250 Jahre elektronische Musik – Teil 3: Die Eroberung neuer Klangwelten im 20. Jahrhundert

06.05.2015 |  Von  |  Musik
Täglich auf dem Laufenden mit dem polizei.news Newsletter!
250 Jahre elektronische Musik – Teil 3: Die Eroberung neuer Klangwelten im 20. Jahrhundert
5 (100%)
4 Bewertung(en)

Im 20. Jahrhundert liess sich elektronische Musik schon recht klar definieren und abgrenzen: Elektronische Klangerzeuger waren zu ihrer Herstellung erforderlich, und bei der Wiedergabe kamen Lautsprecher zum Einsatz.

Zwischen den Jahren 1900 und 1970 entstanden viele elektronische Musikrichtungen, Instrumente und Modeströmungen, deren Einfluss bis heute hör- und spürbar ist. Zu den bedeutendsten gehören das Theremin von 1928 und der erste Moog-Synthesizer aus dem Jahr 1963.

Dies ist ein Bericht über die Geschichte der elektronischen Musik in mehreren Teilen. Hier das Inhaltsverzeichnis:

Teil 1: Elektrische Instrumente des 18. Jahrhunderts

Teil 2: Elektrische Klangerzeugung im 19. Jahrhundert

Teil 3: Die Eroberung neuer Klangwelten im 20. Jahrhundert

Teil 4: MIDI als Schnittstelle zur Computersteuerung elektronischer Klänge

Musiktheorie und Zahlentheorie sind alte Geschwister

Je mittelbarer Musik erzeugt und wiedergegeben wird, desto mehr Raum bleibt für Überlegungen und neue Theorien. Wer einem Violinisten zuhört und zusieht, erlebt und begreift dabei ganz direkt alle Facetten der Klangerzeugung und Klangübertragung. Wer dem Konzert im Radio lauscht, muss schon mit dem Verstand tiefer in die Technik eingestiegen sein, um zu begreifen, was er da hört und wie es an sein Ohr gelangt.

Für Menschen des 21. Jahrhunderts ist es eine Selbstverständlichkeit, mit Klängen umzugehen, die auf Tonträger gespeichert, durch die Luft oder elektrische Leitungen übertragen und dabei zerlegt und wieder zusammengesetzt werden. Wie das genau passiert, wissen die wenigsten – Klänge lassen sich eben irgendwie in Zahlen, elektronische Impulse und Ähnliches umsetzen und später wieder in die Originalklänge zurückverwandeln.

Dass Rhythmen, Melodiefolgen und Harmonien mit Zahlenfolgen und Zahlenmustern verwandt sind, vermuteten Wissenschaftler und Geistliche schon im 17. Jahrhundert. Gute Musik, so die Theorie, ist stets auch eine geschickte Anordnung von Zahlen, also kluge (und natürlich regelrechte) angewandte Mathematik. Sogar Mozart soll mit dem Gedanken gespielt haben, Walzer mit Hilfe zweier Würfel zu komponieren: Die Würfelzahlen sollten bestimmen, in welcher Reihenfolge verschiedene, bereits vorkomponierte Walzertakte gespielt werden.

Zur Entwicklung der elektronischen Musik gehörte es auch, dass manchen Musikern die herkömmliche wohltemperierte Stimmung zu eng erschien. Sie wollten sich mit der Unterteilung der Oktave in 12 Halbtonschritte und der Festlegung der Tonabstände in Dur- und Molltonleitern nicht mehr abfinden und entwarfen neue Konzepte. So legte der italienische Komponist und Musiker Ferruccio Busoni im Jahr 1907 eine Dritteltontheorie als Teil seiner „Neuen Ästhetik der Tonkunst“ vor. Sie passte zu keinem bekannten Instrument – ausser dem riesigen Telharmonium, auch Dynamophon genannt, das im zweiten Teil dieser Serie beschrieben wurde.

Obwohl bis heute jede von der wohltemperierten abweichende Stimmung in europäischen Ohren fremdartig klingt, zeigten Geschichten wie diese, dass die Grenzen der Musikerzeugung oder wahrnehmung menschliche Grenzen und daher auch von Menschen erweiterbar sind – aber nur unter Berücksichtigung der Gesetze von Mathematik und Physik.


Das Theremin (Bild: michelangeloop / Shutterstock.com)

Das Theremin (Bild: michelangeloop / Shutterstock.com)


Musizieren ohne Berührung: Das Ätherophon oder Theremin

In Leningrad erfand und baute der Russe Lew Termen, Leiter des Labors für elektrische Schwingungen am physikalisch-technischen Institut, zwischen 1920 und 1928 ein Instrument, das er Ätherophon nannte. Später ging Thermen in die USA, wo er sich Leon Theremin nannte. Sein Instrument wurde dann ebenfalls in Theremin umbenannt und nimmt bis heute eine Sonderstellung unter den elektronischen Instrumenten ein.

Das Theremin (auch Thereminovox, Thereminvox oder Termenvox) wird berührungslos gespielt: Der Spieler bewegt seine Hände in einem elektromagnetischen Feld, und je nach deren Position und Bewegung gegenüber zwei Antennen (den Elektroden) verändern sich Tonhöhe, -länge und -intensität. Die eigentliche Klangerzeugung geschieht durch die Überlagerung hochfrequenter Töne. Diese Schwingungen des Magnetfelds werden in zuerst in Töne umgesetzt und dann verstärkt, damit sie über den Lautsprecher hörbar sind.

