Einsam in der Schweiz: Deutsche fühlen sich abgelehnt

29.06.2015 |  Von  |  News
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Lange Zeit bildeten Deutsche die grösste Gruppe an Schweizer Zuwanderern, was sich in den letzten Jahren aber grundlegend geändert hat. Die Deutschen tun sich schwer, Anschluss zu finden, und auch mit der Jobsuche sieht es längst nicht mehr rosig aus.

Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise 2008 zogen mehr als 33’000 Zuwanderer aus Deutschland in die Schweiz. Im Jahr 2014 waren es gerade mal 6200 Personen.


Die Statistik zeigt die Entwicklung der Anzahl der in der Schweiz lebenden Deutschen. (Quelle: © Statista)

Die Statistik zeigt die Entwicklung der Anzahl der in der Schweiz lebenden Deutschen. (Quelle: © Statista)


Massgeblichen Anteil an diesem Rückgang hatten sicherlich die Volksinitiative gegen „Masseneinwanderung“ und die damit einhergehende öffentliche Diskussion. Ein weiterer Grund ist ohne Zweifel die positive Konjunktur in Deutschland, dank derer es wieder viele Jobs gibt, wenn sie auch oft sehr schlecht bezahlt werden.

Bei vielen Schweizer Unternehmen sind Deutsche hingegen nicht die erste Wahl. Wegen des derzeit niedrigen Wirtschaftswachstums halten sich Arbeitgeber mit Jobangeboten eher zurück. Stellen sie ein, geben sie bei gleicher Qualifikation meist einheimischen Bewerbern den Vorzug.

Nicht nur Arbeitgeber haben Vorbehalte gegen die Menschen aus dem Nachbarland: Ein wesentlicher Teil der Bevölkerung mag am liebsten diejenigen Deutschen, die der Schweiz so fern wie möglich bleiben. Die Vorwürfe reichen von arrogantem Auftreten über fehlende Manieren bis hin zur Weigerung, sich der Sprache und den Gepflogenheiten anzupassen.

Umgekehrt fühlen sich deutsche Zuwanderer von Einheimischen herablassend bis abweisend behandelt oder komplett ignoriert, beklagen sich über Humorlosigkeit und mangelnde Hilfsbereitschaft. Viele sind in der Schweiz sehr einsam und finden keine neuen Freunde.

Diese Intoleranz auf beiden Seiten beruht, wie so oft, auf pauschalen Vorurteilen. Natürlich gibt es unsympathische Deutsche, und es gibt unsympathische Schweizer – ebenso wie das bei den Italienern, Spaniern oder Österreichern der Fall ist. Verallgemeinerungen sind immer gefährlich und schlagen leicht in Hass um, wie es derzeit leider deutlich auf der ganzen Welt zu sehen ist.

Mit der Integration kann es nur klappen, wenn jeder einen Schritt auf den anderen zugeht. Kompromisse zu schliessen lernen Dreijährige schon im Kindergarten. Aber uns Erwachsenen, gleich welcher Nationalität, fällt es oft erstaunlich schwer, mit Mitmenschen auszukommen, die nicht in unser Schema passen.


Für deutsche Zuwanderer ist es nicht immer leicht, in der Schweiz heimisch zu werden.  (Bild: xtock – shutterstocck.com)

Für deutsche Zuwanderer ist es nicht immer leicht, in der Schweiz heimisch zu werden. (Bild: xtock – shutterstocck.com)


Ausgegrenzt und benachteiligt

Wie geht es deutschen Ausländern an ihrem Arbeitsplatz und im Alltag? Um das herauszufinden, hat die Wirtschaftsuniversität Wien in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen 2014 eine Studie durchgeführt. Rund 1000 in der Schweiz lebende und arbeitende Deutsche bzw. Grenzgänger nahmen teil und beantworteten einen umfassenden Online-Fragebogen.

Demnach müssen Deutsche zum Teil gravierende Nachteile in Kauf nehmen. 21 % der Befragten gaben an, dass ihnen wegen ihrer Nationalität mindestens einmal der Kauf oder die Miete einer Immobilie verweigert wurde. 15 % haben aus dem gleichen Grund einen Job nicht bekommen, und 14 % hatten Probleme mit den Nachbarn, die ihnen das Leben schwermachten.



In der Freizeit fühlt sich gut ein Fünftel der Deutschen mehrmals pro Jahr ungerecht oder mit wenig Respekt behandelt, wird im Restaurant demonstrativ übersehen oder in Geschäften nur widerwillig bedient.

Nur die Hälfte der Befragten gab an, niemals beschimpft oder beleidigt zu werden. Bei 13 % geschieht dies dagegen mehrmals im Jahr, bei 2 % sogar fast täglich.

Allerdings: Ob die genannten Nachteile immer auf die Nationalität zurückzuführen sind oder ob dies in einzelnen Fällen lediglich dem persönlichen Empfinden entsprach, lässt sich aus dieser Umfrage nicht ableiten.

