Ägyptische Wissenschaftlerin: So kämpft mein Land für Gleichberechtigung

19.06.2016 |  Von  |  Politik, Weltgeschehen
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Ägyptische Wissenschaftlerin: So kämpft mein Land für Gleichberechtigung
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Fünf Jahre sind seit dem „Arabischen Frühling” vergangen. Wie sieht es mittlerweile mit der ägyptischen Demokratie aus? Darüber sprach die ägyptische Wissenschaftlerin Dr. Mariz Tadros. Eine Demokratie hänge nicht nur vom Wahlgewinn ab, sondern auch von der Gleichbehandlung aller, namentlich der Frauen und der Minderheitenreligionen. Für die aktuelle Situation in Syrien solle man von Ägypten lernen. Tadros war am Dienstag auf Einladung von Christian Solidarity International in Zürich.

„Wenn wir heute an den Nahen Osten denken, denken wir nicht an Widerstand”, sagte Dr. Mariz Tadros in ihrem Vortrag am Dienstag in Zürich. „Dabei wehren sich die Leute aufs Schärfste gegen die Missachtung ihrer Rechte. Sie brauchen Solidarität!”

Der Frauenkörper als politischer Schauplatz

Auf Einladung von Christian Solidarity International (CSI) zeigte Tadros auf, wie sich „gewöhnliche Leute” in Ägypten gleich gegen zwei Ungerechtigkeiten auflehnen: Zum einen gegen die religiöse Unterdrückung von christlichen Kopten, Bahai, Schiiten und anderen, die „in ihren Quartieren von Mobs angepöbelt, bedroht und terrorisiert” werden. Zum anderen gegen eine geschlechtsspezifische Unterdrückung, gegen die Austragung von politischen Kämpfen auf den Körpern von Frauen. Tadros rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, auch den Kampf von einfachen Leuten für Gerechtigkeit wahrzunehmen, nicht nur die Handlungen der Islamisten und des Militärs.

Als Beispiele für die Unterdrückungen nannte Tadros zwei ägyptische Frauen, die in den vergangenen Jahren öffentlich gedemütigt und zur Schau gestellt wurden: Eine verschleierte Frau, die auf dem Tahrir-Platz in Kairo für Demokratie protestierte, wurde im Dezember 2011 von Sicherheitskräften entblösst und verprügelt; Soad Thabet, eine ältere koptische Christin, wurde letzten Monat von einer pöbelnden Menge nackt ausgezogen und durch die Strassen geschleift. Beide Angriffe lösten in der ägyptischen Gesellschaft starke Reaktionen zugunsten von Frauen und Kopten aus. Im Fall von Soad Thabet, erklärte Tadros, hätten „ungewöhnlich viele Muslime” nach Gerechtigkeit verlangt.

Muslimbrüder auch keine Lösung

Die Regierung der Muslimbrüder – zuerst gewählt, dann abgesetzt – sei kein Zeichen einer Demokratisierung des Landes gewesen, sagte Tadros. „Wir müssen verstehen, warum die Menschen gegen Präsident Morsi [von der Muslimbruderschaft] rebelliert haben.”

Unter der Herrschaft der Muslimbruderschaft, erklärte Tadros, hätten sowohl sexuelle Belästigungen von Frauen wie auch die Diskriminierung von Kopten zugenommen. Der Grund dafür sei „das alltägliche Sprechen und Handeln” der Muslimbrüder-Regierung gewesen, die Teile der Gesellschaft ausschloss. Das führte zum Beispiel dazu, dass einige Lebensmittelverkäufer sich plötzlich weigerten, an Kopten zu verkaufen. „Die Wahl durch eine Mehrheit führt nicht automatisch zu einer Regierung für alle”, erklärte Tadros. „Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass Frauenrechte und Religionsfreiheit dann schon kommen werden, wenn Ägypten eine Demokratie ist.” Vielmehr sei beides „grundlegend für jeden Kampf um Gleichberechtigung”.

Das neue ägyptische Regime sei zwar „weit davon entfernt, demokratisch zu sein; es ist regelrecht autoritär”. Trotzdem: „Sexuelle Belästigungen scheinen zu einem gewissen Grad abgenommen zu haben und der soziale Zusammenhalt zwischen Christen und Muslimen hat sich in vielen Dörfern verbessert.” Nach wie vor sei man jedoch meilenweit von einer Regierung für alle entfernt, so Tadros. Zu nennen wären hier die „Blasphemie-Gesetze”, die in einer Hexenjagd-Manier angewendet würden; ebenso die Verbreitung von radikalen und von Saudi-Arabien finanzierten Salafisten-Bewegungen im Land, die Einschränkungen von Grundfreiheiten und die schwache Durchsetzung von Rechtsstaatlichkeit.



Viel Positives in Ägypten

In einem Ausblick auf die weitere Region, insbesondere den Krieg in Syrien, forderte Tadros die internationale Gemeinschaft dazu auf, von Ägypten zu lernen. Ein Staat mit einer Zivilregierung bedeute auch ein säkularer Staat; Wahlsiege ersetzten keine „integrative und auf Konsens basierende Politik” und regional ausgetragene internationale Machtverhältnisse – besonders die Terrornetzwerke, die sich seit 2011 von Libyen nach Syrien ausbreiten – stellten eine ernstzunehmende Gefahr dar.

„Inmitten von Unruhe sehen wir fortdauernde Kämpfe um Menschenwürde”, fasste Tadros zusammen. „Diese Kämpfe können den politischen Weg eines Landes ändern.”

 

Artikel von: CSI Christian Solidarity International
Artikelbild: © arindambanerjee – Shutterstock.com

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