Als Erfindung war das Theremin bahnbrechend, doch musikalisch blieb es ein Nischeninstrument. Sein wimmernder, ätherischer Klang, der beim Auf- und Abschwellen je nach Stimmung des Zuhörers lustig, eigenartig, befremdlich oder unheimlich wirkt, verhinderte, dass es sich in der „ernsten“ Musik oder bei einer breiteren Zielgruppe durchsetzte – obwohl es viele eigens dafür geschriebene und geplante Kompositionen und öffentliche Aufführungen gab. So landete das Theremin in der Ecke der Experimentalisten – und natürlich bei der Filmmusik, denn für Psychothriller, Gruselschocker und Science-Fiction-Filme waren die Gänsehautklänge der Schwebesummerkonstruktion wie geschaffen.

In Vorkriegsklassikern wie „King Kong und die weisse Frau“ und „Frankensteins Braut“ unterstützte das Theremin mit klagenden, stressigen, irren oder gespenstischen Klangeffekten das Filmgeschehen. Hollywood entdeckte es zur Untermalung von psychischen Ausnahmezuständen, Verschwörungen, Übersinnlichem und Übernatürlichem. Der Soundtrack des 1945 produzierten Hollywoodfilms „Spellbound (Ich kämpfe um dich)“ wurde sogar mit einem Oscar prämiert.

Die meisten Theremin-Soundtracks dieser Zeit gehen auf den Arzt Samuel Hoffman zurück, einen begabten und engagierten Theremin-Solisten. Sein später veröffentlichtes Album „Music Out of the Moon“ hatte bald hunderttausende Fans und begleitete im Jahr 1969 sogar die Astronauten von Apollo 11 auf den Mond.

In Europa verlor das Theremin nach dem zweiten Weltkrieg immer mehr an Bedeutung und geriet schliesslich fast in Vergessenheit. Doch in den 1990er Jahren, als Sampling und Homerecording plötzlich erschwinglich war und Techno salonfähig wurde, feierte der seltsamste Pionier unter den elektronischen Instrumenten auch hierzulande ein glamouröses Comeback.



Das Theremin und Bob Moog, Erfinder des Synthesizers

Der Name Moog ist im Zusammenhang mit elektronischer Musik bis heute bekannt: Er steht für den ersten Synthesizer, das Moogtonium, das Robert (Bob) Moog 1963 für einen Komponisten namens Max Brand konstruierte und das die elektronische Musik revolutionieren sollte. Weniger bekannt ist, dass Robert Moog schon als Teenager Theremine baute und dabei viele Erfahrungen sammelte, die ihm später bei der Entwicklung neuer elektronischer Instrumente zugutekamen.

Der Thereminbau war in den 1950er Jahren eine beliebte Bastelei für Tüftler und Hobbyelektroniker – Bauanleitungen gab es im Fachhandel oder in Zeitschriften. Moog machte mit – und begann schon im Alter von 19 Jahren, selbst über das Theremin zu schreiben. Mit seinem Vater zusammen gründete er die R. A. Moog Co., die Bausätze und fertige Theremine per Mailorder verkaufte. Neben seinem Physikstudium entwickelte er das Instrument weiter: Durch Integration der Transistortechnik, die damals noch in den Kinderschuhen steckte, waren seine Theremine kleiner und günstiger, hatten einen grösseren Tonumfang (5 Oktaven) und liessen sich auch auf andere Weise spielen.

Die berühmten Beach Boys verwendeten im Jahr 1966 ein Tannerin, eine nicht berührungslose Thereminvariante, für ihren Hit „Good Vibrations“. Theremine aus Moogs Werkstatt klingen auch in Captain Beefhearts „Electricity“, einem psychedelischen Rocksong, und dem Welterfolg „Whole Lotta Love“ von Led Zeppelin. Bis heute ist Moog Music der grösste Thereminhersteller der Welt.

Fazit: Im 20. Jahrhundert kam die Entwicklung der elektronischen Musik erst richtig in Schwung. Eine besonders bedeutsame Erfindung war das Theremin. Dieses berührungslose Instrument inspirierte später Robert Moog zum Bau des Moogtoniums, das als erster Synthesizer die elektronische Musikwelt revolutionierte.

 

Oberstes Bild: © Maxim Blinkov / Shutterstock.com

Über Christine Praetorius

Christine Praetorius, Jahrgang 1971, spricht und schreibt über Neues, Altes, Schönes und Kurioses. Ich liebe Sprache und Musik als die grössten von Menschen für Menschen gemachten Freuden – und bleibe gerne länger wach, um ihnen noch etwas hinzuzufügen. Seit 2012 arbeite ich mit meinem Mann Christian als freie Texterin, Autorin und Lektorin.

Täglich auf dem Laufenden mit dem polizei.news Newsletter!

Ihr Kommentar zu:

250 Jahre elektronische Musik – Teil 3: Die Eroberung neuer Klangwelten im 20. Jahrhundert

Für die Kommentare gilt die Netiquette! Erwünscht sind weder diskriminierende bzw. beleidigende Kommentare noch solche, die zur Platzierung von Werbelinks dienen. Die belmedia AG behält sich vor, Kommentare ggf. nicht zu veröffentlichen.