Kapo St. Gallen: Unfallzahlen-Experte erklärt, wie Statistik Strassen sicherer macht

Reto Tschümperlin ist Hauptansprechpartner für alle statistischen Auswertungen der Verkehrsunfälle im Kanton St.Gallen.

Seit 15 Jahren verarbeitet er gemeinsam mit einem Kollegen Unmengen an Daten aus Verkehrsunfällen.

Reto, bitte bringe unseren Leserinnen und Lesern deine Aufgaben etwas näher.

Reto Tschümperlin: Ich bin für die Qualitätssicherung und für die Statistik der Verkehrsunfälle verantwortlich. Das bedeutet, dass ich die Verkehrsunfallrapporte überprüfe, sowohl auf die Vollständigkeit als auch auf die Korrektheit. Jährlich kommen rund 2’500 Verkehrsunfälle zusammen – sowohl von der Kantons- als auch von der Stadtpolizei St.Gallen. Im Weiteren beschäftige ich mich mit statistischen Auswertungen. Diesbezüglich gelangen das Tiefbauamt, Ingenieurbüros und Gemeinden mit Anfragen im Zusammenhang mit Strassenbauprojekten an mich. Gemeinden können bei uns gegen Bezahlung sogar ihre eigene Jahresstatistik bestellen. Ich schaue, was für Unfälle passierten, warum es zu diesen kam oder wie sich die Unfallhäufigkeit entwickelte. So erkennen wir, wie Unfälle künftig vermieden werden können und beraten dementsprechend. Wir nehmen also das ganze Jahr über statistische Auswertungen vor. Im März veröffentlichen wir jeweils die grosse Verkehrsunfallstatistik.

Wie kommt ihr zu den benötigten Daten?

Reto Tschümperlin: Die Zahlen für die Statistiken liefern unsere Mitarbeitenden draussen. Sie müssen bei einer Unfallaufnahme etliche Zusatzinformationen erfassen. Dazu können beispielsweise Unfallursache oder -typ, Witterungsverhältnisse, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder Unfallörtlichkeit zählen, um nur einen Bruchteil zu nennen. Danach übermittle ich die Daten ins Managementinformationssystem Strasse und Strassenverkehr (MISTRA) des Bundesamts für Strassen (ASTRA). Die entsprechenden Plattformen zur Datenerfassung werden den Kantonen gratis zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug sind wir zur Lieferung der Angaben an den Bund verpflichtet. Nur so kann eine einheitliche Datenauswertung auf Bundesebene über die ganze Schweiz erreicht werden.

Weshalb sind Unfallstatistiken wichtig?

Reto Tschümperlin: Mit Hilfe diverser Statistiken können wir Unfalltendenzen erkennen und Empfehlungen für Änderungen, beispielsweise an der Strassenführung, aussprechen. Das System ist sehr umfangreich und bietet viel Potenzial für detailliertere Analysen, die präventiv genutzt werden könnten. Persönlich erachte ich das ganze Unfall-Statistikwesen als äusserst wichtig. Schauen wir die jährliche Statistik an, so zeigt diese, dass die Anzahl der Unfälle im Strassenverkehr tendenziell sinkt – und das, obwohl die Menge an Fahrzeugen stetig zunimmt. Daraus wird ersichtlich, dass nicht nur die Transportmittel, sondern auch die Strassen sicherer geworden sind. Das beflügelt mich in meiner Arbeit, denn oft sind es nur kleine Anpassungen, die grosse Unterschiede machen.

Wie zum Beispiel?

Reto Tschümperlin: Es gibt unzählige Massnahmen, die umgesetzt werden können. Es fängt bei kleinen Änderungen wie Kurvenblenden oder zusätzlichen Leitpfosten an. Es sind aber auch Anpassungen an der Strassenführung selbst oder bei den Geschwindigkeitsbegrenzungen möglich. Am Schluss hat der Strasseneigentümer (Gemeinde, Kanton oder Bund) die Verantwortung und somit die Entscheidungsgewalt über allfällige bauliche Änderungen. Verkehrsanordnungen für Signalisationen und Markierungen werden hingegen von uns vorgenommen. Unsere Aufgabe ist es, die Eigentümer entsprechend zu beraten und unsere Tipps aufgrund von Zahlen zu begründen und zu belegen, denn Zahlen lügen nicht.

Erzähl uns mehr über die Erstellung der Jahres-Verkehrsunfall-Statistik, die jeweils im März veröffentlicht wird.

Reto Tschümperlin: Jeweils im Herbst findet eine Besprechung mit dem Leiter der Verkehrspolizei sowie dem Leiter der Verkehrstechnik statt. Dort einigen wir uns darüber, welche Statistiken wir veröffentlichen. Bei der Wahl der Themen sind wir frei. Zudem definieren wir jährlich ein neues Hauptthema, auf das wir vertieft eingehen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass alle Verkehrsunfallrapporte vom vergangenen Jahr abgeschlossen sein müssen, damit wir die Statistiken vollständig auswerten können. Sind einmal alle Angaben komplett, geht es zügig voran: Da wir die Daten während dem Jahr immer wieder aktualisieren, müssen wir für die Erstellung der grossen Schlussstatistik lediglich noch einzelne Auswertungen aus dem System ziehen und textlich interpretieren.

Seit wann werden im Kanton St.Gallen Statistiken dieser Art herausgegeben?

Reto Tschümperlin: Eine exakte Jahreszahl kann ich dir nicht nennen, aber hier habe ich beispielsweise eine Statistik aus 1955er. Die aktuelle Form der Erfassung der Verkehrsunfalldaten geht auf das Jahr 2012 zurück. Damals beschloss der Bundesrat die Einführung von „Via sicura“, dem Handlungsprogramm für mehr Sicherheit im Strassenverkehr. Bei der Zusammenstellung des Verkehrssicherheitspakets war auch die Sicherheit der Strasseninfrastruktur ein wichtiges Thema. Dieser klare Auftrag vom Bund war somit der Startschuss dafür, Unfallschwerpunkte zu erkennen und diese mit geeigneten Massnahmen abzubauen.

Wie bist du auf diese Stelle gekommen und was muss man dafür mitbringen?

Reto Tschümperlin: Nachdem ich mehrere Jahre bei der Regionalpolizei arbeitete, suchte ich eine neue Herausforderung und wurde mit dieser Stelle fündig. Gleichzeitig mit meinem Wechsel wurde damals bei der Kantonspolizei St.Gallen das MISTRA eingeführt. So wuchs ich mit dem System mit. Natürlich muss einem der Umgang mit Zahlen liegen und es ist unumgänglich, dass man weiss, wie eine Unfallaufnahme funktioniert. Nur so können wir bei fehlenden Angaben die Rapporte richtig interpretieren. Natürlich stehen wir auch unseren Mitarbeitenden bei Fragen oder Problemen stets zur Verfügung, weshalb Beratungen verschiedenster Art ebenfalls zu unseren Aufgaben gehören.

 

Quelle: Kantonspolizei St. Gallen
Bildquelle: Kantonspolizei St. Gallen

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