Francesco Schettino: Ein Chaos-Kapitän schreibt Geschichte

17.01.2012 |  Von  |  Allgemein

Fatal erinnert die Havarie der „Costa Concordia“ an den Untergang der RMS „Titanic“, die am 14./15. April 1912 – also vor fast genau 100 Jahren – im Eismeer versank (hier beide Unglücke im Vergleich).

Doch während der „Titanic“-Kapitän Edward J. Smith damals mannhaft mit dem Schiff unterging, sieht die Sache bei Francesco Schettino (52) anders aus.

Die Vorwürfe gegen den Kapitän der „Costa Concordia“ sind ungeheuerlich. Nicht nur soll er leichtsinnigerweise vom Kurs abgewichen sein und den 114’500 Tonnen schweren Kreuzfahrt-Giganten viel zu nah an die toskanische Insel Giglio gelenkt haben. Auch wird ihm unehrenhaftes wie ungesetzliches Verhalten bei der Evakuierung vorgeworfen. So soll er sich nach der Kollision mit dem Felsen als einer der Ersten an Land gerettet haben, statt die Evakuierung des Schiffs zu koordinieren.

„Herr Kapitän, Sie haben das Schiff verlassen?“

Laut seiner eigenen Aussage sowie Angaben von Zeugen hatte Schettino das Schiff bereits um 23.40 Uhr verlassen (Kollisionszeitpunkt: 21.42 Uhr). Mehrmalige Aufforderungen der Küstenwache, auf das Schiff zurückzugehen, habe der Kapitän ignoriert. Der Nachrichtenagentur Ansa liegen Aufzeichnungen von Telefonaten vor, welche zwischen dem Kapitän und dem Hafenmeister geführt wurden.

Offizier: „Jetzt gehen Sie zurück auf das Schiff und koordinieren die Evakuierung. Sie müssen uns sagen, wie viele Menschen, Frauen und Kinder es dort noch hat, die genauen Zahlen in jeder Kategorie.“ – „Was machen Sie da? Sind Sie nicht am Helfen?“

Kapitän: „Nein, nein, ich bin hier, ich koordiniere die Rettung.“

Offizier: „Kommandant, das ist ein Befehl, ich befehle jetzt. Sie haben gesagt, Sie hätten das Schiff verlassen. Sie müssen zurückgehen und die Rettung koordinieren.“ – „Es gibt bereits Tote.“

Kapitän: „Wie viele?“

Offizier (brüllend): „Sie müssen mir das sagen! Wollen Sie nach Hause gehen?“

Um 00.42 Uhr sagt Kapitän Schettino ins Telefon: „Wir können nicht mehr zurück an Bord, das Schiff ist bereits am Sinken.“ Darauf fragt das Personal an Land verwundert nach: „Herr Kapitän, Sie haben das Schiff verlassen?“ Dieser antwortet: „Nein, nein, natürlich nicht!“

Weiterhin berichtet die Nachrichtenagentur Ansa von einer Art „Meuterei“ des Schiffspersonals. Dieses hatte entschieden, die Evakuierung zu starten, noch bevor der Kapitän dazu den Befehl gab.

Hinweise: Das Schiffsmanöver war bloss ein Jux

Zu klären ist die Frage, was den Kapitän geritten hat, den Kreuzfahrt-Riesen bis auf 500 Meter an die Insel Giglio zu lenken, so dass das Schiff schliesslich auf einen Felsen auflief und mit 4200 Menschen an Bord kenterte. Die Route sei nicht autorisiert gewesen und vom Kapitän eigenmächtig gewählt worden, so die Kreuzfahrtgesellschaft „Costa Crociere“, die sich nachdrücklich von ihrem Kapitän distanziert.

Laut Hinweisen war der Grund für das Manöver ein banaler Jux: Der Kapitän wollte dem Oberkellner Antonello T. zuliebe extra nah an dessen Heimatinsel vorbeifahren, damit dieser seiner Familie grüssen konnte. Am Abend des Unglückstags habe Schettino den Oberkellner zu sich auf die Brücke bestellt, berichtet der „Corriere della sera“. „Antonello, guck mal, wir liegen direkt vor deiner Insel“, soll einer der Anwesenden zu dem Angestellten gesagt haben. „Achtung, wir sind ja total nah an der Küste“, soll dieser erwidert haben. Doch da war das Unglück schon passiert.

Ein verdächtiger Facebook-Eintrag vom Freitag (21.06 Uhr), der vermutlich von der Schwester des Kellners, Patrizia T., stammt, bestätigt diese Version: „In Kürze wird die ‚Concordia’ der Costa Crociere sehr, sehr nah an uns vorbeifahren. Einen Riesengruss an meinen Bruder, der in Savona endlich von Bord gehen wird, um ein bisschen Urlaub zu machen.“ – Einige Zeit später ereignete sich vor der Küste – gewissermassen wie verabredet – die Katastrophe.

Der Kapitän sieht bei sich keine Schuld

Für den in U-Haft sitzenden Unglücks-Kapitän findet die Staatsanwaltschaft klare Worte: „Wir sind betroffen von der Skrupellosigkeit des waghalsigen Manövers“, so Staatsanwalt Francesco Verusio.

Der Beschuldigte redet sich indessen heraus. So sei der Felsen nicht auf der Seekarte verzeichnet gewesen. Dies weist Staatsanwalt Verusio jedoch klar zurück. Der vom Schiff gerammte Felsen sei auf der Karte sehr wohl eindeutig vermerkt. Aber Karte hin oder her – der gesunde Menschenverstand müsste ausreichen, um mit Felsen in unmittelbarer Küstennähe zu rechnen.

Auch bestreitet Schettino, vorzeitig von Bord gegangen zu sein. „Ich war der Letzte, der das Schiff verlassen hat“, sagte er vor der Kamera, woraufhin er allerdings verdächtig nervös mit den Augen blinzelte…

Stellt sich die Frage: War das törichte Schiffsmanöver tatsächlich die Entscheidung eines Einzelnen, oder wurde der Kapitän von der Kreuzfahrtgesellschaft entgegen deren Beteuerungen dazu angehalten? Diese Frage wird das Gericht klären müssen.

Stoff für Heldengeschichten wie der Untergang der „Titanic“ bietet die Havarie der „Costa Concordia“ jedenfalls kaum. Nach dem, was bisher bekannt wurde, handelt es sich vielmehr um einen beschämenden Vorfall, gekennzeichnet durch Verantwortungslosigkeit und ungeheuren Leichtsinn, wie er in der Schifffahrtsgeschichte ziemlich einzigartig sein dürfte. Eine Schiffsführung, bei der in der Not die Devise „Rette sich, wer kann“ gilt, vervollständigt das düstere Bild.

Sechs Menschenleben hat das Unglück bislang gekostet. 29 werden laut neuesten Zahlen italienischer Behörden immer noch vermisst. Tausende Passagiere wurden durch die Albtraum-Reise traumatisiert. Zudem droht eine Umweltkatastrophe durch 2400 Tonnen Diesel und 50 Tonnen Schmierfette.

Das meinen andere zum Kapitän Schettino: Facebook-Gruppe Francesco Schettino “comandante” Costa Crociere

 

Titelbild: So nah fuhr Francesco Schettino die Costa Concordia an die Küste Giglios heran – das Wrack im Sommer 2012. (Urheber: Giorces / Wikimedia / CC)