der er jedoch wisse, dass er sie nicht zum Einsturz bringen kann.

Familiäre Bindungen in der Schweiz

Seit den 1950er Jahren war Günter Grass nicht nur Deutschland, Frankreich und seinen Danziger Erinnerungen, sondern auch der Schweiz sehr eng verbunden. Seine erste Ehefrau war die Schweizer Balletttänzerin Anna Margareta Schwarz aus Lenzburg/Aargau, die seine frühen Schaffensjahre und seinen kometenhaften Aufstieg teilte. Aus der Ehe mit Anna Schwarz sind vier Kinder hervorgegangen, das Paar trennte sich 1972 und wurde 1978 offiziell geschieden. Eines der Geschenke zur Hochzeitsfeier in Lenzburg war eine Olivetti-Schreibmaschine, auf der der damals 27-jährige Bildhauer-Meisterschüler seine ersten literarischen Arbeiten tippte. Auch die ersten Entwürfe zur „Blechtrommel“ sollen in der Schweiz während verschiedener Aufenthalte bei seinem Schwager in Wettingen entstanden sein. Möglicherweise hat ein Kind aus dem Aargau sogar die erste Inspiration zu seinem Helden Oskar Matzerath geliefert. Bei einem Besuch in Lenzburg begegnete Günter Grass um 1955 dem damals dreijährigen Matthias Scheurer, der die Gastgeber im Hause Schwarz nicht durch eine artige Begrüssung, sondern durch ein trotziges Ständchen auf seiner Blechtrommel erfreute.

Literarische und politische Verbindungslinien

Als über Jahrzehnte tragfähig sollten sich Grass literarische Kontakte in die Schweiz erweisen, an denen unter anderem – bei aller Originalität der individuellen Stimmen – sichtbar wird, wie eng die Verbindungslinien zwischen den Schriftstellern des deutschsprachigen Raums in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Die politische Dimension ist hier ausdrücklich eingeschlossen – nicht nur Grass, sondern auch Frisch und Muschg agierten früh nicht nur als Literaten, sondern auch als „Homo politicus“. Begegnungen zwischen den Literaten dürfte es in grosser Zahl gegeben haben. In den 1970er Jahren lebten Günter Grass und Max Frisch in Berlin-Friedenau für einige Zeit in unmittelbarer Nachbarschaft – Auszüge aus Frischs bisher komplett gesperrten Tagebüchern aus dieser Zeit sind erst jetzt erschienen.

Für den Deutschen war Frisch einer der wenigen Kollegen, mit denen er auch handwerkliche Gespräche – über das Schreiben, seine Formen, seine Technik – führen konnte. Max Frisch hat Günter Grass allerdings zeitlebens immer auch etwas aus der Distanz betrachtet – aus seiner Sicht hatte dieser auf seinem Weg zum „Grossschriftsteller“ die Balance zwischen literarischer Intellektualität und seiner Rolle als politisch-moralischer Instanz der Bundesrepublik nicht immer halten können, was Frisch einmal als einen „Hang zur Publizität“ beschrieben hat. Die Sozialdemokraten Adolf Muschg und Peter Bichsel erwiesen sich dagegen als enge Freunde, was einmal mehr deutlich macht, wie eng für Grass Literatur und Politik verflochten waren. Daneben erwähnte Grass mehr als einmal, dass er in der Schweizer Literaturszene auch das Erzähltalent des Rapperswiler Autors Gerold Späth besonders schätze.



Adolf Muschg über Günter Grass: Unterhaltung zwischen Weggefährten

In einem Interview hat sich Adolf Muschg in der vergangenen Woche über seine Begegnungen mit Günter Grass geäussert. Aus seiner Sicht machen dessen politische Äusserungen zwar bis auf weiteres „den grössten Lärm“, der in den kommenden zehn oder zwanzig Jahren jedoch verklingen dürfte. Erst dann sei es wahrscheinlich möglich, beispielsweise die Sprache der Grass´schen Gedichte erstmals wirklich wahrzunehmen. Im Übrigen sei bei einem Künstler der Irrtum in den Spielraum seiner Werke eingeschlossen, die von ihrer Mehrdeutigkeit leben, nicht recht bekommen müssen und gerade deshalb immer recht behalten. An dieser Stelle widerspricht Muschg auch den Kritikern von Grass, die dem Nobelpreisträger das späte Geständnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS („Die Häutung der Zwiebel“, 2006) und sein „Anti-Israel-Gedicht“ („Was gesagt werden muss“, 2012) zum Vorwurf machen. In seiner Lesart ist das literarische Werk von Günter Grass seit der „Blechtrommel“ vielmehr ein einziges Geständnis. Grass selbst hatte schon 1988 in einer Randbemerkung angedeutet, dass er die Summe seiner Figuren sei, zu denen auch die SS-Männer gehören.

Im Hinblick auf den Israel-Eklat zitiert Muschg einen verstorbenen Freund – den israelischen Wissenschaftshistoriker Yehuda Elkanaa – der der Meinung war, dass das grösste Verhängnis Israels darin bestanden habe, den Holocaust zur Grundlage seiner Identität zu machen. Spätestens seit dem Eichmann-Prozess ergaben sich daraus absolute Trennlinien zwischen Gut und Böse sowie Denk- und Sprechverbote – beides schnitt aus Elkanaas Sicht auch Israel nur allzu oft von „vernünftigen Handlungsmöglichkeiten“ ab. Begegnet waren sich Muschg und Grass zum ersten Mal um das Jahr 1970 in Max Frischs Haus im Tessin – Muschg erinnert sich bis heute an einen zurückhaltenden, nachdenklichen und sehr zivilisierten „Gentleman“ und an eine Unterhaltung zwischen Weggefährten, denen in Bezug auf sich selbst und ihre Länder Selbstkritik nicht fremd war.

In einem Gedicht mit dem Namen „Wegzehrung“ hat Günter Grass schon 1997 beschrieben, wie er sich sein Jenseits vorstellt: „Mit einem Sack Nüsse will ich begraben sein und mit neuesten Zähnen. Wenn es dann kracht, wo ich liege, kann vermutet werden: Er ist das, immer noch er.“ An seinem Todestag hat das Günter-Grass-Haus Lübeck diesen Zeilen auf seiner Webseite publiziert.

 

Oberstes Bild: © Florian K, Wikimedia, GNU

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