Altöl als wertvollen Rohstoff recyceln statt verbrennen

14.05.2015 |  Von  |  Konsum
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Altöl als wertvollen Rohstoff recyceln statt verbrennen
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Die Meinung ist verbreitet, ausrangiertes Altöl müsse so schnell wie möglich entsorgt werden, weil es vor allem gefährlicher, schmutziger Müll ist. Doch die Zeiten haben sich schon geändert: nachhaltiger und moderner ist das professionelle Altölrecycling.

Die Schweiz läuft hierbei jedoch anderen europäischen Ländern immer noch hinterher.

Während hierzulande jede Menge wertvoller Altöle verbrannt werden, zahlen Länder wie Frankreich, Deutschland und Italien Subventionen an Spezialbetriebe zur Aufbereitung gebrauchter Schmierstoffe. Altölraffinerien gibt es übrigens auch in der Schweiz – vor kurzem wurde eine neue Anlage in Russikon eröffnet.

Schweizer Altöl wandert vielfach einfach in den Müll

Die Entsorgung von Sondermüll, zu dem auch Altöl und andere ausrangierte Schmierstoffe gehören, ist immer Vertrauenssache. Für viele Betriebe ist sie ausserdem eine Geldfrage – es ist nicht billig, den problematischen Abfall loszuwerden und dabei auch die jeweils geltenden Umweltschutzrichtlinien einzuhalten.

Autowerkstätten und andere Industriebetriebe, in denen viel Sondermüll anfällt, setzen meist auf Partnerschaften mit Unternehmen, die sich auf die fachgerechte Entsorgung von Gefahrstoffen und Sondermüll spezialisiert haben. Zum Service gehört in der Regel auch das Abholen des Altöls durch geschultes Personal und in eigens dazu konzipierten Behältern und Fahrzeugen.

Damit alles richtig abläuft, werden sowohl die Entstehung als auch die Abholung und eventuelle Weiterverwertung des alten Schmierstoffs genau dokumentiert. Trotzdem wissen viele Betriebe nicht oder nur vage, wohin der Sondermüll letztlich gelangt und was dort damit passiert. Grundsätzlich hat ein Unternehmen seine diesbezüglichen Pflichten erfüllt, wenn das Altöl stets sachgemäss aufgefangen, gelagert und regelmässig von Experten entsorgt wird. Doch mehr generelle Aufklärung auf diesem Gebiet tut Not, damit in diesem Bereich mehr auf Recycling gesetzt wird.

In jedem Jahr fallen in der Schweiz rund 50.000 Tonnen Altöl an. Davon könnten rund 30.000 Tonnen wiederverwertet werden. Doch nach wie vor landet ein viel zu grosser Teil davon am Ende in den kommunalen Anlagen zur Kehrichtverbrennung oder in speziellen Öfen zur Verbrennung von Altölen. Dort wird die Verbrennung zwar kontrolliert, so dass die dabei entstehenden Schadstoffe nicht ungefiltert in die Luft oder ins Grundwasser gelangen, doch das Öl geht damit für den Recyclingkreislauf verloren.

Das ist nicht nur aus Umweltschutzgründen und klimatechnischen Erwägungen wenig nachhaltig, sondern auch wirtschaftlich eine Verschwendung – vor allem, wenn man daran denkt, dass die Schweiz bei der Versorgung mit Mineralöl vollständig vom Ausland abhängig ist. Das alljährlich hier entstehende Altöl sollte daher nicht nur als Sondermüll oder stinkender Abfall gesehen, sondern als wertvolle Rohstoffquelle geschätzt und dementsprechend behandelt werden.

Aus ausrangiertem alten kann neues verwendbares Öl werden

Öl, das als Brennstoff oder Treibstoff verwendet wird, geht schon beim Gebrauch durch Verbrennung verloren. Doch Schmieröl behält seine Substanz – lediglich die Schmiereigenschaften werden mit der Zeit immer schlechter. Das passiert einerseits, weil die Ölmolekülketten durch Hitze, Reibung und Druck zerrieben und damit immer kürzer werden, und andererseits, weil sich andere Stoffe mit dem Öl vermischen. Dazu gehören zum Beispiel Schmutzpartikel und Metallabrieb, aber auch Spuren eingedrungener Feuchtigkeit.

Durch das erneute Raffinieren von Altöl lässt sich daraus wieder hochwertiges Neuöl schaffen, dessen Schmiereigenschaften und Viskosität denen des aus Rohöl raffinierten Frischöls entsprechen. Denn die grundsätzliche Schmierkraft der Ölmoleküle geht auch bei starkem oder langem Gebrauch nicht verloren. Auf dieser Erkenntnis ist nahezu die gesamte zeitgemässe Schmiertechnik aufgebaut – und darum auch die Altölraffination.

Ein Teil der riesigen, jährlich anfallenden Altölmenge wird auch hierzulande bereits zur Zweitraffination gegeben. Firmen, die auf dieses Entsorgungskonzept setzen, sind auf dem richtigen Weg und haben einen Vorreiterstatus inne. Das modernste Reraffinationswerk für Schmieröl ist die erst unlängst eröffnete Raffinerie Russikon AG bei Madetswil im Zürcher Oberland.


