Keine Zweifel an Verfolgung von Christen in Flüchtlingsheimen

25.05.2016 |  Von  |  News
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Keine Zweifel an Verfolgung von Christen in Flüchtlingsheimen
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Das überkonfessionelle christliche Hilfswerk Open Doors hält trotz eines kritischen F.A.S.-Artikels an den Ergebnissen einer Erhebung fest, welche die Verfolgung von christlichen Flüchtlingen in deutschen Flüchtlingsunterkünften dokumentiert.

Am 9. Mai lud Open Doors gemeinsam mit dem Zentralrat der Orientalischen Christen (ZOCD), der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), der Aktion für verfolgte Christen (AVC), Kirche in Not (Weltweites Hilfswerk Päpstlichen Rechts) sowie Pfarrer Dr. Gottfried Martens von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) Berlin-Steglitz und auch zwei Betroffenen zu einer Pressekonferenz in Berlin ein.

Dabei wurden die Ergebnisse einer Erhebung von Open Doors mit dem Titel „Religiös motivierte Übergriffe gegen christliche Flüchtlinge in Deutschland“ vorgestellt. Diese Erhebung dokumentiert anhand detaillierter Fragebögen die Erfahrungen von 231 christlichen Flüchtlingen in deutschen Flüchtlingsunterkünften.

Darin berichten sie von gewaltsamen Angriffen, Drohungen und Diskriminierungen, die demzufolge gehäuft auftreten. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (F.A.S.) hat sich in ihrer Printversion vom 22.05. umfangreich und mit deutlicher Kritik zur Erhebung von Open Doors geäussert. Sie titelt auf S. 1 „Unseriöse Studie – Zweifel an Christenverfolgung in Flüchtlingsheimen“ und verweist auf einen umfangreichen Bericht auf S. 4.

F.A.S. stellt deutschlandweite Erhebung in Frage

Die F.A.S. schreibt, die Erhebung von Open Doors sei eine „Behauptung, der die Belege fehlen“. Sie bezweifelt, dass die Erhebung deutschlandweit durchgeführt wurde und führt dazu aus [Zitat F.A.S.]: „Das christliche Hilfswerk ‚Open Doors‘ hatte vor zwei Wochen die Erhebung über ‚Religiös motivierte Übergriffe gegen christliche Flüchtlinge in Deutschland‘ veröffentlicht und von flächendeckenden Fällen von Gewalt und Drangsalierung gegenüber Christen in den Unterkünften berichtet. Nun bestätigte die Organisation auf Anfrage der F.A.S., dass fast zwei Drittel der in der Erhebung aufgeführten mutmasslichen Opfer aus einer einzigen Gemeinde in Berlin stammten. In der Publikation heisst es aber: ‚Die Erhebung fand deutschlandweit statt.'“ [Zitat Ende]

Damit erweckt die F.A.S. den Eindruck, sie habe hier einen besonderen Schwachpunkt der Erhebung aufgedeckt. Open Doors stellt dazu fest, dass in der Erhebung an keiner Stelle von „flächendeckenden Fällen von Gewalt und Drangsalierung gegenüber Christen“ die Rede ist, sondern von „gehäuftem Auftreten“ (Seite 6).

Auf Seite 11 der Erhebung heisst es weiter: „Die regional sehr unterschiedlichen Rücklaufzahlen der Fragebögen lassen keine Rückschlüsse über das Ausmass der Übergriffe pro Bundesland zu. Vielmehr waren sie von dem Engagement und der Erreichbarkeit der Bezugspersonen abhängig, die sich in dem Berichtszeitraum an der Befragung beteiligt haben. Hinzu kommt, dass Open Doors nur wenige Wochen zur Verfügung standen, um einen möglichst grossen und vertrauenswürdigen Personenkreis zu erreichen und zu mobilisieren, an dieser Erhebung teilzunehmen.“

Die von der F.A.S. monierte Besonderheit, dass über die Hälfte der Befragten aus Berlin stammt, ist für die Aussagekraft der Erhebung von wenig Belang und wurde dort bereits klar kommuniziert (s. Seite 11): „49% der Befragten (114 Personen) wohnten zum Zeitpunkt der Befragung noch in einer Erstunterkunft in einem der Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen-Anhalt, wobei Berlin mit insgesamt 124 Personen etwas über die Hälfte der Befragten stellt.“

Die Erhebung wurde bei der Pressekonferenz am 9. Mai an alle Journalisten verteilt und ist seitdem frei einsehbar unter www.opendoors.de/erhebung_fluechtlinge.



F.A.S.: Belege aus Grosskirchen fehlen

Im F.A.S.-Artikel heisst es: „Trotz mehrfacher Nachfrage ist die Organisation … nicht in der Lage, auch nur einen Pfarrer aus dem Bereich der grossen Landeskirchen zu benennen, der an einem Fragebogen mitgewirkt hat.“

Entgegen der Aussage der F.A.S. gab es Rückläufe ausgefüllter Fragebögen auch von Pfarrern aus der Landeskirche. Der Redakteur der F.A.S. hatte jedoch ausdrücklich nach Fragebögen aus Hessen und Niedersachsen gefragt. Dementsprechende Berichte lagen nicht vor und waren innerhalb einer Woche nicht zu erhalten.

