Verfolgung von christlichen Flüchtlingen: Alles „Lüge“?

28.05.2016 |  Von  |  Gesellschaft, News
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Verfolgung von christlichen Flüchtlingen: Alles „Lüge“?
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Ein kritischer F.A.S.-Artikel hat die „Seriosität“ einer Erhebung des überkonfessionellen christlichen Hilfswerks Open Doors angezweifelt, welche die Verfolgung von christlichen Flüchtlingen in deutschen Flüchtlingsunterkünften dokumentiert. (Wir berichteten.)

In einer Stellungnahme äussert sich Pfarrer Dr. Gottfried Martens von der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde in Berlin-Steglitz zu den angeblichen „Enthüllungen“ der FAZ. Wir geben im Folgenden die Stellungnahme wieder.

Lügen christliche Flüchtlinge? Stellungnahme von Pfarrer Dr. Gottfried Martens

Zu den angeblichen „Enthüllungen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) in ihrer Ausgabe vom 22.5.2016 hat Open Doors in seiner Presseerklärung dankenswerterweise einiges schon klargestellt.

Hier noch ein paar weitere Anmerkungen:

1. Es ist mehr als befremdlich, in welcher Weise sich die Verfasser der Beiträge in der F.A.S. gleichsam als „Enthüllungsjournalisten“ gerieren. Die beiden waren zwei Tage nach der Pressekonferenz in unserer Gemeinde zu Besuch und haben im Übrigen daraufhin am 23. Mai in der FAZ einen sehr erfreulichen grösseren Artikel über die Arbeit unserer Gemeinde veröffentlicht, der keinen Hinweis darauf erkennen lässt, dass wir hier in unserer Gemeinde nicht seriös arbeiten würden.

In dem Gespräch mit ihnen hatten wir auch ganz offen über die Fragebogenaktion gesprochen; ich hatte ihnen auch die Zahlen genannt und ebenso die Gründe dafür, dass die Rückmeldungen aus unserer Gemeinde besonders zahlreich ausgefallen sind. Sie sind ja im Wesentlichen auch in der Studie (Erhebung von Open Doors) selber genannt und reflektiert und auch auf der Pressekonferenz (am 9. Mai in Berlin) noch einmal thematisiert worden.

Eine Nachfrage bei Open Doors war insofern tatsächlich gar nicht nötig. Es muss offenbar andere Gründe geben, weshalb hier nun so reisserisch angeblich „enthüllt“ wird, was gar nicht enthüllt werden musste.

2. Ich wage es zu bezweifeln, dass es längerer Recherche der F.A.S.-Journalisten bedurft hat, um an das interne Papier aus dem Bereich der Westfälischen Landeskirche zu kommen. Offenkundig gibt es aus dem Bereich der Landeskirchen ein Interesse daran, alle, die auf Übergriffe gegen christliche Flüchtlinge in den Asylbewerberheimen hinweisen, auch öffentlich als „Islamfeinde“ oder „Pegida- Sympathisanten“ hinzustellen und damit zu diffamieren.

Bezeichnend ist der letzte Satz des F.A.S.-Artikels über die angeblich „Unseriöse Studie“: Als ein entscheidendes Argument gegen die Seriosität der Studie wird angeführt, Open Doors habe nicht einen Fall nennen können, „bei dem ein Pfarrer einer Landeskirche Angaben eines Opfers bestätigte.“ Abgesehen davon, dass diese Behauptung der F.A.S.-Journalisten, wie gezeigt, offenkundig unwahr ist, seien die Verfasser darauf hingewiesen, dass wir nicht mehr im 19. Jahrhundert leben: Es gibt neben den Landeskirchen tatsächlich auch noch andere seriöse Kirchen, deren Seriosität nicht erst noch von einer Bestätigung durch einen Kirchenbeamten der evangelischen Landeskirche abhängt. Und wenn orthodoxe, lutherische und freikirchliche Christen zusammenarbeiten, dann ist das in der Tat „überkonfessionell“, auch wenn die evangelischen Landeskirchen dabei nicht die Deutungshoheit beanspruchen können.

3. Es gibt in der Tat eine methodische Schwäche in der Studie (Erhebung von Open Doors), die aber benannt wird und die in der Natur der Sache liegt: Viele derer, die die Fragebögen ausgefüllt haben, haben dies nur deshalb getan, weil ihnen zugesichert wurde, dass sie nicht anschliessend als Verfasser in ihren jeweiligen Heimen „geoutet“ werden. Nur weil ich ihnen diese Zusicherung gegeben habe, waren viele der Verfasser der Fragebögen überhaupt dazu bereit, über ihre Leiden zu berichten.

Es ist verständlich, dass nicht überall den bedrängten Christen solche Vertrauenspersonen als Ansprechpartner zur Verfügung standen, so dass sie aus Angst davor, dass ihnen aufgrund ihrer Aussagen Nachteile drohen, die Fragebögen lieber nicht ausgefüllt haben.

Wenn jetzt Journalisten bei den Einzelfällen nachbohren wollen, weil sie die Glaubwürdigkeit der bedrängten Christen in Frage stellen, bleibt uns in vielen Fällen nichts anderes übrig, als unsere Zusage gegenüber den Verfassern einzuhalten und ihre Identität nicht preiszugeben. Journalisten sollten jedoch wissen, dass ein solcher Zeugenschutz so ungewöhnlich nun auch wieder nicht ist.

