Schweizer Alpengletscher: Forscher messen Konzentration an Schadstoffen

06.12.2014 |  Von  |  Natur
Schweizer Alpengletscher: Forscher messen Konzentration an Schadstoffen
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[vc_row][vc_column][vc_column_text]Als Folge der globalen Erwärmung gehen weltweit die Gletscher zurück, so auch in den Schweizer Alpen. Durch das Schmelzwasser können im Eis eingelagerte Schadstoffe wieder in die Atmosphäre gelangen. Ein Forscherteam hat diese nun erstmals umfassend untersucht.

Hinsichtlich der im Eis konservierten industriellen Stoffe gibt es grosse Wissenslücken. So war bislang nicht bekannt, wie sich die Konzentration über eine bestimmte Zeitspanne entwickelt hat und wie die Einlagerung genau vor sich geht.

Einige der offenen Fragen sind jetzt beantwortet: Im Rahmen eines Nationalfondsprojekts hat ein Forscherteam Kernbohrungen an den Gletschern durchgeführt und die Eisproben eingehend untersucht. Beteiligt waren Wissenschaftler der Universität Bern, der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich, des Forschungsinstituts Empa und des Paul-Scherer-Instituts.

Gletschereis auf chlorhaltige Schadstoffe untersucht

Schwerpunkt der Untersuchungen waren organische chlorhaltige Stoffe, bekannt unter dem Sammelbegriff PCB (Polychlorierte Biphenyle). PCB baut sich schwer ab und hat negative Auswirkungen auf Mensch und Tier. Es kann von allen Lebewesen aufgenommen werden: über die Haut, den Magen-Darm-Trakt und die Lungen. Das Gift verteilt sich im ganzen Körper, lagert sich im Fettgewebe ein und schwächt das Immunsystem. In der Folge können Schäden an Leber, Nieren und Milz entstehen, auch die Bildung der gefürchteten Chlorakne ist möglich.

Zahlreiche Industriezweige setzten im 20. Jahrhundert PCB für ihre Produkte ein, unter anderem wegen der feuerabweisenden und isolierenden Eigenschaften. So waren die Schadstoffe etwa in Lacken, Fugendichtungen oder Kondensatoren enthalten. Die Schweiz hat die Verwendung von PCB in den 1970er Jahren nur noch eingeschränkt zugelassen. Das endgültige Verbot folgte erst 2004.

Die Untersuchung des Eisbohrkerns gab dieses Bild exakt wieder. Demnach stieg die Konzentration zwischen 1940 und 1970 um das Achtfache an und ging dann langsam zurück. Das heutige Level entspricht wieder dem von 1940. Aber: Das im Eis eingelagerte PCB ist eine Altlast, die erneut in die Atmosphäre gelangen kann, wenn Gletscher schmelzen. Es ist noch nicht erforscht, wie genau verschiedene Stoffe beim Schmelzen transportiert werden, welche physischen und chemischen Prozesse dabei eine Rolle spielen. Deshalb können die Experten auch keine Prognose abgeben, wie stark freigesetztes PCB die Umwelt und die Bergseen belasten wird. Hierzu sind weitere Untersuchungen geplant.

Im Laufe der jetzigen Analysen konnten die Wissenschaftler den Weg der Schadstoffe im Inneren des Gletschers nachvollziehen. Das Eis speichert Substanzen sowohl aus dem Niederschlag als auch aus der Luft. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die einzelnen Stoffe abhängig von ihren jeweiligen Eigenschaften ganz unterschiedlich einlagern. Zu den massgeblichen Faktoren gehören zum Beispiel die Löslichkeit im Wasser und die Kompatibilität mit dem Eis.[/vc_column_text][vc_separator color=“grey“][vc_column_text]

Die Alpengletscher gehen zurück. Mit dem Schmelzwasser treten eingelagerte Schadstoffe wieder aus. (Bild: Alan Kraft / Shutterstock.com)

