Anders schreiben

06.08.2014 |  Von  |  Allgemein

[vc_row][vc_column width=”1/1″][vc_column_text]Seit nunmehr fast 70 Jahren gehört die Schnürlischrift zum Standard in vielen Schweizer Schulen. Damit dürfte schon bald Schluss sein. Das ebenso konzentrierte wie im Schriftbild feine Schreiben wird wohl abgeschafft werden und der sogenannten Basisschrift weichen.

Warum eine seit mehreren Schulgenerationen antrainierte Schönschrift, wie es die Schnürlischrift nun einmal ist, aufgegeben werden soll, bleibt in der Betrachtung schlussendlich strittig. Während viele Lehrer, Direktoren und Erziehungswissenschaftler für die Abschaffung plädieren, gibt es wahrscheinlich ebenso viele Pädagogen und auch Eltern, die den Erhalt der Schnürlischrift als Schulausgangsschrift befürworten.

Streit ohne Streitgrund

Man kann sich wahrlich um alles streiten, einiges kann man sicherlich auch so lassen, wie es sich seit Generationen bewährt hat. Mit Sicherheit fühlten sich viele, besonders motorisch schreibschwache Schüler, vom Beharren auf der Schnürlischrift genervt, geschadet hat das Schönschreiben dennoch sicherlich keinem. Auch nicht bei der Ausprägung einer letztlich eigenen Handschrift oder bei der Umstellung auf die formal erscheinende Blockschrift.

Und dennoch streiten wir uns jetzt darüber, ob die Schnürlischrift abgeschafft werden soll oder lieber doch nicht. Wahrlich ein Streit um eine Sache, nicht aber um ein Prinzip. Das Prinzip der Schnürlischrift heisst zunächst Vereinheitlichung der Schulschrift, Sauberkeit, filigrane Genauigkeit und eben ein gutes Mass an Konzentration. Alles Dinge, die im Lernalltag der Schule gut verwurzelt sein dürften. Damit gibt es also letztlich keinen wirklichen Streitgrund, es sei denn, die Ansprüche an schulisches Lernen sollen jetzt so vereinfacht werden, dass auch mit mangelnder Konzentration und Feinheit im Detail gelernt werden soll.

Basisschrift löst Schnürlischrift ab

Abgelöst werden soll die Schnürlischrift von der Basisschrift. Kritisiert werden an der Schnürlischrift vor allem die übergross erscheinenden Grossbuchstaben und die zahlreichen Rundungen, die vor allem von generell weniger sauber schreibenden Knaben in den unteren Schuljahrgängen nur selten korrekt beherrscht werden. Wenn etwas schwierig sein könnte, dann ersetzt man es doch lieber durch etwas Einfaches. Das zumindest scheint eine Schlussfolgerung aus dem Schriftwechsel zu sein.

Also dürfte man dann auch bald die komplizierte individuelle Auseinandersetzung mit komplexen staatsrechtlichen Fragen der Einfachheit halber durch blinden Gehorsam einer neu zu schaffenden Obrigkeit gegenüber ersetzen. Schluss mit der Polemik, zurück zur Sache.

Die einführungsreife und bereits in einigen Kantonen gelehrte Basisschrift verzichtet in weiten Teilen auf ausgiebige Schnörkel. Sie ähnelt schon mehr der sogenannten Blockschrift. In den ersten zwei Schuljahren sollen zunächst Gross- und Kleinbuchstaben einzeln, möglichst in der Abfolge des Alphabetes, angeeignet und schreiben gelernt werden. Dabei können, aber müssen die Buchstabeneingänge und Buchstabenausgänge nicht mitgeschrieben werden.

