„Noah“ – ein Plädoyer für das Leben

15.04.2014 |  Von  |  Film
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Im Blockbuster „Noah“ stellt Russell Crowe die gleichnamige Bibelfigur als vegetarischen Umweltschützer dar, der gegen Ende immer stärker psychotische Züge annimmt. Das Happy End ist nicht nur dem Hollywood üblichen Feel-Good-Usus zu verdanken, sondern vor allem der biblischen Vorlage, auf die der Film sich nach einigen abenteuerlichen Exkursen am Schluss wieder einpendelt.

Freunde der wortgetreuen Bibeldokumentation werden zwar streckenweise entsetzt sein – nichtsdestotrotz stellt die Produktion von Darren Aronofsky eine interessante Gelegenheit dar, über den Menschen, seine Rolle in der Welt, aber auch seine Boshaftigkeit und seinen Wert nachzudenken.

Gott will alle Menschen durch eine gewaltige Sintflut vernichten, weil sie durch ihre Bosheit die Schöpfung verdorben haben. Alle – bis auf Noah und seine Familie. Dieser Plot bildet das Kernstück nicht nur der biblischen Erzählung, sondern auch des Films „Noah“ von Regisseur Darren Aronofsky.

Noah, dargestellt von Russell Crowe, wächst als Nachkomme Seths, des dritten Sohnes der Menschen-Stammeltern Adam und Eva, auf. Als sein Vater Lamech ihn zum Mann weihen will – was die Übertragung der Verantwortung zur Bewahrung der Schöpfung beinhaltet – kommt er durch die Hand eines Kainiten, der anderen auf Adam und Eva zurückgehenden Linie, zu Tode. Nach dem biblischen Bericht tötete Kain seinen Bruder Abel und wurde daraufhin verbannt. Seine Rastlosigkeit setzte er in die Gründung einer Hochzivilisation um, die im Film als Biosphären und Ressourcen fressendes Moloch beschrieben wird.

Unfreiwillig komische „Ent“-Verschnitte

Hilfe erfahren die Nachkommen Kains dabei von sogenannten Wächtern, gefallenen Engeln, die als Lichtwesen in Schlammkostümen herumlaufen müssen – eine göttliche Strafe für nicht näher definierten Ungehorsam. Sie sehen aus wie aus „Herr der Ringe“ entflohene steinerne Ents und verleihen dem Film eine unfreiwillige Komik, zumal sie zum Vorankommen der Story nur wenig beitragen. Dass sie später beim Aufbau der Arche helfen legt die Vermutung nahe, dass die Drehbuchautoren sie genau aus diesem Grund mit einbauten; eine Fertigstellung der Riesen-Schiffs durch Noah und seine Familie allein erschien ihnen wohl zu unrealistisch.

Noah selbst wird als ein Mann verkörpert, dem die Achtung vor allem Lebendigen aus jeder Pore strömt. Er verbietet sogar seinem Sohn, eine Blume zu pflücken, wenn sie nicht wirklich genutzt wird. Jagende und Fleisch essende Mitmenschen jagen ihm einen Schauer ein. Eines Nachts empfängt er die göttliche Weisung, dass eine alles vernichtende Sintflut ansteht. Mit Hilfe seines Grossvaters Methusalem (Anthony Hopkins) lotet er die Offenbarung genauer aus erfährt dadurch seinen Auftrag: ein Schiff zu bauen, in dem je zwei Exemplare jeder Tierart gerettet werden sollen.

Menschen: Abgrundtief böse und innig geliebt

Ein wesentliches Dramatik-Moment der Story entspringt aus der bis kurz vor Schluss ungeklärten Frage, ob auch die Menschheit in Person von Noahs Familie gerettet werden soll. Von Noahs Söhnen hat nur der älteste, Sem, eine Frau, die allerdings unfruchtbar ist. Die jüngeren, Ham und Jafet, sind alleine, was besonders dem adoleszenten Ham zu schaffen macht. An seiner Sehnsucht nach einer Partnerin entzündet sich ein tiefgreifender Konflikt mit seinem Vater. Dieser überlässt ein Mädchen, in das sich Ham verliebt, den Fluten, nachdem es sich in einer Tierfalle verfangen hat. Jafet ist im Film noch zu jung für reproduktive Sehnsüchte, sagt aber auch sonst nicht viel.

Irgendwann fängt es tatsächlich zu regnen an, und auf einmal wollen Massen von Menschen in die Arche eindringen, allen voran Tubal-Kain, ein machthungriger und skrupelloser König, der auch Noahs Vater auf dem Gewissen hat. Während die Wächter die Arche gegen heranstürmende Menschenmassen verteidigen, zweifelt Noah plötzlich daran, ob Gott überhaupt ein Überleben der Menschheit will. Zu sehr ist ihm das Böse im eigenen Herzen und in dem seiner Kinder bewusst geworden.

Während der langen Monate in der Arche entwickelt sich der vormals hingebungsvolle Vater und Schöpfungs-Bewahrer zum düsteren Endzeit-Propheten, der sich immer sicherer wird, dass Gott eine Erde ohne Menschen will. Dann wird plötzlich bekannt, dass Sems Frau Illa (Emma Watson) schwanger ist. Statt sich zu freuen, kündigt Noah an, das Kind zu töten, falls es ein Mädchen wird, weil dadurch der Fortbestand der Menschheit gesichert wäre. Blankes Entsetzen und eine tiefe Spaltung der Familie sind die Folge.

Am Ende wird doch alles gut – beim Anblick der zwei Mädchen (Zwillinge, passend für Ham und Jafet) schmilzt Noahs Herz dahin, und er wirft das Messer weg. Der Film endet mit dem aus Genesis 9 bekannten Regenbogen im Himmel, der Noahs Worte an seinen Sohn und seine Schwiegertochter bekräftigt: „Seid fruchtbar und mehret euch.“

Von Umweltsündern und Dschihadisten

In Aronofskys Freestyle-Interpretation fliessen viele aktuelle Themen mit ein. Da ist der Umgang mit der Schöpfung und ihren Ressourcen, aber auch – versteckt in der Person Noahs – die Frage nach der Entstehung von religiösem Fanatismus. Denn sehr deutlich wird, dass Gott nicht die Tötung der Mädchen will; Noah verrennt sich in eigenen Gedanken, die in düsteren Fanatismus ausarten, ganz wie radikale Dschihadisten dem Trugschluss verfallen, für Gott morden zu müssen. Interessanterweise schafft der Film es, den Zuschauer nicht gegen Gott aufzuhetzen, weil dieser den Untergang fast aller Menschen bewirkt. Hier wird vielmehr die Gerechtigkeit des schrecklichen Gerichts deutlich.

„Noah“ kann als Mahnruf verstanden werden, die Natur nicht als selbstverständlich hinzunehmen und nach Belieben auszubeuten. Genauso aber zeigt der Film, dass es keine „guten“ Menschen gibt; selbst heldenhafte Protagonisten haben ihre dunklen Seiten. Und zu guter Letzt gibt er uns eine tiefe Wahrheit mit, die auch manche Abtreibungsdebatte ganz anders aussehen lassen dürfte: am Ende zählt das Leben, und dieses ist nur durch zwei Dinge möglich – Liebe und Barmherzigkeit, die stärker als Tod und Gericht sind.

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