Open Doors: Neuer Bericht zeigt massive Gewalt gegen Christen in Nigeria auf

Vor Kurzem wurde ein neuer Bericht zur Gewalt in Nigeria veröffentlicht. Er untermauert den Fakt, dass vor allem Christen dort Opfer von Gewalt werden. Sie tragen ein deutlich höheres Risiko als Muslime. Schon Anfang Juni hat ein UN-Bericht die nigerianische Regierung aufgefordert, dringend zu handeln, um Gewalt gegen Christen und andere religiöse Minderheiten zu unterbinden.

Der Bericht wurde von der Beobachtungsstelle für Religionsfreiheit in Afrika ORFA (Observatory of Religious Freedom in Africa) erstellt und erstreckt sich über einen Zeitraum von sechs Jahren von Oktober 2019 bis September 2025.

ORFA ist ein Forschungsinstitut aus den Niederlanden, das Verstösse gegen die Religionsfreiheit in Afrika dokumentiert. Es stützt sich bei seinen Schlussfolgerungen sowohl auf primäre Daten seiner Forschungspartner als auch auf Sekundärdaten von ACLED (Armed Conflict Location and Event Data Project) und anderen Sekundärquellen.

Christen: Mit Abstand am meisten Todesopfer und Entführte

Die Beobachtungsstelle hat in dieser Zeit 79’323 Todesopfer dokumentiert. Davon sind 42’033 Zivilisten. Der Rest waren Opfer aus den Terrorgruppen oder von Sicherheitskräften. Unter den zivilen Opfern waren 22’835 Christen. Diese Zahl steht in keinem Verhältnis zu dem prozentualen Anteil, den sie an der Bevölkerung in den betroffenen Regionen ausmachen. Ausserdem wurden in diesem Zeitraum 34’917 Menschen entführt. Davon waren 15’932 Christen, also fast die Hälfte.

Steven Kefas, leitender Forschungsanalyst bei ORFA, argumentiert in einem Artikel, dass es bei der Behandlung von Geiseln durch die Fulani-Milizen im Norden Nigerias eine unterschiedliche Behandlung gibt, die auf Religion und ethnischer Zugehörigkeit beruht. So hatten die Terroristen eine Regel, die besagt, dass Fulani nicht entführt werden dürfen, weil sie ihre „Brüder“ seien. Christen und bestimmte Nicht-Muslime seien dagegen „Freiwild“. Was als Nächstes geschah, hing ganz davon ab, in welche Kategorie man fiel.

Muslimische Gefangene werden, wie mehrere Überlebende berichten, mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt. Sie sind in der Regel nicht der körperlichen und sexuellen Gewalt ausgesetzt, die christliche Gefangene routinemässig erdulden müssen. Auch erhalten sie ausreichende Verpflegung.

Christliche Gefangene hingegen erleben eine ganz andere Realität. Männer werden systematisch geschlagen. Frauen erleben sexuelle Gewalt. Es sei ein Umfeld, in dem Misshandlungen allgegenwärtig waren, in dem Gefangene ihren Entführern völlig ausgeliefert waren und in dem psychische Qualen ebenso gezielt eingesetzt wurden wie körperliche Gewalt. Zitiert wird der ehemalige Gefangene Sunday Cletus, der am 28. Februar 2026 im Bundesstaat Kaduna entführt wurde.

Mehr als nur ein politischer Konflikt

Steven Kefas hat ausserdem einen weiteren Artikel geschrieben. Dort zeigt er auf, dass es sich bei der Gewalt im Nordwesten und im Middle Belt Nigerias nicht nur um gewöhnliches Banditentum oder Konflikte zwischen Bauern und Viehzüchtern handelt, sondern um organisierte ethnisch-religiöse Gewalt, die grösstenteils von bewaffneten Fulani-Gruppen ausgeübt wird.

Dem Artikel zufolge agieren diese Gruppen strukturiert, verfügen über eine Logistik, die mehrere Bundesstaaten umfasst und unterhalten in einigen Fällen Verbindungen zu dschihadistischen Netzwerken. In der Praxis bedeutet dies, dass nicht nur die ORFA-Kategorie „Fulani-Terrorgruppen“ als mit der (Fulani-Milizen) in Verbindung stehend betrachtet werden kann, sondern zumindest zu einem grossen Teil auch die „nicht identifizierten Terrorgruppen“.

Im Nordwesten und Nordosten des Landes wurden während dieser Zeit am meisten Menschen umgebracht und entführt. Betroffen sind oft ganze Dorfgemeinschaften. Die Staaten, in denen am meisten Christen sterben mussten, waren Kaduna (Nordwesten), Borno (Nordosten), Benue, Niger und Plateau (alle Zentraler Norden).

Knapp die Hälfte der Täter (49 %) stammen aus nicht identifizierten Terrorgruppen, 43 % sind militante Fulani. Boko Haram und der Islamische Staat Provinz Westafrika (ISWAP) seien laut dem Bericht für einen deutlich geringeren Teil der zivilen Opfer verantwortlich.

