Warum Teens den ganzen Tag auf Facebook abhängen? Weil sie nicht raus dürfen!

29.01.2014 |  Von  |  Gesellschaft, Neue Medien
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Die Jugend von heute: die ganze Zeit online, jedes Detail wird auf Facebook geteilt, Likes sind wichtiger als Freundschaften, und Freundschaften im Netz sind nicht einmal Bekanntschaften in der physischen Welt. Dabei wird den jungen Menschen unterstellt, sie täten das alles freiwillig.

Doch vielleicht ist dem gar nicht so. Eine amerikanische Buchautorin hat sich eingehend mit Social Media und Teenagern beschäftigt und kommt zu einem überraschenden Ergebnis.

Danah Boyd arbeitet für Microsoft. Ihr Themenschwerpunkt: soziale Netzwerke. In ihrem neu erschienenen Buch It’s Complicated: The Social Lives of Networked Teens legt sie dar, dass die Teenies von heute eigentlich nichts anderes tun als ihre Vorgängergeneration. Mit einem Unterschied: Ihr soziales Miteinander finde nicht mehr im Park, dem Einkaufszentrum oder der Skaterbahn statt, sondern im Internet. Der Grund? Eltern fänden es zu riskant, ihre Kinder alleine um die Häuser ziehen zu lassen.

Teenager im Goldenen Käfig

Zusammen mit ihrer Kollegin Alice Marwick interviewte Danah Boyd 166 US-amerikanische Teenager. Es sei „schockierend“ gewesen, „wie massiv eingeschränkt ihre Mobilität“ war, sagte Boyd in einem Interview mit MIT Technology Review. Ihre Eltern erlaubten den Jugendlichen schlichtweg nicht, hinauszugehen und sich frei zu bewegen. Die in der Folge fehlenden sozialen Interaktionen holten sich die Teenager auf Facebook.

Aber sind die Chats, Likes und Shares in den sozialen Netzwerken wirklich das digitale Äquivalent zu der üblichen adoleszenten Sozialdynamik, die wir alle kennen? Ja und Nein, meint Boyd. Auf der einen Seite tragen die Kids im Netz das aus, was sie sowieso – auch entwicklungspsychologisch bedingt – austragen müssen: soziale Konflikte, und damit verbunden die Findung des eigenen Ichs. Dennoch, so gibt Danah Boyd zu, seien die Hangouts auf Facebook & Co eine besondere Herausforderung für die Heranwachsenden. Der Austausch von Meinungen gehe viel schneller, zwischenmenschliche Konflikte schaukeln sich schneller auf. „Einige von ihnen (den Jugendlichen) haben die emotionalen und sozialen Kompetenzen, die für die Bewältigung solcher Konflikte vonnöten sind; andere haben sie nicht“ begründet Danah Boyd, warum für Aussenstehende die Teenager-Kommunikation so dramatisiert erscheint.

Facebook als Ersatz für die Strasse?

Entscheidend, sagt die Microsoft-Mitarbeiterin weiter, sei nicht die Tatsache, dass Konflikte im Netz ausgetragen würden, sondern wie diese als „eine Gelegenheit, sich nicht einfach in seinem Selbstmitleid zu suhlen, sondern zu überlegen, wie zu handeln ist“ genutzt werden. Dabei tritt sie klar Stimmen entgegen, welche die Technologie für die Probleme verantwortlich machen. Beliebt sei dieses Argument auch beim Thema Mobbing (engl. bullying), doch ihre Nachforschungen zeigten ein anderes Bild, so Boyd. „Ich hatte aufgrund der medialen Berichterstattung angenommen, dass die Mobbingrate im Steigen begriffen ist“, sagt sie. Geschockt sei sie gewesen, als sie die Daten eines Besseren belehrten.

Nicht Facebook, nicht Instagram, nicht Snapchat seien die Probleme, so Danah Boyd. Die Plattformen machten die Probleme nur sichtbarer als früher, im Kern seien diese genauso da wie noch vor 15 oder 20 Jahren. Für Boyd geht es nicht um die Frage nach dem Für und Wider sozialer Netzwerke, sondern um mentale und psychische Gesundheit. Hier müsse man angreifen, um dem Mobbing-Problem Herr zu werden.

Das Thema Mobbing ist eng mit der Frage nach der Privatsphäre im Netz verbunden. Dass die heutigen Teenager eine recht laxe Einstellung zur Privatsphäre haben, hat kürzlich Edward Snowden erwähnt und kritisiert. Danah Boyd sieht die Sache differenziert: „Sie wollen in der Öffentlichkeit stehen. Das heisst aber noch nicht, dass sie öffentlich sein wollen.“ Privatsphäre bedeute laut Boyd nicht, sich von anderen zu isolieren, sondern die Fähigkeit, eine soziale Situation zu kontrollieren.

Eltern rät sie, für ihre Kinder da zu sein – der Zusammenhang zwischen abwesenden oder desinteressierten Eltern und ungesunden Familienumständen habe sich bei ihren Recherchen unübersehbar gezeigt. Eltern sollten ihr Kind auch ruhig einmal fragen, warum es gerade dieses oder jenes gepostet hat – ohne jedoch nervig zu werden.

Überbehütete Kinder – überschätztes Facebook?

Boyd spricht einen hochinteressanten und für Eltern relevanten Aspekt an. Wollen Jugendliche vielleicht eigentlich echte, physische soziale Interaktionen und dürfen einfach nur nicht? Hier können sich Eltern kritisch hinterfragen. Die langen Facebook-Sessions zu kritisieren macht wenig Sinn, wenn man dem Kind keine Alternative anzubieten hat. Gleichzeitig muss berücksichtigen, dass die Ausgangslage in den USA eine ganz andere als in der Schweiz ist. Möglicherweise sind Eltern hierzulande nicht so panisch, was ihre Kinder angeht. Doch es vergeht kaum ein Tag, da nicht von einem neuen Gewaltverbrechen an einem Kind oder Jugendlichen berichtet wird, oder eine Vermisstenmeldung aufgegeben wird. Wer kann es besorgten Eltern verdenken, dass sie hier die Reissleine ziehen und ihre Lieblinge gar nicht mehr hinauslassen?

Auf der anderen Seite ist auch der Umgang mit Facebook sicher nicht so leicht abzuhaken, wie Danah Boyd das tut. Sie spricht aus der Sicht einer Erwachsenen, von der man die soziale Kompetenz im Umgang mit Kritik und Konflikten erwarten kann. Teenager befinden sich in diesem Bereich noch im Aufbau. Und, seien wir mal ehrlich: Wie viele von uns haben es wirklich gelernt, mit Konflikten konstruktiv umzugehen? So zu tun, als sei die Verstärkerfunktion der sozialen Netzwerke nur ein quantitatives Problem, geht an der Realität vorbei.

Nichtsdestotrotz: Eltern, lasst (wenn möglich) eure Kinder wieder raus – und sie soziale Erfahrungen in einer Welt machen, in der die Gedanken frei sind und der Handlungszwang geringer erscheint.

 
Titelbild: Barbara Eckholdt / pixelio.de

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