Kopten sind „es“ leid: „Aggressivste Kampagne im modernen Ägypten“

15.09.2017 |  Von  |  Gesellschaft, News, Politik
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Kopten sind „es“ leid: „Aggressivste Kampagne im modernen Ägypten“
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Lange reagierten die Kopten auf Terror und Mord mit Liebe und Vergebung. Nach mehreren Mordserien wächst nun unter ihnen der Unmut.

Ägyptens Christen fordern vom Staat Schutz statt „Gratulationen zum Märtyrertod“.

Früher betonten koptische Würdenträger, dass Ägyptens Christen bereit seien, Opfer für die Einheit des Landes zu bringen. Gemeint war, bei Übergriffen auf Kirchen, Terrorakten und Morden mit Liebe und Vergebung statt mit Rache und Gewalt zu regieren. Als Mursi-Anhänger 2013 eine Kirche niederbrannten, sagte der koptische Papst Tawadros II.: „Eine Heimat ohne Kirchen ist besser als Kirchen ohne eine Heimat“ und er nannte es „ein um der Freiheit der Nation willen von Kopten willig dargebrachtes Opfer.“

„Staat soll schützen, nicht zum Tod gratulieren“

Langsam dreht sich der Wind nun aber. Eine wachsende Zahl von Kopten hat Mühe damit, stetig „Opfer“ für den Frieden zu bringen und Angehörige zu verlieren, die dann als Märtyrer dargestellt werden.

Auf den Punkt bringt es ein Kopte, der anonym bleiben möchte, mit seiner Aussage: „Martyrium heisst nicht, kaltblütig getötet zu werden. Wo ist hier die Wahlmöglichkeit? Vielleicht möchte ich kein Märtyrer werden. Die Rolle des Staates ist, Bürger zu schützen, und nicht, ihnen zum Märtyrertod zu gratulieren. Sollten nur die Christen Opfer bringen, damit das Vaterland leben kann? Beziehungsweise, damit das Regime leben möge?“

Zwei Mordserien westlich des Sinai

Hintergrund der nun wachsenden Frustration sind mehrere Mordserien nach ähnlichem Muster: Den Opfern wird die Kehle durchgeschnitten, Wertgegenstände und Geld werden nicht entwendet. Bei der jüngsten Serie wurde der koptische Urologe Albert Fekry (67) in seiner Praxis in Tala mit einem Schnitt durch die Kehle getötet. Der Juwelier Girgis Bushra (55) in Heliopolis erschossen und der Künstler Michael Nabil Bebawy (32) in Minya geköpft. Ebenso wurde Nadra Mounir (26) in Zarayeb Ezbet Al-Nakl mit einer grossen Wunde am Hals tot aufgefunden. Diese Tötungen erfolgten innerhalb weniger Tage Ende Juni sowie Anfang Juli.

Vorangegangen war eine Mordserie rund um das koptische Weihnachtsfest: Am 6. Januar 2017, dem Datum der koptischen Weihnachtsfeier, wurden Gamal Sami (60) und seine Frau Nadia (48) in der Ortschaft Minufiyah erstochen und die Kehle aufgeschlitzt. Die Polizei spricht von Raubmord, jedoch wurden weder Schmuck noch andere Gegenstände entwendet. Insgesamt geschahen innerhalb von zwei Wochen fünf vergleichbare Morde an Kopten – neben Gamal und Nadia Sami betraf dies den Chirurgen Bassam Safwat Atta (35) in Dairut City, Ishak Ibrahim Fayez Younan (37) in Kairo und Youssef Lamei in Alexandria. Allen wurde die Kehle durchtrennt und Wertgegenstände wurden nicht entwendet.

Dritte Mordserie: Exodus aus Al-Arisch

Nabil Saber Ayoub Mansour (40) war im Mai 2017 das achte gezielt-christliche Mordopfer in der Mordserie auf dem Sinai, die insbesondere in Al-Arisch, der grössten Stadt der Halbinsel, wütete. Daraufhin kam es zu einem Exodus der Kopten. Mittlerweile hat der lokale Ableger des Islamischen Staates, die militante Gruppe „Provinz Sinai“, damit begonnen, die strikte Interpretation des Islams durchzusetzen. Dazu wurde eine Sittenpolizei, eine sogenannte „Hisba“, geschaffen, um strenge Verbote gegen das Rauchen durchzusetzen, gegen das Rasieren oder dagegen, dass Frauen ihr Gesicht zeigen.

„Christen ausradieren“

Bei der während Monaten wachsenden Anzahl ähnlich gearteter Morde sehen sich Christen zusehends bedroht. Gegenüber Open Doors sagt Nabila Fawzi Hanna (65), dass die Mörder ihres Mannes und ihres Sohnes die Namen der beiden auf einer Todesliste abhakten, nachdem diese Mitte Februar 2017 ermordet worden waren. Zu diesem Zeitpunkt gaben Islamisten bekannt, Ägyptens Christen „ausradieren“ und Kairo «befreien» zu wollen.

Dazu gehören Anschläge an christlichen Feiertagen, wie etwa dem Gründonnerstag 2017, als Allam Bashay Gabriel (16) in der Ortschaft Qai ermordet wurde, ebenfalls mit durchschnittener Kehle.

Oder am Palmsonntag mit einem Anschlag auf zwei koptische Gottesdienste, bei denen 49 Menschen starben, in der Kathedrale in Alexandria sowie auf eine Kirche in Tanta, der fünftgrössten Stadt Ägyptens.

Oder zu Christi Himmelfahrt als in der Provinz Minya mindestens 28 Menschen aus zwei Bussen und einem Transporter geholt und erschossen wurden, sie waren gerade unterwegs um das christliche Fest im St.-Samuel-Kloster zu feiern. Die Angreifer nahmen zunächst die Wertgegenstände an sich und forderten dann den Übertritt zum Islam. Als dies abgelehnt wurde, eröffneten die Attentäter das Feuer.

Kopten erleben aggressivste Kampagne

Vater Bernaba Fawzy, der Priester an der St.-Georgs-Kirche von Nazlet Hanna, 180 km südlich von Kairo, fasst die Situation der Christen zusammen: „Es gibt ständig Hassreden und Fatwas und in den Medien wurde dazu aufgerufen, das Blut von Kopten zu vergiessen, ohne dass Vertreter des Staates reagierten. Es muss wieder Religionsgespräche geben, denn es gibt solche, welche Christen als Ungläubige und Bürger zweiter Klasse betrachten, und sie mögen unsere Freundschaft nicht.“

Ein Kairoer Priester, der nicht genannt werden wollte, ergänzt: „Kopten erleben die aggressivste Kampagne in der Geschichte des modernen Ägypten. Die Regierung muss zur Rechenschaft gezogen werden, denn sie hat beim Schutz der Kopten versagt. Es ist auch notwendig, unermüdlich gegen Sektierertum und Diskriminierung zu kämpfen, welche eine unerschöpfliche Menge dieser schrecklichen Verbrechen hervorrufen.“

Bischof Makarius twitterte bereits vor längerem das, was die Kopten heute fühlen, er schrieb dass Ägypten an Diskriminierung erkrankt sei.

 

Quelle: Open Doors Schweiz
Artikelbild: Symbolbild © javarman – shutterstock.com



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