Ein Roman für die facebook-isierte Gesellschaft: Buchrezension “ZERO”

01.02.2015 |  Von  |  Literatur
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Facebooks neuen Nutzungsbedingungen wühlen derzeit Menschen und Medien auf. Noch mehr Datensammeln auch ausserhalb des sozialen Netzwerks, GPS-Ortung und die “Friss oder stirb”-Mentalität des Social Media-Platzhirsches lassen doch viele aufhören.

Wer jetzt beginnt, sein heissbeliebten Online-Tummelplatz mit anderen Augen zu sehen, sollte diesem Empfinden nachgehen. Und dazu müsst ihr – erstmal – keine seitenlangen Nutzungsbedingungen studieren (wiewohl ich das mittelfristig unbedingt empfehle!). Ein Roman tut’s vorerst auch. Packend, realistisch, augenöffnend: So habe ich “ZERO – Sie wissen was du tust” von Marc Elsberg empfunden.

„Freemee“: Facebook 2.0

Online-Aktivisten jagen den US-Präsidenten mit Drohnen in seinem Urlaubsresort und streamen das Ganze live ins Internet. Mit diesem elektrisierenden, weil keineswegs unrealistischen Szenario stimmt Marc Elsberg seine Leser auf eine spannende Reise ein. Sie lässt bekannte Online-Dienste wie Facebook oder Google als Status Quo schnell hinter sich und rückt ein fiktives soziales Netzwerk in den Mittelpunkt: Freemee, das, nomen est omen, seinen Nutzern zur besseren Persönlichkeitsentwicklung verhelfen will. Was von den Usern als tolle Gelegenheit wahrgenommen wird, entpuppt sich schnell als Kontroll- und Manipulationsinstrument von beängstigenden Ausmassen.

Den Konterpart zur Datensammelkrake Freemee bildet im Buch das Netzwerk “Zero”, deren Protagonisten weitgehend unbekannt bleiben. Die Hacker wollen den Menschen durch ausgefallene Aktionen wie „President’s Day“ zeigen, was ihre Privatsphäre im Netz noch wert ist – nämlich nichts. Auf Zero angesetzt wird die Londoner Journalistin Cynthia Bonsant, Hauptfigur des Romans. Die Mittvierzigerin stellt so etwas wie die Elterngeneration der heutigen Teenager dar: eher offline als online zu Hause, keinen Social Media-Account, kaum Verständnis für die Internet-Umtriebe ihrer Tochter Viola. Stellvertretend für den vielleicht noch unbedarften Leser taucht Cynthia in die Welt der Datenbrillen, IP-Adressen und sozialen Netzwerke ein – und macht Entdeckungen, die einem (zumindest mir) doch ein wenig den Hals zuschnüren.

Nicht dass wir schon ein Netzwerk wie Freemee hätten – Cynthia wird auch damit sehr bald konfrontiert – aber ein Äquivalent bedarf nur einer kurzen Extrapolation dessen, was Facebook in seinen neuen Nutzungsbedingungen den Menschen ganz unverfroren verliest. GPS-Ortung des Smartphones? Facebook weiss, wo, wann und mit wem du dich aufhältst. Tracking deines Surfverhaltens auch ausserhalb des Netzwerks? Facebook weiss jetzt noch genauer, was dir gefällt und was dich interessiert. Erstellung eines Bewegungs- und Persönlichkeitsprofils würde man das bei Geheimdiensten nennen, bei Facebook heisst es “relevante Werbung” anbieten.


Datenbrillen sind in "Zero" fast ominpräsent. (© wavebreakmedia - shutterstock.com)

Datenbrillen sind in „ZERO“ fast ominpräsent. (© wavebreakmedia – shutterstock.com)


Analyse, Kontrolle, Manipulation

Personalisierte Werbung ist schon bedenklich genug, oder, in den Worten des britischen Privatsphäre-Anwalts Maninder Gill “wir könnten auf subtile Weise psychologisch manipuliert werden, und zwar von Marken, die reicher sind als viel Regierungen – ohne es zu merken.” Im Roman geht Freemee aber noch einen Schritt weiter. Werbung versucht ja “nur” das Kaufverhalten der Menschen zu beeinflussen; Freemee versucht gleich das ganze Leben, insbesondere die inneren Überzeugungen und die eigene Identität, zum Gegenstand der Manipulation – Entschuldigung, Optimierung – zu machen.

