So wertvoll wie ein Sandkorn? – Über den globalen Sandabbau und seine Folgen

26.01.2015 |  Von  |  Konsum
So wertvoll wie ein Sandkorn? - Über den globalen Sandabbau und seine Folgen
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Wie Sand am Meer – das stimmt leider nicht mehr. Er ist Bestandteil von Glas, Computern und Lebensmitteln. Vor allem aber wird er als Baustoff für die Herstellung von Beton gebraucht. Und Sand ist so billig, dass die Nachfrage ständig wächst. Inzwischen stammt ein grosser Teil vom Meeresboden, nicht selten auch illegal von den Stränden. Das hat alarmierende Auswirkungen auf Mensch und Natur.

Die Weltbevölkerung wächst und wächst, und damit der Bedarf am Rohstoff Sand, der als Wirtschaftsfaktor ein weltweites Handelsvolumen von 70 Milliarden US-Dollar pro Jahr aufweist. Dabei wissen viele Menschen nicht, in welchem Ausmass die Industrie ihn tatsächlich verarbeitet, da er im fertigen Produkt ja nicht mehr sichtbar ist.

Unsichtbarer Rohstoff

Ein grosser Teil der weltweiten Vorkommen befindet sich eingebaut in Glasscheiben, Mikrochips oder Geldautomaten. Hochwertiger Sand enthält bestimmte Minerale, ohne die Computer und Fahrzeuge gar nicht funktionieren würden. Grösster Verbraucher ist die Bauindustrie, die riesige Mengen für Beton benötigt, aus dem wiederum Häuser, Gebäude und Strassen entstehen. In zwei Dritteln aller Bauwerke ist Sand als Baustoff enthalten. Für einen einzigen Kilometer Autobahn braucht es 30’000 Tonnen Sand, für ein Atomkraftwerk 12 Millionen Tonnen, für ein Einfamilienhaus vergleichsweise bescheidene 200 Tonnen.

Und das ist längst nicht alles. Sand ist in unserem Alltag immer gegenwärtig, ohne dass es uns bewusst ist, er steckt in Kosmetika, Waschpulver, Zahnpasta und Scheuermitteln. Die Nahrungsmittelhersteller verarbeiten ihn in Gewürzen, Tee, Instantbrühe, Wein oder Zucker.

Darüber hinaus legen viele Hotels und private Grundstücksbesitzer künstliche Sandstrände an, die sie alle paar Jahre aufschütten lassen müssen. Es geht aber noch grösser: Mit dem „Allroundtalent“ Sand kann man Land gewinnen. Viel Land. Berühmtes Beispiel sind die umstrittenen Palminseln Dubais, deren Bau 150 Millionen Tonnen Sand verschlang. Künstlich angelegte Inseln und Strände erodieren wesentlich schneller als auf natürliche Weise entstandene. Der Status quo lässt sich nur durch regelmässige Aufschüttungen aufrechterhalten.

Darüber hinaus erfordert es grosse Sandmengen, um Meeresstrände nach Hurrikans oder Überschwemmungen wieder aufzuschütten. Ohnehin befindet sich ein Grossteil der Strände auf dem Rückzug, nach Ansicht einiger Wissenschaftler sind es zwischen 80 und 90 Prozent. Das liegt vor allem daran, dass Häuser und Hotels viel zu nah am Wasser gebaut werden.

Dadurch können sich die Wellen bei Unwettern nicht mehr weit genug ins Landesinnere auslaufen, sondern müssen, durch die Gebäude vorzeitig gebremst, ins Meer zurück. Dabei nehmen sie grosse Mengen Sand mit, der wiederum am Strand fehlt. Das Dilemma verschlimmert sich durch Staudämme und Talsperren, die dem Sand den natürlichen Weg vom Gebirge in die Flüsse und schliesslich ins Meer versperren. Auch Kanäle und künstliche Flussbeten blockieren den natürlichen Weg des Sandes.

Bis aus Steinen Sand entsteht, dauert es Hunderte bis Tausende von Jahren. Der natürliche Prozess richtet sich nach der Gesteinsart, den Niederschlägen und anderen äusseren Einflüssen. Sand  ist also nicht einfach erneuerbar, zumindest nicht in menschlicher Zeitrechnung.


