Im Nordosten Nigerias droht humanitäre Katastrophe

27.07.2016 |  Von  |  News
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In mehreren Städten des Bundesstaats Borno im Nordosten Nigerias leben über eine halbe Million Menschen unter katastrophalen gesundheitlichen Bedingungen. Es müssen dringend Nothilfemassnahmen für diese gefährdeten Menschen getroffen werden, fordert Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF).

„In Banki, wie auch in zahlreichen anderen Ortschaften, haben die Bewohner praktisch keinen Zugang zu humanitärer Hilfe“, berichtet Hugues Robert, Leiter der Notfalleinsätze von MSF. Er ist soeben von einem Einsatz in dieser Stadt in der Nähe der kamerunischen Grenze zurückgekehrt.

„Sie leben weitgehend isoliert in einer halb zerstörten Stadt und sind auf Hilfe von aussen angewiesen – diese ist jedoch kaum vorhanden. Wenn es uns nicht sehr bald gelingt, ihnen Nahrungsmittel und medizinische Nothilfe zukommen zu lassen, werden Mangelernährung und Krankheiten weiterhin verheerende Auswirkungen haben.“

In der Umgebung von Banki, das nur unter Militärschutz erreicht werden kann, sind etwa 15‘000 Menschen untergekommen, von denen die meisten vor der Gewalt in ihrer Heimat geflohen sind. Nach einer raschen ersten Evaluation der Situation vor Ort schätzen die medizinischen Teams von MSF die Sterblichkeitsrate als äusserst hoch ein. Demnach ist in den vergangenen sechs Monaten jede zwölfte Person gestorben.

Die Bewohner dieser Region leiden schon seit Jahren unter den Kampfhandlungen zwischen Boko Haram und den regionalen Streitkräften. Die ständigen Angriffe haben sie gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Nun müssen sie mitansehen, wie die Wirtschaft zusammenbricht, wichtige Handelsrouten unterbrochen sind, ganze Ernten und Viehbestände zerstört werden. Viele dieser Menschen leben bereits seit Monaten unter grossen Entbehrungen, welche sich verheerend auf den Gesundheitszustand der Menschen auswirken.

Besonders kritisch ist die Lage für kleine Kinder unter 5 Jahren. Fast 15 Prozent der Kinder, die wir untersucht haben, leiden an schwerer akuter Mangelernährung, die lebensbedrohlich ist. In der Stadt Banki ist fast jedes dritte Kind mangelernährt.

Als erste Massnahme in dieser humanitären Krise hat MSF zwischen dem 20. und 22. Juli über 4‘900 Kinder mit therapeutischer Nahrung versorgt und sie gegen Masern geimpft. Insgesamt haben 3‘600 Familien Nahrungshilfe erhalten und unsere medizinischen Teams konnten sechs Menschen in kritischem Zustand in das Spital im kamerunischen Mora überweisen. In Banki arbeitet MSF ausserdem daran, den Zugang zu Trinkwasser sicherzustellen und die hygienischen Bedingungen zu verbessern.

In anderen Teilen des Bundesstaats Borno haben die nigerianischen Behörden, andere MSF-Teams sowie andere Hilfsorganisationen ähnliche Zustände wie in Banki angetroffen. In der Stadt Bama zum Beispiel schätzen die MSF-Teams, dass 15 Prozent aller Kinder unter schwerer akuter Mangelernährung leiden.

„Schritt für Schritt eröffnet sich uns das ganze Ausmass der Krise. Wir machen uns auch Sorgen um die Menschen in abgelegenen Gebieten, die wir bis jetzt noch nicht erreichen konnten“, sagt Robert. „Im Hinblick auf die nahende Regenzeit stellt zudem Malaria eine weitere Bedrohung dar.“

„Gemeinsam mit den nigerianischen Behörden bemühen wir uns, mit einem langfristigen Hilfseinsatz mehr für diese Menschen zu tun. Doch die Sicherheitslage ist sehr heikel, regelmässig kommt es zu Kämpfen und die Strassen sind zum Teil vermint. Die Regenzeit stellt uns zudem vor logistische Herausforderungen: Die verschlammten Strassen sind für unsere Fahrzeuge häufig kaum passierbar. Unter solch prekären und gefährlichen Voraussetzungen ist es zwingend nötig, dass diese Menschen in sichereren Orten Zuflucht finden können, sei es in Nigeria oder in den Nachbarländern. Ausserdem müssen Patienten in kritischem Zustand in die Spitäler der Region überwiesen werden können“, fährt Robert fort.



MSF ruft alle Akteure dazu auf, umgehend die nötigen Massnahmen zu ergreifen, um der Bevölkerung von Borno medizinische Hilfe und Nahrungsmittel bereitstellen zu können.

Die Angriffe der Terrorgruppe Boko Haram und die heftigen Gegenschläge der jeweiligen Streitkräfte haben der Region des Tschadsees arg zugesetzt. Das Becken des Tschadsees, in dem über 2,7 Millionen Menschen als Vertriebene leben, ist Schauplatz einer der derzeit grössten humanitären Krisen auf dem afrikanischen Kontinent. Um den Menschen in dieser Region zu helfen, hat MSF die medizinischen Tätigkeiten und Hilfsmassnahmen im Tschad, in Kamerun, im Niger und in Nigeria stark ausgebaut. 2015 haben unsere Teams über 344‘000 Sprechstunden abgehalten, 13‘000 mangelernährte Kinder behandelt und über 58‘500 Personen gegen Cholera geimpft.

 

Artikel von: Médecins Sans Frontières / Ärzte ohne Grenzen (MSF)
Artikelbild: Symbolbild © Anton_Ivanov – shutterstock.com

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