Schneller lesen im Internet – mit Spritz

16.05.2014 |  Von  |  Literatur, Neue Medien
Schneller lesen im Internet – mit Spritz
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[vc_row][vc_column width=“1/1″][vc_column_text]Deutlich schneller lesen können? Das erste Buch der Harry-Potter-Reihe in 77 Minuten schaffen? Das soll möglich sein, wenn es nach den Entwicklern der Schnelllese-App Spritz geht. Texte jeglicher Art und vor allem im Internet sollen damit deutlich schneller gelesen werden können – aber hat das System nicht auch Nachteile?

Wie funktioniert Spritz?

Das Prinzip von Spritz ist einfach: Der Mensch muss nicht jeden Buchstaben eines Wortes einzeln lesen, um das gesamte Wort erfassen zu können. Stattdessen fokussieren wir uns meist automatisch auf einen Buchstaben, den Rest schafft unser Gehirn automatisch. Viel Zeit – nämlich etwa 60 % – geht daher nicht etwa beim Erkennen der Worte verloren, sondern wenn wir unsere Augen vom einen Wort zum nächsten bewegen. Für das Textverständnis ist diese Zeit jedoch unerheblich und damit reine Verschwendung.

Spritz soll Abhilfe schaffen: Die App, welche vor allem auf mobilen Geräten zum Einsatz kommen soll, blendet Worte ganz einfach übereinander ein. Sobald ein Wort gezeigt wurde, wird das nächste an derselben Stelle dargestellt. Wie schnell die Wörter angezeigt werden, kann der Nutzer selbst regulieren, die niedrigste Stufe von 100 Wörtern pro Minute entspricht etwa der Hälfte der normalen Lesegeschwindigkeit. 1000 Wörter pro Minute sollen für geübte Anwender aber möglich sein. Wer möchte, kann sich Spritz auf www.spritzinc.com näher ansehen und auch in deutscher Sprache gleich testen.

Aber funktioniert das auch tatsächlich?

Kurz gesagt: ja. Wer Spritz ausprobiert, wird bemerken, dass das Lesen an sich deutlich schneller geht. Sehr viel mehr Wörter kommen in einer vergleichbaren Zeit im Kopf an. Auch die Unternehmen haben das begriffen, denn Spritz soll auf zahlreichen neuen Smartphones und Tablets bereits vorinstalliert auf den Markt kommen. Allerdings gibt es noch andere ungeklärte Fragen, welche die Zukunft der App doch etwas undeutlicher erscheinen lassen – denn Geschwindigkeit ist schliesslich nicht alles, was beim Lesen zählt.

So moniert Ralf Engbert von der Universität Potsdam beispielsweise, dass das Leseverständnis deutlich leiden würde. Die Wörter kämen zwar in derselben Form im Gehirn an, aber sie könnten durch die fehlende Möglichkeit, rückblickend bestimmte Textpassagen noch einmal zu erfassen, nicht mit derselben Klarheit verarbeitet werden. Beim Lesen komplexerer Texte – sei es Fiktion oder Fachliteratur – mache sich der Leser auch abseits des eigentlichen Textes Gedanken. Durch die hohe Geschwindigkeit, mit der die Nutzer von Spritz durch Wörter nahezu bombardiert werden, fehle dieses Element vollkommen.

Also könnte Harry Potter tatsächlich in etwas mehr als einer Stunde gelesen werden – aber ob der Leser dann überhaupt versteht, was er gerade gelesen hat, ist eine andere Frage.[/vc_column_text][vc_separator color=“grey“][vc_video link=“https://www.youtube.com/watch?v=pKtvBiejYbk“][vc_separator color=“grey“][vc_column_text]Ungeeignet für Literatur?

Für ernsthafte Literatur hält Engbert die App daher für nicht geeignet. Der literarische Wert vieler Werke würde einfach verloren gehen. Eine Faustregel soll Klarheit schaffen: Jede Geschwindigkeitssteigerung beim Lesen bedeutet gleichzeitig eine Abnahme des Verständnisses. Da auch Spritz nicht zaubern kann, eignet sich das Programm also wahrscheinlich nicht für Romane, Fachliteratur, Biografien und dergleichen mehr.

Gleichzeitig ist Spritz damit aber nicht gescheitert: Gerade bei kurzen Nachrichten im Internet oder auf Smartphones kann das Potenzial der Technik geweckt werden. Eine 140 Zeichen umfassende SMS beispielsweise oder eine Mitteilung per WhatsApp fällt normalerweise sehr kurz aus, so dass ein besonderes Textverständnis gar nicht gefragt ist. Es sollte also sehr einfach möglich sein, diese kompakten Nachrichten in das Spritz-Format umzuwandeln und anschliessend sogar zu verstehen – selbst bei sehr hohen Geschwindigkeiten. Auch Engbert sieht den grössten Einsatzzweck für die App vor allem in Kurznachrichten, E-Mails und vergleichbaren Diensten, die aus dem Internetzeitalter entsprungen sind. Spritz wird seiner Ansicht nach in diesen Diensten ein Nischendasein fristen.

Die Faulheit siegt

Ein grosses Problem sehen die Experten auch im Gewohnheitstier Mensch: Texte jegliche Art auf der ganzen Welt in jeder erdenklichen Sprache werden in Blöcken dargestellt, so dass ein problemloses Hin- und Herspringen in den Texten jederzeit möglich ist. Diese über Jahrtausende angewöhnte Art des Lesens wird sich nicht ändern lassen, nur weil Spritz auf einigen Handys vorinstalliert und für einige Applikationen durchaus sinnvoll ist. Der Mensch an sich ist also ebenfalls ein gewaltiges Hindernis, um Spritz für eine breite Masse etablieren zu können.

Die reine Geschwindigkeit ist es den meisten Menschen auch einfach nicht wert, das über Jahrzehnte antrainierte Leseverständnis zu ändern. Weiterhin würden viele der Testkandidaten, welche mit Spritz im Vorfeld gearbeitet haben, auch gar nicht unbedingt schneller lesen wollen: In einer schnelllebigen Gesellschaft leben wir ohnehin bereits.

Da das Lesen häufig auch als Entspannung betrachtet wird – zumindest dann, wenn es freiwillig in Form von Romanen geschieht –, möchten sich die meisten Personen diese „Flucht“ aus dem Alltag gar nicht nehmen lassen. Vorerst werden wir Spritz also wahrscheinlich nur dort finden, wo es hingehört: auf Smartphones und im Internet.

 

Oberstes Bild: © alphaspirit – Shutterstock.com[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

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