Der trockene Wüstensand ist als Rohstoff für Beton unbrauchbar (Bild: © Mikadun - shutterstock.com)

Der trockene Wüstensand ist als Rohstoff für Beton unbrauchbar (Bild: © Mikadun – shutterstock.com)


Sandabbau hat gravierende Folgen für die Umwelt

2014 veröffentlichten die Vereinten Nationen einen Bericht über die Auswirkungen des grenzenlosen Sandabbaus. Verfasst hat ihn der Schweizer Umweltwissenschaftler Pascal Peduzzi. Er warnt eindringlich vor der Zerstörung empfindlicher Ökosysteme, die in vielen Ländern mit der Sandgewinnung einhergeht.

Lange Zeit stammte der Grossteil des Bausandes aus Flussbetten und Kiesgruben. Diese Vorkommen werden aber knapp. Auch kritisieren viele Umweltschützer und Wissenschaftler mit zunehmender Schärfe die Ausbeutung der Flussböden. Sie sehen darin eine Hauptursache für Überschwemmungen einerseits und ausgetrocknete Flüsse andererseits.

Deshalb ging man dazu über, den Sand in einiger Distanz zur Küste vom Meeresboden zu gewinnen. Unter rein wirtschaftlichen Aspekten erscheint das logisch, schliesslich gibt es dort noch genug von dem begehrten Rohstoff. Außerdem bleibt der Abbau in den Weiten der Ozeane nahezu unbemerkt, folglich regt sich auch niemand darüber auf.

Unter Umweltgesichtspunkten jedoch ist es eine Katastrophe: Um riesige Mengen Sand auf einmal abzubauen, setzen die Unternehmen Schwimmbagger ein. Das sind riesige Schiffe, die wie gigantische Staubsauger den Meeresboden nach oben befördern. Dabei töten sie alle Tiere, die in den Sog geraten. Überdies pumpen die Bagger mit dem Sand Mikroorganismen und Sedimente ab, die vielen Meerestieren als Nahrungsgrundlage dienen. Die Fischbestände gehen zurück, infolgedessen sehen sich vielerorts auch Fischer in ihrer Existenz bedroht. Nach Aussagen von Pascal Peduzzi, dem Autor des UN-Berichts, dauere es Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis sich der Boden regeneriert und die Tiere zurückkommen.

Die Schwimmbagger verschärfen ebenso das Problem der schrumpfenden Strände: Nach getaner Arbeit lassen sie riesige Löcher im Meeresboden zurück. Darin lagert sich der Sand von den Stränden ein, der mit den Wellen ins Meer gelangt und im Normalfall mit der Strömung wieder zurückkommt. Die Löcher verhindern das aber. Auf diese Weise verschwinden ganze Strände und sogar Inseln. So sollen infolge des massiven Sandabbaus vor Indonesiens Küsten bereits 25 Inseln buchstäblich im Meer versunken sein.

Es ist eigentlich grotesk: Weil der Sand aus dem Meer gepumpt wird, verschwindet der Sand von den Stränden noch schneller. Um diesen Prozess aufzuhalten, sind regelmässige Aufschüttungen mit eben diesem hochgeförderten Meeressand erforderlich. Ein ewiger Kreislauf und gleichzeitig ein profitables Geschäft für die Förderunternehmen.

Dazu kommt, dass der Sand am Strand ganz anders beschaffen ist als im Meer. Wind und Wellen schleifen die Sandkörner an Land permanent ab. Bei Meeressand ist das nicht der Fall, er zerbröselt viel schneller und muss bald wieder ersetzt werden. Beim Aufschütten werden alle Tiere am Strand, die sich nicht rechtzeitig retten können, vom einströmenden Sand zerquetscht oder erstickt.