Dass aber durchaus auch die Landeskirchen von Übergriffen gegen christliche Flüchtlinge berichten, konnte man bereits verschiedentlich der Presse entnehmen. So formulierte ein EKD-Sprecher gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd), der Rat der EKD habe bereits zu Jahresbeginn seine Besorgnis über Gewalt gegen Christen zum Ausdruck gebracht.

Auch auf der letzten katholischen Bischofskonferenz wurde über eine aktuelle Umfrage zur Situation von christlichen Flüchtlingen in den deutschen Bistümern gesprochen: Diese Erhebung „legt die Einschätzung nahe, dass Einschüchterung und Diskriminierung (bis hin zu Gewalt) gegenüber christlichen Bewohnern von Flüchtlingseinrichtungen kein geläufiges, wohl aber ein immer wieder auftretendes Problem sind, das ernst genommen werden muss“ (kath.net.news).

Kein einziger Fall in einem kirchlich betriebenen Flüchtlingsheim?

Der F.A.S Redakteur zieht das Fazit: „Auf Nachfrage war es Open Doors nicht möglich, einen einzigen Fall in einem kirchlich betriebenen Heim zu nennen.“ Markus Rode hatte dem F.A.S. Redakteur jedoch angeboten, eine Verbindung zu einem Flüchtlingsheim unter kirchlicher Trägerschaft herzustellen, in dem es mehrere Betroffene gegeben hat, allerdings nicht in den vom F.A.S. Redakteur gewünschten Bundesländern.

In dem Artikel der F.A.S. war zu lesen: „Rode sagte, er könne 500 Fälle von religiös motivierter Gewalt in kirchlich betriebenen Heimen nennen.“ Diesem angeblichen Zitat widerspricht Rode gegenüber dem Redakteur der F.A.S vehement, da die Erhebung dann nicht 231 sondern weit über 500 dokumentierte Übergriffe hätte enthalten müssen. Der zuständige Redakteur veranlasste daraufhin zumindest die Löschung dieser Aussage in der Onlineversion der F.A.S.

Für Open Doors ist  nicht entscheidend, ob die Übergriffe auf christliche Flüchtlinge und andere religiöse Minderheiten in Heimen mit kirchlicher oder säkularer Trägerschaft stattfinden, auch nicht, ob mehr in Berlin als in Bayern oder Niedersachsen. Dagegen ist es Open Doors äusserst wichtig, dass die von religiös motivierten Angriffen Betroffenen endlich eine Stimme erhalten und aus dem Klima der Angst befreit und geschützt werden.

„Begründete Zweifel an Glaubwürdigkeit der Flüchtlinge“

Die F.A.S. stellt die Glaubwürdigkeit der Flüchtlinge in Frage, indem sie einen Fall aus der Gemeinde des Berliner Pfarrers Dr. Gottfried Martens aufgreift. Mehrere dieser Fälle von Pfarrer Martens wurden bereits von Medien durch Gespräche mit den Betroffenen recherchiert und als glaubwürdig eingeschätzt.

Die F.A.S. greift den in der Erhebung von Open Doors genannten Fall eines christlichen Ehepaars aus Afghanistan (Konvertiten) auf, das aufgrund massiver Drangsalierung in seiner Unterkunft in die Kirche von Pfarrer Martens geflohen war. In diesem Zusammenhang kommt auch ein Vertreter der Betreibergesellschaft zu Wort. Seine Aussage, die Vorwürfe seien „zu 100% aus der Luft gegriffen“ deckt sich exakt mit der Problematik, die bereits in der Erhebung benannt wird: Oftmals haben Heimleiter und Betreiber keinerlei Interesse daran, religiös motivierten Übergriffen nachzugehen.

Lesen Sie auch die Anmerkungen zu dem F.A.S.-Artikel von (oben genanntem) Pfarrer Dr. Martens aus Berlin. Stellungsname von Pfarrer Dr. Martens

Ausgeprägtes Interesse zeigte die F.A.S. an einem „besonders eklatanten Fall der Gewalt gegen einen Christen“ in Hessen oder Niedersachsen. Einen solchen sollte Open Doors kurzfristig zugänglich machen. Dazu wurde der Kontakt zu Pastor Michel Youssif hergestellt, der zahlreiche christliche Flüchtlinge im Rahmen seiner arabischsprachigen Gemeinde betreut.

