Islamischer Staat: Eine Terrortruppe will das Ende der Geschichte

09.03.2015 |  Von  |  Allgemein, Gesellschaft, Politik
Islamischer Staat: Eine Terrortruppe will das Ende der Geschichte
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[vc_row][vc_column width=“1/1″][vc_column_text]Schon in der vergangenen Woche hielt die Welt den Atem an: Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zertrümmerten im Museum von Mossul assyrische Statuen, die zum Teil über 3.000 Jahre überdauert hatten. Die antike Stadt Nimrud, die vor 3.200 Jahren gegründet wurde, war das nächste kulturelle Opfer des IS.

Inzwischen kamen aus dem Nordirak weitere Schreckensmeldungen im Hinblick auf das kulturelle Erbe der Region und der gesamten Menschheit. Irakische und internationale Archäologen hatten bereits befürchtet, dass nach Nimrud auch der über 2.000 Jahre alten Stadt Hatra die Zerstörung droht. Nach Angaben des irakischen Antikenministeriums wurde Hatra am vergangenen Sonnabend geschleift, nachdem die Terroristen die historische Stätte zuvor geplündert hatten. Am Sonntag ereilte die antike Festungsanlage Dur Scharrukin in der Ortschaft Chorsabad das gleiche Schicksal.

Nimrud, Hatra, Dur Scharrukin – Angriff auf das Kulturerbe der Menschheit

Alle drei antiken Stätten befinden sich in der Umgebung der IS-Hochburg Mossul – nach Meldungen des irakischen Antikenministeriums haben die Extremisten sie zum Teil gesprengt, zum Teil mit schweren Militärfahrzeugen und Bulldozern zerstört. Nimrud und Hatra standen auf der Weltkulturerbe-Liste der UNESCO. Die historischen Wurzeln von Nimrud reichen bis ins 13. Jahrhundert vor Christus, im 8. und 7. Jahrhundert war es die Hauptstadt des Neuassyrischen Reiches. Unter anderem war in Nimrud eine der ältesten Bibliotheken der Welt zu Hause. Nachdem Assyrien im Jahr 612 vor Christus von den persischen Medern erobert wurde, verfiel die Stadt – seit 1846 wird sie von Archäologen wieder ausgegraben. Nimruds historische Palastanlagen erstrecken sich über eine Fläche von fast vier Quadratkilometern. Bewacht wurden sie von gewaltigen Lamassu-Statuen – altorientalischen Schutzgöttern mit Menschenköpfen, Flügeln und dem Körper eines Löwen oder Stiers – die bis zur letzten Woche den Zeiten und allen Herrscherwechseln widerstanden hatten.[/vc_column_text][vc_separator color=“grey“][vc_column_text]

Lamassu-Statuen von Nimrud(Bild: rosemanios, Wikimedia, CC)

Lamassu-Statuen von Nimrud(Bild: rosemanios, Wikimedia, CC)

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Das Statement der UNESCO: „Kulturelle Säuberung“

Hatra wurde im ersten Jahrhundert nach Christus gegründet und war einer der wichtigsten Fundstätten für die historischen Zeugnisse des antiken Parther-Reiches. Der Bau von Dur Scharrukin begann im Jahr 712 vor Christus, unter Archäologen gilt die alte Zitadelle als ein Ort von unschätzbarem Wert – die dort gefundenen Artefakte dokumentieren auf einzigartige Weise Leben und Alltag in der altorientalischen Kultur. Experten – so die irakisch-amerikanische Archäologin Zaineb Bahrani oder ihr irakischer Kollege Abdul Amir Hamdani – gehen davon aus, dass der IS vor allem Kulturgüter zerstört, die er nicht ins Ausland schmuggeln kann. Die Terrortruppe finanziert sich unter anderem durch illegalen Antikenhandel. Bei den Zerstörungen antiker Stätten kommt nun vor allem ihre krude Ideologie zum Tragen. Seit Nimrud spricht die UNESCO von „kultureller Säuberung“.[/vc_column_text][vc_separator color=“grey“][vc_column_text]

Die Ruinen von Hatra (Bild: Multi-National Corps Iraq Public Affair, Wikimedia)

Die Ruinen von Hatra (Bild: Multi-National Corps Iraq Public Affair, Wikimedia)

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Der IS will einen „geschichtlich völlig befreiten Raum“

Ihre Zerstörungswut begründen die Terroristen mit der Überlieferung des Propheten Muhammad, der nach der Eroberung Mekkas im Jahr 630 die altarabischen Götterstatuen in der Stadt zerstören liess – ebenso wie diese seien die irakischen Statuen in historischen Zeiten als „Götzen“ angebetet worden. Mit der gleichen Begründung hatten 2001 die afghanischen Taliban die aus dem 6. Jahrhundert nach Christus stammenden Buddha-Statuen von Bamiyan zerstört. Dem IS geht es mit seinen Aktionen allerdings um mehr: In seinem Herrschaftsgebiet soll alles ausgelöscht werden, was anders ist als sein System und dessen religiöse Ideologie. Der Berliner Archäologe Reinhard Bernbeck formuliert es so, dass die Djihadisten die „kulturelle Vergangenheit“ des Nahen und Mittleren Ostens fast komplett zerstören und einen „geschichtlich völlig befreiten Raum“ erzeugen wollen.