Doch auch die Herren der Big Data haben nicht alles unter Kontrolle. In London stirbt der 18-jährige Adam aufgrund der Nutzung seiner Datenbrille. Auch er war ein Freemee-Nutzer. Nachforschungen seines Freundes Eddie zeigen bald, dass in Freemees Statistiken etwas nicht stimmt und das Netzwerk vielleicht ein unaussprechliches Geheimnis hütet. Neues Futter für die Online-Aktivisten von Zero, denen Cynthia auf der Spur ist – einer Spur, die sie geradewegs bis in die höchsten Etagen von Freemee, aber auch der Politik und der Hochfinanz, führt…

Eine fiktive Zukunft, zum Greifen nah

Was mich an “ZERO” so faszinierte und gleichzeitig schaudern liess, habe ich schon angedeutet. Der Roman, der mit Erscheinungsdatum Februar 2014 ziemlich aktuell ist, denkt einfach die Prinzipien hinter den grossen sozialen Netzwerken unserer Zeit zu Ende. Im Zentrum steht dabei “Big Data”. Die riesigen Datenmengen dienen der immer genaueren Analyse der Menschen, bis hin dazu, dass Handlungen voraussehbar werden, oder zumindest dieser Eindruck entsteht. Das beschwört schon das erste Problem herauf. Einerseits sind die meisten unserer Handlungen für jemanden, der uns kennt (oder viele Daten über uns hat), voraussehbar. Das ist auch nicht weiter schlimm, aber was, wenn die Daten in die falschen Hände fallen? Da könnten Regierungen, Geheimdienste und wer sonst noch im Hintergrund werkelt quasi “in die Zukunft sehen”.

Das klappt nicht immer, mag man einwenden, wir sind schliesslich keine Tiere, und selbst die sind nicht 100 %-ig vorhersehbar. Aber: Entscheidend könnte letztlich sein, wer daran glaubt, dass die Vorhersagen der Algorithmen stimmen, und nicht, ob diese es tatsächlich tun. Dann könnten Menschen bei potenziellen Arbeitgebern, Krankenkassen, Versicherungen usw. unter Druck geraten, weil sie in ihrer Vergangenheit bestimmte Dinge getan haben, die zu “schlechten” Zukunftsaussichten führen.



Daten sind das neue Öl

Weiters ist es aber auch die Manipulation, die unsere – freiwillig hergegebenen! – Daten ermöglichen. Elsberg lässt ein paar Beispiele schaulaufen: Regionalwahlen mit seltsamem Ausgang; plötzliche Pleiten zuvor erfolgreicher Modeboutiquen; und – atemberaubende Wandlungen von Nerd-Teenagern zu coolen, attraktiven und vernünftigen jungen Menschen. Und hier liegt die grösste Gefahr. Was als gut empfunden wird, erhält kein Misstrauen; das öffnet Tür und Tor für unbemerkte Fernsteuerung.

“Daten sind das neue Öl” lässt Elsberg Zero in einem seiner Online-Videos sagen. Das bringt es auf den Punkt. Muss es soweit kommen wie in dem Roman, wo es Ratinglisten aller Menschen weltweit gibt, und solche ohne Ranking – mangels Onlinepräsenz – praktisch keine Chance mehr haben? Oder verstehen wir immer noch nicht, dass Facebook alles andere als “kostenlos” ist, sondern sich seine Dienste mit unseren Daten fürstlich bezahlen lässt?

Wer auch nur ein bisschen Affinität für das Thema hat und bereit ist, ein paar (stets erklärte) technische Begriffe auf sich zu nehmen, dem kann ich “ZERO” von Marc Elsberg uneingeschränkt empfehlen.

 

Titelbild: © Screenshot Youtube


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