Ein Flüchtling aus dem niedersächsischen Lamspringe hatte ihm berichtet, dass er wegen seiner erklärten Absicht, als Alevit zum christlichen Glauben zu konvertieren, bereits mehrfach von sunnitischen Muslimen und IS-Sympathisanten angegriffen worden sei. Der Pastor glaubte ihm. Eine telefonische Nachfrage der F.A.S. im Flüchtlingsheim erbrachte, dass der christliche Flüchtling „aggressiv“ gewesen sei: „,Die Aggression ging ja von ihm selbst aus‘, sagt der ASB-Sprecher. ‚Dieser Mann ist einfach sehr aggressiv.'“

Dies bestätigte auch die neue Heimleiterin, eine sunnitische Muslima aus dem Sudan. Weitere Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Mannes habe laut F.A.S. eine Aussage von Pastor Youssif geweckt, der durch ein weiteres Gespräch zu der Überzeugung gekommen sei, dass der christliche Glaube des Mannes nicht Ursache des Konflikts war.

Im Telefonat mit Open Doors betonte Pastor Youssif jedoch, dass er dies so nicht gesagt habe und dass ihm ausserdem der zuständige Redakteur zugesichert habe, ihm den Artikel vor der Veröffentlichung vorzulegen. Dies sei jedoch nicht geschehen. Youssif sagte weiter: „Die Aussage des Flüchtlings steht gegen die Aussage des Heimbetreibers.“

Das führt zu demselben Ergebnis wie im vorher genannten, von der F.A.S. recherchierten Fall bei Pfarrer Martens in Berlin: „Begründete Zweifel“ an der Glaubwürdigkeit der Betroffenen und damit auch der vorliegenden Erhebung und den Organisationen wie Open Doors und den anderen NGOs, die den Schutz christlicher Flüchtlinge fordern.

Wie Pastor Youssif jedoch zu berichten wusste, hatte der betroffene Flüchtling aus Lamspringe nach dem F.A.S.-Interview grosse Angst auf die Strasse zu gehen. „Er hat mehrere Male bei mir angerufen und versichert, dass er die Wahrheit sage. Immer wieder sagte er auch: ‚Bitte, ich habe Angst!'“

Dazu passt die traurige Beobachtung, dass kein einziger Besucher aus Pastor Youssifs Flüchtlingsgemeinde bereit war, an der anonymen Erhebung von Open Doors teilzunehmen oder mit Medien zu sprechen – aus Angst vor den möglichen Konsequenzen.

In dem Artikel der F.A.S. heisst es zum Vorfall mit dem Flüchtling aus Lamspringe: „Rode halte den Flüchtling für glaubwürdig. Gesprochen habe er mit ihm aber nie.“ Leider wurde auch dieses Zitat tendenziös verändert. Markus Rode hatte dem Redakteur schriftlich mitgeteilt: „Auch wenn es so auszusehen scheint, dass dieser christliche Flüchtling nach Aussage der Heimleitung und Mitflüchtlingen gelogen haben soll, schliesse ich mich diesem abschliessenden Urteil nicht an. … Fazit: Für mich ist dieser Christ jedenfalls nicht per se … als unglaubwürdig einzustufen.“

Religiöse Motive?

Der F.A.S.-Artikel titelt „Weil sie Christen sind?“ und stellt damit in Frage, dass es sich um religiös motivierte Übergriffe handelt. Open Doors bestätigt: Die Berichte der betroffenen christlichen Flüchtlinge lassen keinerlei Zweifel daran aufkommen, warum sie Gewalt erfahren. Die ausgefüllten Fragebögen bedürfen keiner weiteren Erklärungen, denn hier wird durch die Aussagen der Christen klar belegt, dass es sich um religiös motivierte Übergriffe handelt.

Die religiösen Minderheiten benötigen Schutz

Der F.A.S.-Artikel versucht, die Bemühungen von Open Doors zum Schutz religiöser Minderheiten sowie die damit verbundene Erhebung als unseriös darzustellen. Dennoch wird Open Doors auch in Zukunft alle bekannt werdenden Vorfälle religiös motivierter Übergriffe in deutschen Flüchtlingsheimen dokumentieren und der Öffentlichkeit zur Kenntnis bringen.

Open Doors ist durch die Vorgehensweise des F.A.S.-Redakteurs erneut bewusst geworden, wie sensibel und riskant eine Recherche für betroffene Flüchtlinge sein kann, die den Mut hatten, ihre Erlebnisse zu schildern und dadurch am Ende mit noch grösseren Problemen konfrontiert sind.

Deshalb ist es umso wichtiger, endlich die Forderungen, die Open Doors gemeinsam mit den o.g. NGOs sowie dem Zentralrat der Orientalischen Christen in Deutschland gestellt haben umzusetzen, um den Betroffenen christlichen Flüchtlingen sowie anderen religiös verfolgten Minderheiten die Religionsfreiheit und den Schutz zu gewähren, der ihnen in einem Land wie Deutschland zusteht.

Die Erhebung finden Sie hier.

 

Artikel von: Open Doors Deutschland e.V.
Artikelbild: © Tiko Aramyan – Shutterstock.com

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