Das Ende der bisherigen Geschichte – Projektionsfläche für die „Weltherrschaft“

Das „Ende“ der bisherigen Geschichte ist für den IS die Voraussetzung dafür, seinen Anspruch auf die Herrschaft über die Region und perspektivisch auf die Weltherrschaft zu begründen – eine der ersten Veröffentlichungen des IS war eine Weltkarte, in denen die Terroristen den gesamten arabischen Raum, Iran, die Türkei, Mittelasien, aber auch Spanien, Österreich, Griechenland und ganz Südosteuropa für sich reklamieren. In einem Video, in dem der libysche IS-Ableger die Ermordung von 21 koptischen Christen aus Ägypten festgehalten hat, droht einer der Schlächter der „Nation des Kreuzes“ an, auch Rom und den Vatikan in seinen Herrschaftsbereich zu bringen. Historisch gewachsene kulturelle und religiöse Identitäten sind dabei hinderlich. Mit den Zerstörungen im Nordirak hat der IS die antiken Wurzeln der mittelöstlichen und europäischen Kultur respektive einen wichtigen Zweig der Menschheitsgeschichte ins Visier genommen.

Steinzeit-Islam ohne Geschichte und Kultur

Kurz nach dem Jahreswechsel publizierte der IS ein Manifest über die „Frauen des Islamischen Staates“, das sich vor allem an Frauen in den arabischen Ländern wendet. Die Londoner Quilliam Foundation – ein anti-islamistischer Think Tank – hat den Text ins Englische übersetzt und an die europäischen Medien gegeben. In dem Papier geht es nicht nur um die Rolle der Frau in einer aus der Perspektive des IS perfekten islamischen Gesellschaft, sondern auch um das Geschichts- und Zivilisationsbild der Steinzeit-Islamisten.

Geschichte im eigentlichen Sinne kommt darin nicht vor, die „beste Gesellschaft“ ist aus ihrer Sicht die islamische Urgemeinde in Medina – mit den „besten Führern“ ausgestattet, in materieller Hinsicht einfach und von den „weltlichen Wissenschaften“ kaum berührt. Der IS leitet daraus ab, dass auch sein „islamisches Gemeinwesen“ weder Wissenschaft und Bildung noch kulturelle Vielfalt braucht. In diesem Kontext lehnen sie nicht nur vorislamische Zivilisationen, die christlich-jüdische Geschichte oder die westliche Moderne, sondern auch die islamische Geschichte ab. In ihrem Manifest betrachten sie die Wissenschaftler und Philosophen der islamischen Hochkultur als Atheisten, Häretiker und „Genies“, die nur für Europäer relevant sind. Muslime brauchen dieses weltliche Erbe nicht und müssen sich davon befreien.[/vc_column_text][vc_separator color=“grey“][vc_video link=“https://www.youtube.com/watch?v=PffLZm_VXwc“][vc_separator color=“grey“][vc_column_text]

Als ein Fazit: Der IS führt einen totalen Krieg

Letztlich wollen die Djihadisten des IS in den von ihnen kontrollierten Gebieten alle kulturellen Werte beseitigen, die nicht in ihr Weltbild passen. Muslime, die deren „Glaubenspraxis“ nicht fraglos akzeptieren, werden verfolgt und als Apostaten hingerichtet. Angehörige anderer Religionen – Juden, Christen, Jeziden … – sollen unter Berufung auf den Koran und die Praxis der islamischen Urgemeinde versklavt oder ausgerottet werden. In Mossul gibt es zum ersten Mal seit mehr als 2.000 Jahren keine Christen mehr. In Nordostsyrien sollen nach dem Willen des IS derzeit die Bewohner von 40 christlichen Dörfern, die bis heute Aramäisch sprechen, einem religiös motivierten Genozid zum Opfer fallen – kurdische Einheiten versuchen bisher, die Angreifer zurückzudrängen.

Wenn der IS schaffen würde, was er sich vorgenommen hat, wäre die über Jahrtausende gewachsene kulturelle und religiöse Vielfalt des Nahen und Mittleren Ostens endgültig Vergangenheit. Ebenso wie seinerzeit Hitlers Drittes Reich hat der IS der Zivilisation insgesamt den totalen Krieg erklärt.

Zu wünschen bleibt, dass die internationale Gesellschaft den brutalen „Gotteskriegern“ des IS etwas entgegenzusetzen hat. Hoffnung geben auch Berichte, dass das von ihnen proklamierte „Kalifat“ in Syrien und Irak durch innere Auseinandersetzungen und den Widerstand der lokalen Bevölkerung zu implodieren droht.

 

Oberstes Bild: Der „Islamische Staat“ schleift im Nordirak antike Stätten. (© Michael Wick / Shutterstock.com)[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

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1 Kommentar


  1. Grauenhaft. Diese Verbrechen kommen auf der Skala gleich nach den systematischen Ermordungen von Christen, Jesiden und anderen Minderheiten.

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