Amokläufe und das Versagen der Massenmedien

18.12.2012 |  Von  |  News

Bei der Frage, wie sich (Schul-)Amokläufe wie der jüngste von Newtown künftig verhindern lassen, wird ein Aspekt in der Regel ausgeklammert: die entscheidende Rolle der Medien. Vieles spricht nämlich dafür, dass sich die Mainstream-Medien durch die Art der Berichterstattung letztlich zu Komplizen der Täter machen und künftige Taten sogar begünstigen. Doch statt über die eigene Mitverantwortung zu reflektieren, suchen die Medien die Schuld lieber anderswo (z. B. bei zu laxen Waffengesetzen) – von Selbstkritik keine Spur.

Fragt man nach den Motiven für Amokläufer wie den Newtown-Attentäter, so dürfte eines unstrittig sein: dass man es hier mit narzisstischen Persönlichkeiten zu tun hat, die durch eine letzte abscheuliche Tat posthum zu „Berühmtheit“ gelangen wollen. Angetrieben von dem Wunsch, sich „an der Welt zu rächen“, wollen sie mit dem Amok-Massaker „die Welt“ zwingen, ihnen endlich die ihnen „gebührende“ Beachtung zu schenken.

Der blutige Plan dieser Amok-Täter umfasst zwei wesentliche Etappen. 1. Die Durchführung der Tat. 2. Die massenmediale Verbreitung der Tat, die dem Täter posthum maximale Aufmerksamkeit beschert.
Wie man sieht, spielen die Massenmedien dabei eine entscheidende Rolle, denn sie sind es, die dem Täter erst die grosse Bühne bereiten, auf der er sich posthum präsentieren und potenzielle Nachahmungstäter anstiften kann. Durch die Art, wie sie berichten, spielen die Medien ihre Rolle so, wie es sich der Täter besser nicht hätte wünschen können. Denn die „Berichterstattung“ der Massenmedien über solche Amoktaten gleicht regelmässig einer Dauerberieselung mit Pseudo-Informationen, die eher Sensationsgier als echte Informationsbedürfnisse befriedigen.

Mediale Dauerberieselung statt relevante Informationen

Ein Beispiel dafür ist die „Berichterstattung“ von CNN am Tattag. Im Zuge einer Dauer-Live-„Berichterstattung“ hielten Kameras permanent auf die betroffene Grundschule, während die TV-Moderatoren stets drei Sätze in leichten Abwandlungen wiederholten, darunter den Satz „Man weiss noch nichts Genaues“.

Zu dem Zeitpunkt war die grauenhafte Tat allerdings längst geschehen, der Täter tot – genau genommen gab es also gar nichts mehr „live“ zu berichten. Was dann den Zuschauern gezeigt wurde, waren von Trauerschmerz gepeinigte Angehörige, die verstört über das Schulgelände hasteten und dabei auf Schritt und Tritt von Kameras verfolgt wurden: eine Persönlichkeitsverletzung der Betroffenen sondergleichen, geschuldet nicht etwa einem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit, sondern vielmehr dem Einschaltquotenbedürfnis des Senders.

So ist in der einschlägigen medialen Dauer-„Berichterstattung“ der x-te Beitrag zum Thema nur ein Aufguss des ersten. Ein grosser Teil der Beiträge in den Mainstream-Medien beschäftigt sich zudem intensiv mit den Tätern, indem uninteressante Einzelheiten über deren uninteressantes Durchschnittsleben zu Tage gefördert werden: Er war unauffällig, still, schüchtern, gehemmt und hatte kaum Freunde, liest man. Aber trifft das nicht auf Tausende andere Teenager auch zu? Im aktuellen Fall hat man sogar die Tante des (mutmasslichen) Täters vor die Kamera gezerrt, wobei die Frau der Öffentlichkeit die weltbewegende Tatsache kundtun durfte, dass der „Junge in behüteten Verhältnissen aufwuchs“. Ja, hätte man die Gute dafür denn extra vor die Tür holen müssen?

Schliesslich erfährt der Zuschauer oder Leser durch die „Mainstream-Medien auch, dass der Amok-Täter „Waffen liebte“ und sich in seiner Freizeit ausgiebig mit diesem Hobby beschäftigte. Als ob es investigativer Recherchen bedarf, um bei jemandem, der Menschen gezielt mit Schusswaffen hinrichtet, einen Hang zu Waffen zu entdecken.

So wird der Mainstreammedien-Konsument mit banalen (Pseudo-)Informationen über solche Amok-Taten zugeschüttet, in deren Flut Relevantes untergeht. All das dient nicht echter Information, sondern bestärkt nur die unselige (posthume) Komplizenschaft der Medien mit dem Amokläufer, indem sie genau die Rolle spielen, die der Täter ihnen zugedacht hat.

Entscheidende Fragen werden ausgeklammert

Wie sähe stattdessen eine Alternative aus? Ein entscheidender Schritt zum Besseren in der Berichterstattung über Amokläufe wäre es, wenn die Medien nur über tatsächlich relevante neue und erhellende Fakten berichten würden.

Zum Beispiel wäre eine interessante Frage, welche Medikamente der Amokläufer im Fall Newtown eingenommen hat. Denn Missbrauch von Medikamenten, Psychopharmaka und/oder psychoaktiven Drogen war bislang bei jedem derartigen Amoklauf im Spiel. Zudem kann massiver Medikamenten-/Drogenmissbrauch erklären, warum eine Person plötzlich zu bestialischen Taten (20 Kinder massakrieren!!!) fähig ist, zu denen ein normaler Mensch in nüchterndem Zustand niemals imstande wäre.

Doch merkwürdigerweise ist gerade das eine Frage, welche die Mainstream-Medien so gar nicht interessiert. So interessierten sich die Medien damals auch nicht für den auffälligen Medikamentenmissbrauch des „Kino“-Amokläufer von Aurora (und wenn, dann nur vereinzelt und am Rande).

Für Mainstream-Journalisten ist der Missbrauch psychoaktiver Substanzen offenbar keine Spur, die sich im Falle von Amokläufen weiter zu verfolgen lohnt. Lieber reiten sie auf dem abgegriffenen Thema „Waffengesetze“ herum – wohl vielleicht auch, weil sich damit gut vom eigenen Versagen ablenken lässt?

Was die Medien zur Prävention von Amokläufen tun könnten

Fazit: Statt der Gier nach Sensationen, Auflagen und Einschaltquoten zu frönen, wäre eine Berichterstattung über Amokläufe nötig, die sich auf relevante und wirklich wichtige Informationen beschränkt. Dies würde auf dreierlei Weise positiv wirken. Es wäre 1. im Sinne der Opfer und deren Angehörigen, die nicht mehr das Gefühl haben müssten, dass ihr Leid medial ausgeschlachtet wird, 2. im Sinne der Zuschauer und Leser, die nicht mehr dauerberieselt, sondern tatsächlich informiert würden, 3. im Sinne der Prävention künftiger Amokläufe, da narzisstisch gestörte Personen durch den Entzug medialer Belohnung für solche Taten (vermutlich) einen Gutteil des Anreizes für Nachahmungstaten verlieren würden.

Da allerdings Massenmedien nun mal so funktionieren, wie sie funktionieren, ist leider von einer positiven journalistisch-medialen Wende nicht auszugehen. So werden die Medien ihre fatale Rolle weiterspielen und wohl auch in diesem Fall wieder dazu beitragen, dass die Saat für künftiges Unheil gelegt wird.

Oberstes Bild: Screenshot – CNN