Durch das erneute Raffinieren von Altöl lässt sich daraus wieder hochwertiges Neuöl schaffen. (Bild: © GSPhotography - shutterstock.com)

Durch das erneute Raffinieren von Altöl lässt sich daraus wieder hochwertiges Neuöl schaffen. (Bild: © GSPhotography – shutterstock.com)


Das neue Werk wurde vom Unternehmer B. Lämmle vor allem aus Gründen des Gewässerschutzes ins Leben gerufen. Zwei kleinere Raffinationsbetriebe, die Mineralölraffinerie Leimbach AG und die Maxi-Vis AG, schlossen sich dafür zu einem grösseren zusammen. Die Kapazität des Reraffinationswerks ist bereits jetzt beträchtlich: Im Dauerbetrieb könnte die Anlage den gesamten Schmierölbedarf des Landes decken und somit die einzige vorhandene Ölquelle der Schweiz sinnvoll erschliessen. Zudem lässt sich die Kapazität des Werkes in der Zukunft noch erweitern.

Die Reraffination von Altöl und damit verbundene Schwierigkeiten

Bei der Raffination von gebrauchtem und verschmutztem Altöl wird dieses wieder in den qualitativ hochwertigen und sauberen Zustand von frischem Öl zurückgeführt. Flüssige und feste Fremdstoffe werden unter Laborkontrolle durch Destillation und Raffination ausgeschieden. Die neu entstehenden Raffinate werden gefiltert und erneut mit den notwendigen Zusätzen (Additiven) versehen.

Welche Eigenschaften das angelieferte Altöl hat, wird schon vor der Aufbereitung im Labor geprüft. Dabei kann das Altöl verschiedenen Kategorien zugeteilt werden:

  • altes Öl aus Verbrennungsmotoren,
  • Altöle aus hydraulischen Anlagen,
  • Altöle aus metallverarbeitenden Betrieben,
  • Gemische aus verschiedenen Altölen und
  • Altöle, die in Emulsion mit Wasser vorliegen.

Alle Gruppen ausser der letztgenannten können recycelt werden. Nur die Wasser-Altöl-Emulsionen sind nicht raffinationswürdig – ihre Aufbereitung wäre zu teuer und damit unwirtschaftlich.

Bei der Reraffination der verschiedenen Altölgruppen kommen verschiedene Verfahren zur Anwendung, um Alterungsstoffe und Verbrennungsrückstände, Metallabrieb, Fremdstoffe (Lösungsmittel, Fett), freies oder gebundenes Wasser und unverbrauchte Additive auszuscheiden. Einiges davon kann schon vor dem erneuten Raffinieren abgetrennt werden, beispielsweise durch Sedimentation. Dabei wird das Altöl in speziellen Behältern gelagert, und schwere Fremdstoffe wie Schlämme oder Metallpartikel sinken nach unten und lagern sich am Boden des Behälters ab.

Zeitgemässe Raffinationstechniken zur Aufbereitung von Altöl sind das Ergebnis jahrelanger Studien und Forschungen. Auch verschiedene Chemikalien kommen dabei zum Einsatz, etwa zum Ausfällen alter Additive oder zum Entziehen und Zersetzen von Säure- und Fettrückständen. Die Zusammenstellung und Dosierung der Chemikalien sowie die laborunterstützte Überwachung von deren Wirkweise sind eine Wissenschaft für sich.

Trotz aller technischer und wissenschaftlicher Fortschritte ist der Aufwand bei der Altölaufbereitung in vielerlei Hinsicht noch höher als der Lohn. Denn Altöl ist kein sanfter, sondern ein durchaus aggressiver Rohstoff. Es greift die Leitungen, Pumpen und Aggregate der Anlage an, so dass diese recht häufig gewartet oder ersetzt werden müssen.

Diesem Problem begegnete man im neuen Werk in Russikon mit Modernisierungen am Raffinationssystem sowie mit der weitgehenden Automatisierung der Vorgänge. So arbeitet die zukunftsweisende Anlage allen Nachteilen zum Trotz selbsttragend – ein wichtiger Punkt, wenn Subventionen fehlen.



Fazit: Die Schweiz produziert kein Rohöl, aber jedes Jahr fallen rund 50.000 Tonnen Altöl an. Mehr als die Hälfte davon könnte durch Reraffination wieder zu frischem Öl werden. Leider wird das Altöl vieler Betriebe zwar fachgerecht gelagert und abgeholt, aber schliesslich doch verbrannt – dabei stellen gebrauchte Schmierstoffe eine wertvolle Rohstoffquelle dar.

 

Oberstes Bild: © Christian Lagerek – shutterstock.com



Über Christine Praetorius

Christine Praetorius, Jahrgang 1971, spricht und schreibt über Neues, Altes, Schönes und Kurioses. Ich liebe Sprache und Musik als die grössten von Menschen für Menschen gemachten Freuden – und bleibe gerne länger wach, um ihnen noch etwas hinzuzufügen. Seit 2012 arbeite ich mit meinem Mann Christian als freie Texterin, Autorin und Lektorin.

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