Warum Videoüberwachung nicht mehr Sicherheit bringt

12.08.2013 |  Von  |  Gesellschaft, Politik

Big Brother soll demnächst in Genf Einzug halten. Ein Pilotprojekt sieht vor, die Bürger in einem Genfer Quartier auf Schritt und Tritt von Videokameras zu überwachen.

21 hochauflösende Kameras für zwei Millionen Franken sollen für die flächendeckende Videoüberwachung sorgen, wie die „SonntagsZeitung“ berichtete. Auch der Einsatz einer Software zur Gesichtserkennung ist geplant.

Ausgerechnet in der Schweiz drohen damit düstere Visionen vom Orwell’schen Überwachungsstaat wahr zu werden. Gerechtfertigt wird die Totalüberwachung mit angeblich „mehr Sicherheit“ für den Bürger. Doch erhöht Videoüberwachung wirklich die Sicherheit – oder dient dies nicht vielmehr als Beruhigungspille für den überwachten Bürger? Nachfolgend einige kritische Argumente gegen Videoüberwachung.

  1. Videoüberwachung im öffentlichen Raum greift empfindlich in das Grundrecht der Bürger auf Schutz ihrer personenbezogenen Daten ein.
  2. Durch flächendeckende Videoüberwachung wird die Normalbevölkerung unter Generalverdacht gestellt, die Unschuldsvermutung ist ausser Kraft gesetzt. Motto: Der Bürger ist dem Staat von vorneherein verdächtig – daher soll er rund um die Uhr überwacht werden. Dieses Prinzip passt eher zu einem Polizei- und Spitzelstaat also zu einem demokratischen Rechtstaat.
  3. Die (video)überwachten Bürger haben keine Kontrolle über die von ihnen gesammelten personenbezogenen Daten. Was mit den Daten geschieht, an welche Stellen sie gelangen, wie lange sie gespeichert werden, ob und wie man an seine gespeicherten Daten gelangen kann – all das ist der Einsicht und dem Einfluss des Normalbürgers entzogen.
  4. Es gibt keine eindeutigen Belege dafür, dass grossflächige Videoüberwachung die Kriminalität senkt. Vielmehr deutet alles darauf hin, dass Videoüberwachung zur Kriminalitätsprävention untauglich ist, die Sicherheit im öffentlichen Raum also nicht erhöht.
  5. Der Grund: Videoüberwachung schreckt nicht ab. So werden sich affektgesteuerte, womöglich alkoholisierte Gewalttäter durch installierte Videokameras von ihren Untaten nicht abhalten lassen, wie z. B. die immer wieder publik werdenden Videomitschnitte von brutalen Bahnschlägern zeigen. Wer hingegen Straftaten gezielt plant, der kann sich leicht vermummen, um sich gegenüber den Videokameras unkenntlich zu machen.
  6. Wirksam für Sicherheit im öffentlichen Raum kann nur eine Polizei sorgen, die regelmässig Präsenz zeigt, die für den Bürger im Notfall als Helfer schnell zur Stelle ist und rasch eingreift, bevor bedrohliche Situationen eskalieren. Eine Polizei hingegen, die sich zurückzieht und ihre Arbeit an Videokameras delegiert, kann all dies nicht leisten.
  7. Statt also abzuwarten, bis Opfer fast totgeprügelt am Boden liegen, und dann hinterher anhand von Videoaufnahmen die Täter zu ermitteln, sollte es um die effektive Verhinderung von Straftaten gehen, was durch Videoüberwachung nicht geleistet wird.

Oder gibt es vielleicht doch gute Argumente für Videoüberwachung – und ist die Sache mit der Überwachung „halb so wild“? Schreibe deine Meinung!
Bericht in der SonntagsZeitung

 

Oberstes Bild: © Dmitry Kalinovsky – Shutterstock


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