Skandal oder doch nur Schlachtfleisch

04.04.2014 |  Von  |  Gesellschaft, Gesundheit, Natur
Skandal oder doch nur Schlachtfleisch
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„Oh wie niedlich! Papa, ich will auch ein Pferd haben!“, so tönt es wohl irgendwann aus fast jeder Mädchenkehle, wenn der Weg vorbei an einer Pferdekoppel geht.

Unser Bild vom Reit- und Nutztier Pferd hat ganz eigene Wege genommen. Interessant wäre es zu sehen, wie viele Mädchen mit dem gleichem Entzücken an einer Rinderherde oder am Schweinestall verweilen.

Letztlich geht es aber hier nicht um die Mädchenliebe zu Pony und Co., sondern vielmehr darum, was wir aus dem letzten Pferdefleischskandal vor gut einem Jahr gelernt haben. Die Antwort kann eigentlich schon vorweg genommen werden: nicht besonders viel.

Was das Pferd uns wert ist

In der menschlichen Entwicklungsgeschichte gehört das Pferd an eine exponierte Stelle. Seit seiner Domestizierung war es Reittier, Tragetier und Fleischlieferant zugleich. Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert, wobei sich die Rolle als Schlachtvieh zumindest in Zentraleuropa stark verändert hat. Viele wissen zwar den Geschmack eines guten original Rheinischen Sauerbratens zu schätzen, kaum aber einer will wissen, dass das Original ursprünglich aus speziell eingelegtem Pferdefleisch zubereitet wird.

Und auch die sehr fettarme und aromatische Pferdesalami liegt manchem Zeitgenossen gut auf der Zunge, aber schwer im Magen. Aus dieser Sicht heraus lohnt es sich, die Rolle des Pferdes in der Nahrungsmittelproduktion generell neu zu überdenken. Oder ist ein Rind als Lebewesen weniger wert als ein Pferd? Eine interessante Frage mit sicherlich sehr kontroversen Antworten.

Der Pferdefleischskandal hat seine eigene Qualität

Der Skandal rund um mit Pferdefleisch gestreckte Lebensmitteln hat eine ganz andere Qualität. Hier geht es nicht um Pferdefleisch schlechthin, sondern eher darum, dass Lebensmittel, vor allem Hackfleischprodukte, falsch beziehungsweise unvollständig bezüglich ihrer Inhaltsstoffe deklariert waren. Pferdefleisch war hier so gut wie nie auch irgendwo nur erwähnt. Der wirkliche Skandal wurde offenbar, als Nachforschungen angestossen wurden, woher dieses Pferdefleisch in den unerwartet grossen Mengen eigentlich kommt.

Die Quellen des vermeintlichen Übels waren schnell ausgemacht. So stammt ein Grossteil der Skandalware aus kanadischen Betrieben, die die Pferde unter tierunwürdigen Bedingungen hielten und diese dort teilweise auch quälten. Der aufgedeckte Skandal sorgte für landesweite Empörung. Mehr aber auch nicht. Pferdefleisch wird in der Schweiz nach wie vor verzehrt, auch in diesem Jahr und auch aus den beanstandeten kanadischen Betrieben. Allerdings war hier das Entsetzen über undeklarierte Beimengungen in anderen Fleischprodukten eher gering, die Haltungsbedingungen der kanadischen Galoppierer sorgten mehr für Empörung.

Für die Produzenten sind Pferde Schlachtfleisch

Die Sichtweisen sind dabei wie fast immer sehr kontrovers. Während Tierschützer die Haltungsbedingungen der Pferde in Kanada beklagen, sehen Pragmatiker die Situation viel nüchterner. Für letztere sind die betroffenen Tiere auch nur Schlachtfleisch, das eben auch ähnlich wie Rinder, Schweine oder Geflügel industriell gehalten und verwertet wird. Einen tatsächlichen Skandal können diese Pragmatiker nicht wirklich verzeichnen.

