„Dem Schweizer ist Arbeit wichtiger als Ferien“

12.03.2012 |  Von  |  Gesellschaft, Politik
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„Dolce Vita“ wurde offenbar nicht in der Schweiz erfunden. Vielmehr präsentieren sich die Eidgenossen als besonderes Völkchen, das sich nicht mehr Ferien gönnt.

Dies zeigte der gestrige Wahlsonntag, an dem das Schweizer Stimmvolk unter anderem über die heftig diskutierte „Ferieninitiative“ des Gewerkschaftsverbandes Travail.Suisse abstimmen durfte. Die Volksinitiative verlangte, dass alle Arbeitnehmer einen gesetzlichen Anspruch auf mindestens sechs Wochen bezahlte Ferien statt bislang vier pro Jahr erhalten.

Das Resultat: Mit deutlicher Mehrheit lehnten die Schweizer Stimmbürger mehr Ferien ab. Satte 66,5 Prozent stimmten bei einer Wahlbeteiligung von rund 45 Prozent mit „Nein“ und nur 33,5 Prozent mit „Ja“ (vorläufiges amtliches Endergebnis). Ein „Ja“ erhielt die „Ferieninitiative“ in keinem Kanton.

Erfreut über das Abstimmungsergebnis zeigten sich erwartungsgemäss Arbeitgebervertreter und bürgerliche Parteien. „Dem Schweizer ist Arbeit wichtiger als Ferien. Wir arbeiten nicht nur genau, sondern sind auch fleissig“, kommentierte etwa Alois Gmür, CVP-Nationalrat und Brauer.

Enttäuscht äusserten sich hingegen Gewerkschaften und Linke. Angesichts der Tatsache, dass sich die Schweizer bei der Wochenarbeitszeit international an der Spitze bewegen, hatte das Arbeitnehmerlager gefordert, die Belastungen am Arbeitsplatz senken – auch um die Gesundheitskosten zu minimieren.

Erklärungen für das Abstimmungsergebnis

Warum die Mehrheit der Schweizer Stimmbürger den Gewerkschaften nicht folgte, hat verschiedene Ursachen:

„Mehr Ferien = weniger Jobs“: Dieser Slogan einer millionenteuren Arbeitsgeber-Kampagne, unterstützt von der Regierung, zog. Mehr Ferien würden der Schweizer Wirtschaft Zusatzkosten von sechs Milliarden Franken verursachen, argumentierten unter anderem der Schweizerische Arbeitsgeberverband (SAV) und der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Zu befürchten seien Wettbewerbsnachteile und die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Euro-Länder mit niedrigeren Lohnkosten.

Verunsicherung durch Debatte um starken Franken: „Alle Umfragen, die vor einem Jahr – also vor unserer Franken-Debatte – gemacht worden sind, sprachen noch von einem Ja. Alle Umfragen, die später gemacht worden sind, sprechen von einem Nein“, so der Parteienforscher Claude Longchamps vom Berner Umfrageinstitut GfS.

Uneinigkeit der Arbeitnehmerseite: Im Arbeitnehmerlager würden flexiblere Arbeitszeitmodelle oder ein früheres Pensionsalter häufig als bessere Alternative zu mehr Ferien gesehen, so der Parteienforscher. Zudem gebe es die Befürchtung, dass durch die Verlängerung der Ferien der Druck auf Arbeitnehmer steige, in weniger Zeit mehr zu leisten.

Hausfrauen und Rentner trugen zum Nein bei: Laut Umfragen hält gerade dieser Gruppe mehr Ferien für unnötig. Eine Online-Umfrage der Zeitung „20 Minuten“ bestätigte zudem die Tendenz, dass besonders Ältere, und hier wieder insbesondere über 60-Jährige, die Verlängerung der Ferien ablehnen.

Arbeitsamkeit als gesellschaftlicher Wert: Der Soziologe Kurt Imhof hält die protestantische Arbeitsethik der Schweizer für massgebend. „Arbeit gilt als sinnstiftend. Nur wer arbeitet, führt ein erfülltes Leben – diese Haltung ist in der Gesellschaft tief verankert.“

Ergebnisse der weiteren Abstimmungen

Über vier weitere Eidgenössische Vorlagen stimmten die Schweizer Stimmbürger gestern ab. Ebenfalls abgelehnt wurde die Wiedereinführung der Buchpreisbindung sowie die Bauspar-Initiative, welche den erstmaligen Erwerb von selbstgenutztem Wohneigentum steuerlich fördern wollte.

Knapp angenommen wurde hingegen überraschend die Zweitwohnungs-Initiative. Diese will den Anteil von Zweitwohnungen auf 20% pro Gemeinde begrenzen, um die Zersiedelung zu stoppen. Ebenfalls stimmte das Stimmvolk für den Bundesbeschluss über die Regelung der Geldspiele zugunsten gemeinnütziger Zwecke.

(Quelle: swissinfo.ch)

 

Titelbild: Pressmaster – shutterstock.com

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