Ab der dritten Klasse werden dann mittels dieser Buchstabenein- und -ausgänge die Buchstaben in der Schreibschrift, hier als Basisschrift, verbunden. Was zunächst irgendwie kompliziert klingt, ist praktisch das, was beim deutschen Nachbarn im Norden bereits gang und gäbe ist und auch so manchem Schüler abseits einer Schönschrift wie der Schnürlischrift zur eigenen Handschrift verholfen hat.[/vc_column_text][vc_separator color=”grey”][vc_column_text]

Die Schnürlischrift war eine Schrift, die vor allem auf das Schreiben mit Tinte ausgerichtet war. (Bild: Ambient Ideas / Shutterstock.com)

Die Schnürlischrift war eine Schrift, die vor allem auf das Schreiben mit Tinte ausgerichtet war. (Bild: Ambient Ideas / Shutterstock.com)

[/vc_column_text][vc_separator color=”grey”][vc_column_text]Die Meinungen sind geteilt

Während sich die grosse Mehrheit der Lehrerschaft für die Basisschrift ausspricht, gibt es doch vor allem in der Elternschaft doch noch einige Bedenken. Gerade die Generationen, die mit der Schnürlischrift gross geworden sind, sehen den Wandel der Schrift nicht immer ganz ein. Dabei muss klar gesagt werden, dass die Schnürlischrift eine Schrift war (und ist), die vor allem auf das Schreiben mit Tinte ausgerichtet war. Leider schreiben heute aber immer weniger Schüler mit Tinte, sondern zunehmend mit Kugelschreiber. Nicht selten wird das Schreiben auch noch mit einem Bleistift erlernt. Dem angepasst werden darf natürlich auch die Schrift. Favorisiert hat sich hier die Luzerner Basisschrift, die von einem Schweizer Grafiker und Schriftdesigner entworfen wurde. Seit vier Jahren wird die modifizierte Basisschrift des Hans Eduard Meier bereits im Kanton Luzern an den Primarschulen gelehrt.

Eine Teilung in Befürworter und Ablehner erscheint eigentlich kontraproduktiv. Fest steht, dass auch die Basisschrift Anforderungen an ein diszipliniertes und genaues Schreiben  stellt, im Wesentlichen aber den Schreibgewohnheiten und auch den Lesegewohnheiten in Bezug auf das handgeschriebene Wort deutlich besser entgegenkommt. Darüber hinaus dürfte auch Beachtung finden, dass im europäischen deutschsprachigen Raum eine Schrift gelehrt wird, die der Basisschrift verblüffend ähnlich scheint. Im deutschsprachigen Ausland soll es sogar Leute geben, die die Schnürlischrift nur schwer entziffern können.

Schreiben wird von der Hand auf die Maschine übertragen

Haben Sie in der Schriftendatenbank Ihres Textverarbeitungsprogrammes schon einmal die Schnürlischrift entdeckt? Nach kurzer Recherche habe ich diese Möglichkeit nicht ausfindig gemacht. Allerdings finde ich die Schnürlischrift auch nicht auf Plakaten, selten im Fernsehen und noch seltener in gedruckten Medien wie etwa in Zeitungen und Zeitschriften. Da hat selbst die Basisschrift noch bessere Chancen.

Dabei sollte auch nicht vergessen werden, dass heute eine überaus grosse Menge an Worten und ganzen Dokumenten gar nicht mehr mit der Hand geschrieben wird. Kurze Nachrichten verfassen wir bevorzugt als SMS am Natel oder Smartphone, eine E-Mail wird ohnehin in die Tastatur getippt, Postkarten gibt es fast nur noch als E-Cards, aber selten im Postkasten, und umfangreiche Dokumente schreibt ja kaum noch jemand mit der Hand. Selbst der Einkaufszettel wird heute ins Smartphone diktiert. Sollte der dann doch in Schnürlischrift per Hand geschrieben werden, dann kann das für Verwirrung beim Einkäufer sorgen.

Die Schrift wird also zunehmend eine Sache der Maschinen, was folgern lässt, dass auch eine maschinenlesbare Schrift wie etwa die Basisschrift oder die Blockschrift deutlich zeitgemässer sind. Und wer da glaubt, unsere Kinder werden als Erwachsene Dokumente und Verträge in Blockschrift unterschreiben, der irrt. Die Basisschrift ist durchaus dazu geeignet, eine ganz eigene Handschrift eben auch mit einer ganz eigenen Unterschrift zu entwickeln.

 

Oberstes Bild: © Tatyana Vyc – Shutterstock.com[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]