Irgendwo muss hier sicherlich auch eine andere Betrachtungsweise her, als die, die wir in Europa pflegen. Aufgrund der Seltenheit sind teure Pferde für uns eben kein Schlachtfleisch, sondern wertvolle Tiere. Die sollen am besten nicht einmal mehr als Arbeitspferd eingesetzt werden, sondern möglichst nur der menschlichen Tierliebe dienen. Dass das allerdings auch mit einer Portion Unsinn behaftet ist wird dann klar, wenn man sich genauer mit der Domestizierung und Haltung von Pferden über die Jahrhunderte hinweg befasst.


Zuchtpferde sind Nutztiere.

Zuchtpferde sind Nutztiere. (Bild: pholidito / Fotolia.com)


Zuchtpferde sind Nutztiere

Diese Klarheit muss immer wieder einmal ausgesprochen werden. Der Ruf des Pferdes als massenhaft genutztes Arbeitstier geriet eigentlich erst mit der Verbreitung des Automobils in grossem Massstab in Vergessenheit. Bis dahin waren Esel, Maultiere und eben auch Pferde die am meisten eingesetzten Transporthelfer. Nicht umsonst wird noch heute die Kraft von Motoren in Pferdestärken bemessen. Das Pferd wurde bis in die späten 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in vielen Regionen noch vornehmlich als Arbeitstier eingesetzt. War es am Ende seiner Kräfte, wurde es dann dem Schlachter zugeführt, um möglichst auch noch das Fleisch sinnvoll verwerten zu können.

Arbeitspferde gibt es heute auch noch, aber eher selten. Reitpferde sind hingegen teure Spielzeuge und haben mit dem eigentlichen Nutztier Pferd nicht mehr allzu viel gemein. Für beide Seiten gilt es also, im Sattel zu bleiben und das Tier Pferd in seiner Universalität neu zu bewerten.

Tierhaltung bedarf strengerer Regeln

Was der Pferdefleisch-Skandal aus dem Vorjahr eigentlich offenbart hat ist die Tatsache, dass Nutztiere, eben auch Pferde, bis heute in oftmals unwürdigen Verhältnissen gehalten werden. Eine andere Form der Achtung vor der Kreatur ist hier genauso erforderlich wie eine veränderte Haltung zum Lebensmittel Tier. Dieser Appell richtet sich aber nicht einseitig an die Züchter und Halter, sondern auch an die Verbraucher. Der zunehmende Fleischkonsum in der Schweiz geht mit einem zunehmenden Bedarf einher, der letztlich auch andere Haltungspraktiken und den Import von Fleisch bedingt.

Allerdings muss auch klar benannt werden, dass Jahr für Jahr von Schweizer Privathaushalten Fleisch tonnenweise in den Müll geworfen wird. Dabei sollte es egal sein, ob dieses Fleisch von Geflügel, Wild, Schwein, Rind oder Pferd stammt. Lebewesen waren das allemal und jedes Kilogramm weggeworfene Fleisch ist ein Skandal an sich. Auch oder gerade im Hinblick auf die Haltung von Tieren, die für den menschlichen Verzehr eingesetzt werden.

 

Oberstes Bild: © celeste clochard / Fotolia

Über Olaf Hoffmann

Olaf Hoffmann ist der kreative und führende Kopf hinter dem Unternehmen Geradeaus...die Berater.
Neben der Beratertätigkeit für kleine und mittlere Unternehmen und Privatpersonen in Veränderungssituationen ist Olaf Hoffmann aktiv in der Fort- und Weiterbildung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe.
Als Autor für zahlreiche Blogs und Webauftritte brilliert er mit einer oftmals bestechenden Klarheit oder einer verspielt ironisch bis sarkastischen Ader. Ob Sachtext, Blogbeitrag oder beschreibender Inhalt - die Arbeiten des Autors Olaf Hoffmann bereichern seit 2008 in vielfältigen Formen das deutschsprachige Internet.

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