4. Ich erfahre es immer wieder – und so wird es auch in der Studie (Open Doors) thematisiert –, dass die bedrängten Christen den Eindruck haben, dass die Heimleitungen ihre Probleme nicht ernst nehmen oder beispielsweise auch in vielen Fällen vom Wachschutz falsch informiert werden. Viele der Übergriffe werden aus Angst vor Repressionen auch erst gar nicht den Heimleitungen gemeldet.

Wenn nun sowohl Vertreter der grossen Kirchen als auch die Journalisten der F.A.S. meinen, die Aussagen betroffener bedrängter Christen durch eine blosse Nachfrage bei den Heimleitungen „widerlegen“ zu können, ist dies methodisch mehr als fragwürdig. Natürlich wird man in Deutschland kaum eine Heimleitung finden, die erklärt, in ihrem Heim würden Christen bedrängt und diskriminiert. Wie naiv muss man sein, um aufgrund der Aussagen von Heimleitungen das Problem für nichtexistent zu erklären oder gar diejenigen, die von ihren Erfahrungen in den Heimen berichten, aufgrund dieser Aussagen als Lügner hinzustellen!

5. Dies gilt auch ganz konkret für den Fall des Ehepaars, das in einem Berliner Heim von einem afghanischen Heimleiter massiv gemobbt wurde. Zunächst ist festzuhalten, dass dieser Fall nicht zu den 231 Fällen zählt, die in der Studie (Open Doors) ausgewertet wurden, da er sich erst nach Abschluss der Umfrage ereignete. Weiter ist festzuhalten, dass in diesem Fall, der angeblich „hundertprozentig aus der Luft gegriffen ist“, mittlerweile der Staatsschutz ermittelt. Er teilt die von den F.A.S.-Journalisten dargestellte Sicht offenkundig nicht.

Dass eine Heimleitung die massiven Vorwürfe gegen sich leugnet, ist verständlich. Dass man dieses Dementi zum Anlass nimmt, von „begründeten Zweifeln an der Darstellung der Opfer“ zu sprechen, ist jedoch mehr als befremdlich.

Der Vorwurf, dass die Opfer nur eine Umsiedlung in eine bessere Unterkunft erreichen wollten, ist der Standardvorwurf, der fast allen christlichen Asylbewerbern, die aus ihrem Heim nach Übergriffen fliehen mussten, vom Landesamt für Gesundheit und Soziales hier in Berlin automatisch gemacht wird. Er ist offenkundig ebenso eine feste Sprachregelung wie die Behauptung, bei Übergriffen gegen christliche Asylbewerber ginge es grundsätzlich immer nur um „Konflikte ums Essen“.

Ich habe nach wie vor keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Aussagen des Ehepaars, das mir persönlich gut bekannt ist. Die von der Heimleitung geäusserte Unterstellung halte ich für absurd. Selbst muslimische Bewohner der Unterkunft hatten den Heimleiter gefragt, warum er denn dieses christliche Ehepaar so sehr schikanieren würde!

6. Wir kommen damit zu der eigentlichen Problematik der F.A.S.-Beiträge: Sie spielen mit Ressentiments gegen Asylbewerber in unserer Gesellschaft und stellen christliche Asylbewerber, die von Übergriffen in den Heimen betroffen sind, auf sehr subtile Weise unter einen Generalverdacht, Lügner zu sein. Ist doch klar: Die Asylbewerber lügen doch alle! Wenn man genauer hinschaut, können die Verfasser lediglich darauf hinweisen, dass in zwei von ihnen recherchierten Fällen Aussage gegen Aussage steht. Doch genau das wird in der Open Doors-Studie ja ausführlich beschrieben, dass eben diese Problematik beispielsweise auch das Stellen von Anzeigen bei Übergriffen relativ sinnlos macht.

Die Hetze gegen die christlichen Asylbewerber, die mit diesen Beiträgen in der F.A.S. auch im Netz losgetreten worden ist („Lügenstudie“ und ähnliches), zeigt in der Tat eine frappierende Nähe zu den Aussagen von Pegida („Asylbetrüger“ u. ä.). Ich kann nur noch einmal dazu einladen, mit den betroffenen Asylbewerbern zu sprechen, statt solchen völlig ungerechtfertigten Diffamierungen und Pauschalverdächtigungen Vorschub zu leisten.

Ich stelle mich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen aus voller Überzeugung vor die von Übergriffen betroffenen christlichen wie auch jesidischen Asylsuchenden, deren Glaubwürdigkeit nun in so unverantwortlicher Weise in Frage gestellt worden ist. Dass diejenigen, die ihnen einen wirksamen Schutz in ihren Unterkünften verweigern, sich in ihrer Untätigkeit nun noch bestärkt fühlen dürfen, bedaure ich zutiefst.

Berlin, den 23. Mai 2016

Pfarrer Dr. Gottfried Martens (Ev.-Luth. Dreieinigkeits-Gemeinde), www.steglitz-lutherisch.de



Artikelbild: © Halfpoint – Shutterstock.com



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