Um riesige Mengen Sand auf einmal abzubauen, setzen die Unternehmen Schwimmbagger ein. (Bild: © Paul Brennan - shutterstock.com)

Um riesige Mengen Sand auf einmal abzubauen, setzen die Unternehmen Schwimmbagger ein. (Bild: © Paul Brennan – shutterstock.com)


Trotz der verheerenden Auswirkungen ist der Sandabbau mit den Baggerschiffen vollkommen legal. Jeder, der sich ein solches Schiff leisten kann, darf Sand aus den Meeren fördern. England vergibt dafür Konzessionen, in vielen anderen Ländern ist nicht einmal das notwendig. Derzeit sind schon mehr als 1000 dieser Schiffe im Einsatz; die grössten von ihnen kosten an die 180 Millionen US-Dollar und können 400’000 Tonnen Sand aufnehmen.

Den Alpen sei Dank kann die Schweiz ihren Bedarf nahezu vollständig aus eigenen Vorkommen decken. Dieser Sand kommt hauptsächlich aus Kiesgruben, zu einem kleinen Teil aus den Schweizer Gewässern. Der Abbau unterliegt strengen gesetzlichen Richtlinien. Nur wer die Auflagen von Behörden und Umweltverbänden erfüllt, kann auf Bewilligung seines Antrags hoffen.

Während auch im restlichen Europa der Abbau einigermassen gesetzlich geregelt ist, sieht es in Afrika und Asien düster aus. Dort wird teilweise regelrechter Raubbau betrieben, ohne gesetzliche Auflagen oder Rücksicht auf Belange der Umwelt.

Vor allem in Ländern mit grosser Armut ist der illegale Abbau gang und gäbe. Die Menschen stehlen den Sand einfach von den Stränden, meist in der Nacht. Oder sie holen ihn in Strandnähe vom Meeresboden. Anschliessend folgt der Verkauf an die Bauunternehmer. Die brauchen ihren Rohstoff und fragen in aller Regel nicht nach, woher er stammt. Für den Transport dienen Esel oder grosse Laster.

Teilweise hat sich eine regelrechte „Sandmafia“ mit gut funktionierender Organisation gebildet. So verschwand in Jamaica in einer einzigen Nacht ein Strand von 400 Metern Länge. In Indien wurde ein Polizist bei dem Versuch erschossen, Leute vom Sandstehlen abzuhalten. Diese Beispiele liessen sich beliebig fortsetzen.

Kann man nicht einfach Wüstensand verwenden?

Der trockene Wüstensand ist als Rohstoff für Beton unbrauchbar, da die gerundeten Körner nicht aneinander haften. Auch Dubai musste sich den Sand für die Palmeninseln aus dem Meer beschaffen. Die eigenen Ressourcen des Emirats waren bald erschöpft, deshalb stammt der Grossteil von Importen aus Australien.

Gibt es eine Lösung?

Dass unkontrollierter Sandabbau ein Problem darstellt, ist erst durch den UN-Bericht in den Fokus von Politik und Bevölkerung gerückt. Solange die Industrie auf billigen Sand als Rohstoff zurückgreifen kann, zieht sie naturgemäss keine Alternative in Betracht. Nach Ansicht von Peduzzi muss zum einen die Öffentlichkeit besser informiert werden, zum anderen sieht er die Politik in der Pflicht, den Abbau gesetzlich zu regulieren.

Eine gute Alternative wäre beispielsweise die Asche aus der Müllverbrennung, die Sand als Baustoff bei der Betonherstellung ersetzen kann. Auch die Eigenschaften von zerkleinertem und geschliffenem Glas ähneln denen von Sand, zumal dieser ja als Rohstoff für die Glasherstellung dient. Recyceltes Altglas könnte möglicherweise auch als Material für künstliche Strände sinnvoll sein, wobei sich die Wissenschaftler hier nicht einig sind. Als positiver Nebeneffekt würde sich gleichzeitig das Müllaufkommen verringern. Denn rund ein Viertel des Altglases wird nicht recycelt und landet auf den Deponien.



Alle umweltverträglichen Alternativen sind wesentlich teurer als der Abbau von Sand. Andererseits zahlen wir einen viel höheren Preis, wenn wir kaum rückgängig zu machende Schäden für die Umwelt in Kauf nehmen.

 

Oberstes Bild: © bikeriderlondon – shutterstock.com
Hauptquellen: SRF, Zeit online, Handelsblatt, Arte


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