Stadt Luzern LU: 50 Jahre Heimerziehung in der Kinder- und Jugendsiedlung Utenberg
1971 konnte der Neubau der Jugendsiedlung Utenberg (KJU) bezogen werden. Besonders aus sozialpädagogischer Sicht haben sich in den vergangenen 50 Jahren positive Veränderungen ergeben.
Zum 50-Jahre-Jubliäum ist unter Mitwirkung von Jugendlichen der KJU ein tolles Video entstanden. Auf eine grosse Feier muss coronabedingt verzichtet werden.
Die Kinder- und Jugendsiedlung Utenberg (KJU) feiert dieses Jahr ihren 50. Geburtstag. In diesem halben Jahrhundert hat sich viel verändert. Auf eine grosse Feier muss coronabedingt leider verzichtet werden. Als Alternative ist mit Jugendlichen der KJU ein Videoclip entstanden. Im Video „Das Leben lernen.“ berichten Jugendliche aus ihrem Leben. Das Video ist auf der Webseite der KJU (www.utenberg.ch) aufgeschaltet. Dort finden sich auch die neuen, aufschlussreichen Dokumente „Entwicklung der Heimerziehung in den letzten 50 Jahren“, geschrieben von KJU-Siedlungsleiter Roger Kaufmann, sowie die Kurz-Chronik „50 Jahre KJU“. Die wichtigsten Punkte aus diesen Dokumenten sind in dieser Mitteilung zusammengefasst.
Geschichte
Die Ursprünge der Kinder- und Jugendsiedlung Utenberg reichen über 200 Jahre zurück. Alles begann 1811 mit der Eröffnung des „Waisenhauses“ der Stadt Luzern an der Baselstrasse durch die Bürgergemeinde Luzern. Dort wurden nebst Buben und Mädchen auch Erwachsene, die Hilfe benötigten, platziert. 1823 mussten die erwachsenen Insassen das Heim verlassen. Nur noch Kinder ab sieben Jahren fanden Unterkunft im Waisenhaus. Jüngere Kinder wurden gegen ein Kostgeld an Familien verdingt. 1855 übernahmen Ingenbohler Schwestern die Führung des Waisenhauses. 1962 wurde die Führung an weltliches Personal übergeben, dies unter Leitung der Bürgergemeinde Luzern.
Weil das Kinderheim der Autobahnausfahrt am Kasernenplatz weichen musste, begann 1966 die Planung für eine neue Jugendsiedlung auf dem Utenberg. Die Luzerner Bürgergemeinde verabschiedete sich in dieser Zeit auch von der traditionellen Anstaltserziehung – nun ging es in Richtung eines fortschrittlichen Erziehungssystems. Dazu gehörten auch bedeutend mehr Raum, Einrichtungen und Personal für die Kinder und Jugendlichen. Absicht war unter anderem, den KJU-Kindern in etwa den gleichen Wohnstandard zu bieten, wie ihn die anderen Kinder in einer gut konzipierten Mehrfamilienhaussiedlung vorfanden. Das löste in Luzern teilweise Neiddiskussionen aus – insbesondere das siedlungseigene Schwimmbecken wurde kritisiert. Doch die Bürgergemeinde liess sich davon nicht beirren. Sie nahm für den Neubau sogar eine grössere Verschuldung in Kauf. 1971 konnte die Jugendsiedlung Utenberg bezogen werden. 79 Kinder und Jugendliche fanden dort einen Platz.
Entwicklung der KJU
In den folgenden 50 Jahren entwickelte sich die KJU kontinuierlich in allen Bereichen weiter. Aus sozialpädagogischer Sicht nahm in der KJU die Professionalisierung insbesondere in den 70er-Jahren Fahrt auf, mitunter auch durch eine Quotenvorgabe durch das Bundesamt für Justiz für ausgebildetes sozialpädagogisches Fachpersonal. Hinzu kam die Entstehung, Entwicklung und Verbreitung der ambulanten sozialpädagogischen Hilfen, welche eine weitere Öffnung des traditionellen Anstaltsmodelles verdeutlichten.
Im Jahr 2000 wurde die Bürgergemeinde in die Stadt Luzern integriert. Die KJU eröffnete anstelle einer Wohngruppe eine teilbetreute Wohnbegleitung für sechs junge Erwachsene. Die Anzahl Plätze wurde auf 58 reduziert. 2007 wurde eine Teilsanierung der Siedlung abgeschlossen. 2008 konnte die Notaufnahme (NAU) eröffnet werden. 2015 kam mit der Sozialpädagogischen Familienbegleitung (SOFA) ein weiteres Angebot hinzu. 2017 und 2019 wurden in der Stadt Luzern zwei Wohngemeinschaften eröffnet. Insgesamt werden heute in der KJU rund 70 Kinder und Jugendliche betreut.
Gegenwart und Ausblick
Der gesellschaftliche Druck hat heute nicht abgenommen. Einiges deutet darauf hin, dass die Toleranz gegenüber jenen, die Schwierigkeiten haben die gesellschaftlichen Normen zu übernehmen, eher wieder abnimmt. Das Eintrittsalter in die KJU ist seit 2010 von neun auf 13 Jahre angestiegen. Die Aufenthaltsdauer wird dadurch kürzer. Es bleibt weniger Zeit, um Beziehung zu gestalten und Auseinandersetzungen zu führen – ebenso, um die Aufträge der platzierenden Stellen umzusetzen und die Erwartung bezüglich Integration zu erfüllen. Belastungen wie Ängste oder depressives Verhalten bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nehmen generell zu. Mit 18 Jahren sind die jungen Erwachsenen der KJU oft nicht bereit für die Selbstständigkeit. Dies erfordert Lösungen bezüglich Finanzierung der sozialpädagogischen Begleitung und Lösungen zur Zusammenarbeit mit den Angehörigen. Der neue Diskurs um die den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu gewährenden Mitwirkungs- und Partizipationsrechte ist wichtig. Die Entwicklung der ergänzenden Hilfen zur Erziehung hin zu individuellen sozialpädagogischen Settings, die aus einem Mix von ambulanten und stationären Angeboten bestehen, machen sozialpädagogische Lebensgemeinschaften wie jene in der KJU nicht überflüssig, sondern unverzichtbar.
In ein paar Jahren steht eine umfassende Gesamtsanierung der KJU an. Der Abschluss dieser Arbeiten soll dann gebührend gefeiert werden.
Stadt Luzern ist Trägerin
Trägerin der Kinder- und Jugendsiedlung Utenberg (KJU) ist die Stadt Luzern. Dort ist die KJU der Sozial- und Sicherheitsdirektion angegliedert. Aktuell werden in der KJU rund 70 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von sechs bis 22 Jahren bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben mit ihren Eltern begleitet. Die Notaufnahme (NAU) bietet in akuten Krisensituationen bis zu sieben Kindern und Jugendlichen einen temporären Aufenthalt. Zu den Aufenthalts- und Betreuungsmöglichkeiten gehören sechs sozialpädagogische Wohngruppen und zehn teilbetreute Plätze für Jugendliche/junge Erwachsene in Wohngemeinschaften oder Studios in der Stadt Luzern. Die Sozialpädagogische Familienarbeit (SOFA) begleitet Familien ambulant an ihrem Wohnort. Eine interne Fachstelle im Bereich schulischer und beruflicher Integration (FBI) sowie der schulische Ergänzungsunterricht sind weitere unterstützende Angebote.
50 Jahre Heimerziehung in der Kinder- und Jugendsiedlung Utenberg, 1971 bis 2021
Quelle: Stadt Luzern
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