Die Alpengletscher gehen zurück. Mit dem Schmelzwasser treten eingelagerte Schadstoffe wieder aus. (Bild: Alan Kraft / Shutterstock.com)

[/vc_column_text][vc_separator color=“grey“][vc_column_text]Gletscherschmelze lässt sich nicht mehr aufhalten

Die Gletscher schmelzen auf der ganzen Welt schon seit Jahrzehnten, was unmittelbaren Einfluss auf das empfindliche Ökosystem hat. Auch die Schweizer Alpen waren und sind davon stark betroffen. Wo sich im vergangenen Jahrhundert Gletscherzungen ausgedehnt haben, stehen heute verstreute Eisfelder. Seit 1973 sind die Alpengletscher hierzulande um nahezu ein Drittel zurückgegangen – und schon damals waren sie stark geschrumpft.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. So betrug die Gletscherfläche

  • 1850 1735 Quadratkilometer
  • 1973 1307 Quadratkilometer – Rückgang zu 1850 etwa ein Drittel
  • 2010  944 Quadratkilometer – Rückgang zu 1973 etwa ein Drittel / Rückgang zu 1850  etwa die Hälfte

Im Ergebnis verkleinerte sich die mit Gletschern bedeckte Fläche ab 1850 im Laufe von knapp 125 Jahren um ein Drittel. Für das nächste Drittel brauchte es nur noch knapp 40 Jahre. Das Eisvolumen, also die Dicke der Eisschicht, ging während dieser vier Jahrzehnte um 22,5 Kubikkilometer zurück.

Weitreichende Folgen für die Umwelt

Wenn ein Gletscher schwindet, verödet oft die direkte Umgebung. In offenen, trockenen Gesteinslandschaften finden sich nur wenige Lebewesen zurecht. Mangels Wasser, Nahrung und Schutz vor Feinden geht die Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen verloren.

Der Schwund beeinflusst auch den Wasserhaushalt, da die Alpengletscher in der Schweiz eine wichtige Quelle für Süsswasser darstellen. Die Gletscher in den tiefer liegenden Gebieten schmelzen weg, während sich aus dem Schmelzwasser im Hochgebirge neue Bergseen bilden. Dabei kann wiederum das eingespeicherte PCB freigesetzt werden, mit noch unbekannten Folgen.

Die dokumentierten Entwicklungen zeigen ferner, dass der Gletscherschwund unterschiedlich schnell fortschreitet. So ziehen sich die Gletscher des Engadin und Tessin rasant zurück, während es in den Walliser Alpen viel langsamer geht. Die anderen Alpenregionen liegen dazwischen. Eine eindeutige Ursache für dieses Phänomen konnten Forscher bislang noch nicht benennen.

Neben den langfristigen Folgen für das Ökosystem kann der Rückgang der Gletscher direkte Gefahren für die Menschen auslösen. So verliert der Permafrostboden nach und nach an Stabilität. Es kann zu Erdrutschen und abstürzenden Felsen kommen. Auch Skilifte und Berghütten stehen dann nicht mehr sicher und drohen abzurutschen. Weiter sind Überschwemmungen oder Flutwellen durch das Schmelzwasser möglich.

Nach heutigem Wissenstand lässt sich der Gletscherrückgang nicht aufhalten. Demnach werden bis zum Jahr 2100 rund 90 Prozent des gesamten Gletschereises geschmolzen und 600 neue Gebirgsseen entstanden sein. Bleibt die Frage offen, ob der Klimawandel eine Folge der Umweltbelastung ist oder ob es sich um eine normale Änderung der Durchschnittstemperaturen handelt. Die Experten tun sich mit dieser Frage schwer, weil einigermassen verlässliche Wetteraufzeichnungen erst ab dem 19. Jahrhundert gemacht wurden.

Quellen:

– Paul-Scharrer-Institut
– Berner Zeitung
– SRF

 

Oberstes Bild: © ichie81 – Shutterstock.com[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]


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