Trend bestätigt sich

Bereits im Zeitraum von Oktober 2019 bis September 2023 hat die ORFA einen Bericht zu der Gewalt in Nigeria herausgegeben. Auch schon damals wurden die Christen als die Hauptleidtragenden der Gewalt bezeichnet. Dieser nun neue Bericht untermauert den Trend.

Nigeria befindet sich auf dem Weltverfolgungsindex an siebter Stelle. Das westafrikanische Land sieht sich mit einer schweren und komplexen Sicherheitskrise konfrontiert. In mehreren Regionen sind christliche Gemeinschaften von Gewalt, Vertreibung, Entführungen und dem Verlust ihrer Lebensgrundlage betroffen. Im Jahr 2025 wurde Nigeria von den Vereinigten Staaten erneut auf die Liste der Länder gesetzt, die hinsichtlich der Religionsfreiheit „besonders besorgniserregend“ sind. Obwohl die nigerianische Verfassung säkular ist, haben zwölf nördliche Bundesstaaten die Scharia eingeführt, die Christen diskriminiert, während Religion und ethnische Zugehörigkeit politisch instrumentalisiert werden. Präsident Tinubu scheitert mit seiner erklärten Priorität, gegen die Urheber der mittlerweile endemischen Gewalt vorzugehen.

UN-Bericht fordert Regierung zum Handeln

Schon Anfang Juni hatte eine Gruppe von Experten der Vereinten Nationen (UN) eine öffentliche Erklärung veröffentlicht, in der sie die Regierung in Nigeria aufforderte, „dringend zu handeln“, um Gewalt gegen Christen und andere religiöse Minderheiten zu stoppen.

Inhaltlich hat sie sich mit „zutiefst beunruhigenden“ Berichten befasst, die von einem „Muster von Gewalt und Verfolgung“ sprechen, „von der die christliche Gemeinschaften in einigen nördlichen Bundesstaaten überproportional betroffen sind“. Zusammen mit diesem Bericht ging ein Schreiben an die Regierung in Nigeria.

Dieses wurde von den Sonderberichterstattern für Gewalt gegen Frauen und Mädchen, für aussergerichtliche, extralegale oder willkürliche Hinrichtungen, für Minderheitenfragen und für Folter sowie von der Arbeitsgruppe für erzwungene oder unfreiwillige Verschleppungen unterzeichnet.

UN-Sonderberichterstatterin besuchte im Juni Nigeria

Vom 8. bis 19. Juni wurde Nigeria offiziell von Nazila Ghanea besucht. Sie wurde von den UN als Sonderberichterstatterin für Religions- und Weltanschauungsfreiheit ausgesandt. Im Mittelpunkt ihres Besuchs stand die „Untersuchung, wie die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit (Religions- und Weltanschauungsfreiheit) mit der Menschenrechtslage vor Ort in diesem riesigen Land zusammenhängt.“

Sie traf sich mit Vertretern der Zivilgesellschaft, einer Vielzahl von Bundesbeamten und Vertretern verschiedener Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, Rechtsanwälten sowie Wissenschaftlern.

Bericht zeigt verheerende Folgen auf

Am Ende ihres Aufenthalts veröffentlichte die Sonderberichterstatterin einen Bericht. Dieser hebt die akute Besorgnis der von ihren befragten Personen über die Ausbreitung von Unsicherheit, Gewalt und Konflikten im ganzen Land hervor. Dazu gehören unter anderem terroristische Anschläge, Bandenkriminalität, bewaffnete Konflikte, Geiselnahmen.

Sie schreibt in ihrem Bericht: „Straflosigkeit und mangelnde Rechenschaftspflicht haben diese Kreisläufe aus Angst und Gewalt verfestigt und deren Ausbreitung begünstigt. Früher konzentrierten sich diese Kreisläufe auf bestimmte Regionen, zum Beispiel im Nordwesten und im nördlichen Zentrum. Mittlerweile haben sie sich auf viele Teile Nigerias ausgebreitet, allerdings grösstenteils ausserhalb städtischer Gebiete. Die Bundesbehörden berichten von einer bemerkenswerten Zunahme laufender Gerichtsverfahren, mit denen versucht wird, dem entgegenzuwirken.“

Den Opfern eine Stimme geben

Ausserdem fordert die UN-Sonderberichterstatterin dazu auf, den Opfern eine Stimme zu geben. Eine rechtliche Klärung kann erfolgen, wenn Nigeria das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) ins nationale Recht hineinnimmt und damit die Verhandlungen von internationalen Verbrechen vor nationalen Gerichten ermöglicht.

In der Zwischenzeit will sie im Rahmen ihres Menschenrechtsmandats alles Erdenkliche dafür tun, damit die Stimmen der Menschen vor Ort gehört werden.

 

Quelle: Open Doors Schweiz
Bildquelle: Open Doors Schweiz

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