Auch im Job gibt es häufig Probleme. Ein anti-deutsches Klima ist in vielen Unternehmen spürbar, mit unterschiedlichen Ausprägungen: abfällige Kommentare von Kollegen, eingeschränkte Karrieremöglichkeiten, Zurückhalten von Informationen bis hin zu offenem Mobbing. So verwundert es nicht, dass Deutsche ihr Deutsch-Sein irgendwann als Defizit empfinden. Dieser Aussage stimmen 13 % der Befragten voll und 34 % mit Einschränkungen zu.

Auf der anderen Seite gibt knapp ein Drittel an, dass Vorgesetzte zwischen Schweizern und Deutschen keinen Unterschied machen und auch die Kollegen untereinander gut miteinander auskommen.

Im Ergebnis fühlen sich rund 30 % in der Schweiz nicht willkommen. Das kommt auch in der Sprache zum Ausdruck. Um nicht an ihrer Aussprache als Deutsche erkannt und darauf reduziert zu werden, sprechen 23 % in manchen Situationen gar nicht oder weniger, als sie eigentlich möchten.



Mangelndes Wissen über das neue Leben im Ausland

Der grösste Fehler, den ein deutscher Zuwanderer machen kann: glauben, dass zwischen alter und neuer Heimat keine grossen Unterschiede bestünden. Natürlich trifft das nicht zu. Aber woher kommt diese Annahme? Vielleicht liegt es daran, dass Deutsch eine der vier offiziellen Landessprachen ist. So wandern viele Deutsche mit geradezu bestürzender Unwissenheit in die Schweiz ein, informieren sich weder über Arbeitsrecht, Krankenversicherung und Steuern noch über die Mentalität der Menschen und angemessene Umgangsformen.

Diese Blauäugigkeit wird oft als Arroganz verstanden und führt fast zwangsläufig zu Ablehnung und Ausgrenzung. Es gibt kein allgemeines Rezept, um sich davor zu schützen. Ein Schlüsselfaktor ist sicherlich: Wissen. Wissen über die Menschen, Gebräuche und Besonderheiten, das politische System, die Gesetze und die Sprachen – schliesslich will man hier künftig leben. Jedem Einwanderungswilligen ist dringend zu empfehlen, sich lange vor der Abreise damit zu beschäftigen und gründlich zu informieren. Das gilt selbstverständlich nicht nur für die Schweiz, sondern für jedes Land.

Das Heimweh zieht viele zurück

Wer auswandert, hat meist hohe Erwartungen an die Zukunft und das Leben im neuen Land. In der Schweiz erfüllen sich diese Vorstellungen für viele Deutsche offenbar nicht. So kehrt jeder dritte schon in den ersten eineinhalb Jahren der Schweiz den Rücken und geht zurück in die Heimat.

Der Verlust von Freunden und Verwandten ist oft schwerer als vermutet, und so ist Heimweh ein oft genannter Grund für die Rückkehr. Hinzu kommen die beschriebenen Probleme wie Einsamkeit und ablehnendes Verhalten der Einheimischen. Andere verlieren ihren Job und haben es schwer, eine gleichwertige Arbeitsstelle zu finden. Häufig war die Auswanderung durch vermeintliche finanzielle Vorteile motiviert. Das hohe Gehaltsniveau relativiert sich aber angesichts der ebenfalls hohen Lebenshaltungskosten, sodass unter dem Strich nicht unbedingt mehr Geld bleibt.



Hilfreiche Seiten im Web

  • Verein für Deutsche in der Schweiz:
    www.deutsch-schweiz.ch
    Umfangreiche Infos vom Umzug bis zur Umschreibung des Führerscheins; Mitgliedschaft möglich; Unterstützung bei der Jobsuche und Finanzplanung.
  • Checkliste Auswandern der Schweizerischen Eidgenossenschaft: eda.admin.ch/eda/de/home/leben-im-ausland/auswandern/checkliste-auswandern.html
    Ratgeber mit Zeitplan und umfangreichen Hinweisen, vor allem in Bezug auf die erforderlichen Papiere.
  • Portal für Auswanderer:
    www.auswandern-schweiz.net
    Neben allgemeinen Informationen gibt es ein Forum, in dem sich Deutsche und Schweizer austauschen können.

 

Oberstes Bild: © Nicolas Raymond shutterstock.com



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1 Kommentar


  1. Als Hinweis kann an dieser Stelle für deutsche Arbeitnehmer in der Schweiz, die dort ihren Wohnsitz haben, noch angemerkt werden, dass man darauf achten sollte, dass, auch wenn man nachweislich nicht in der Kirche ist, diese Steuer nicht belastet wird. Denn einige Kantone handhaben es nach meiner Erfahrung seit längerem so, dass diese Arbeitnehmer Kirchensteuer bezahlen und innerhalb der Quellensteuer es nicht direkt ersichtlich ist, dass sie sie zahlen!

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