Einsatz an der Belastungsgrenze: Tunnel-Unfall mit Verletzten

(Surberg, Bayern). Ein Unfall in einem Tunnel stellt Einsatzkräfte vor besondere Herausforderungen.

Begrenzter Platz, lange Wege und die besonderen Luftströmungen innerhalb des Bauwerks müssen bei der Einsatzplanung berücksichtigt werden. Wie sich diese Anforderungen unter realitätsnahen Bedingungen bewältigen lassen, trainierten 71 Einsatzkräfte im Ettendorfer Tunnel in Surberg. Mit 14 Fahrzeugen waren die Feuerwehren Surberg, Traunstein, Haslach, Siegsdorf und Trostberg beteiligt. Unterstützt wurden sie vom Bayerischen Roten Kreuz, der Kreisbrandinspektion und dem „Hausherrn“, dem Staatlichen Bauamt Traunstein.

Für die Übung wurde ein komplexes Schadensereignis angenommen: Drei Pkw waren im Tunnel miteinander kollidiert, zusätzlich stand ein Lastwagen quer über beide Fahrbahnen. Vier Personen galten als verletzt beziehungsweise vermisst, zwei weitere hatten sich in einen Notausgang retten können und mussten dort aufgefunden und evakuiert werden.

Damit mussten mehrere Einsatzaufträge gleichzeitig bewältigt werden. Neben der Menschenrettung galt es, die Lage zu erkunden, die Einsatzmaßnahmen zu koordinieren und die Entwicklung innerhalb des Bauwerks fortlaufend zu beurteilen. „Das Szenario ist typisch für einen Einsatz im Tunnel“, erklärt Kreisbrandinspektor Rupert Kink vom Kreisfeuerwehrverband Traunstein, der die Übung federführend organisierte.







Zwei Portale – eine Einsatzlage

Eine besondere Herausforderung ist die Abstimmung zwischen den beiden Tunnelportalen. Einsatzkräfte gehen von Norden und Süden in das Bauwerk vor, während die Erkenntnisse aus beiden Bereichen zusammengeführt werden müssen.








Im Ettendorfer Tunnel kommt eine Besonderheit hinzu: Die örtlich zuständigen Kräfte aus Surberg rücken über das Nordportal an. Die Surberger Einsatzleitung bezieht dagegen am Kreisverkehr Stellung. Dort übernimmt die Feuerwehr Traunstein aufgrund ihrer räumlichen Nähe den Abschnitt „Südportal“ und kann unmittelbar erste Maßnahmen einleiten.

Der Surberger Einsatzleiter muss die ersten Minuten der sogenannten „Chaosphase“ somit bereits während der Anfahrt aus dem Einsatzleitwagen heraus bewältigen und die verschiedenen Einsatzabschnitte koordinieren. Die standardisierten Abläufe sorgen dafür, dass Informationen und Maßnahmen schnell ineinandergreifen und die verfügbaren Kräfte gezielt eingesetzt werden können.





Im Kreisfeuerwehrverband Traunstein wird seit 2022 an einem einheitlichen Konzept für Einsätze in den heimischen Tunneln gearbeitet. Grundlage waren unter anderem Erkenntnisse aus einem Besuch der International Fire Academy (IFA) in der Schweiz sowie die Zusammenarbeit mit der Staatlichen Feuerwehrschule Regensburg und den beteiligten Feuerwehren im Landkreis Traunstein. Die Übung bot nun Gelegenheit, die Abläufe unter den besonderen Bedingungen des Ettendorfer Tunnels erneut zu überprüfen.









Das „Wetter“ im Tunnel

Eine weitere Besonderheit bei Tunnelbränden sind die Luftbewegungen, die von den Einsatzkräften als „Wetter“ bezeichnet werden. „Die Richtung, in der sich die Luft außerhalb bewegt, hat auch unmittelbaren Einfluss darauf, wie sich der Rauch innerhalb des Bauwerks ausbreitet beziehungsweise in welche Richtung er abzieht“, erläutert Alexander Erber, Leiter des Fachbereichs „Unterirdische Verkehrsanlagen und Gebäude mit großer Eindringtiefe“ im Kreisfeuerwehrverband, bei der Übungsbesprechung.









Moderne Tunnel verfügen über leistungsfähige Belüftungsanlagen, die im Brandfall die Luftbewegung gezielt beeinflussen können. Dennoch müssen die Einsatzkräfte die tatsächlichen Strömungsverhältnisse bei der Erkundung und taktischen Planung berücksichtigen.

Auch die technische Infrastruktur unterstützt den Feuerwehreinsatz. „Die Wasserversorgung gewährleistet die Versorgung von 1.200 Litern pro Minute über mindestens eine Stunde“, erklärt Josef Kaiser, zuständiger Tunnelmanager beim Staatlichen Bauamt Traunstein. Durch den Anschluss an das Trinkwassernetz könne diese Mindestversorgung auch über die 60-Minuten-Grenze hinaus sichergestellt werden.

Menschenrettung unter Atemschutz

Die Übung zeigte zudem den erheblichen personellen Aufwand eines komplexen Tunnelereignisses. Pro Portal werden taktisch in der Regel zwölf Atemschutzgeräteträger eingesetzt. Während Menschenrettung, Erkundung, Kommunikation und Koordination parallel laufen, wird zunächst ein Zwei-Mann-Erkundungstrupp in den Tunnel geschickt. Dieser liefert der Abschnitts- und Einsatzleitung ein möglichst genaues Lagebild und markiert kritische Bereiche oder Verletzte mit LED-Blinkleuchten.

Anschließend folgen weitere Trupps. Während sich der Erkundungstrupp unter Umständen bereits wieder auf dem Rückweg befindet und dabei noch einen Patienten rettet, arbeiten sich Lösch- sowie Suchen-und-Retten-Trupps zur Unfallstelle vor.









Der Löschtrupp hat dabei zunächst die Aufgabe, das Bauwerk und die Rückzugswege durch Kühlung der Tunnelstruktur zu sichern. Erst danach werden die Brandstellen gezielt bekämpft. Die Einsatzkräfte müssen dafür Schläuche, Verteiler und Strahlrohre über teilweise mehrere hundert Meter in das Bauwerk tragen. Hinzu kommt die rund 25 Kilogramm schwere Atemschutzausrüstung pro Einsatzkraft. Parallel kontrollieren die Suchen-und-Retten-Trupps Fahrzeuge, Fluchtnischen und den gesamten Einsatzbereich, um Verletzte zuverlässig aufzufinden und zu retten.

„Die Arbeit unter Atemschutz ist körperliche Höchstleistung“, lobt Einsatzleiter Stefan Burghartswieser seine Kameraden. „Ein Einsatz im Ettendorfer Tunnel heißt, erst einmal bis zu einem halben Kilometer mit schwerem Gerät vorzurücken, die Einsatzaufgaben zu erfüllen und anschließend wieder den halben Kilometer zurückzugehen. Das ist ein Einsatz an der Belastungsgrenze.“

Gemeinsame Vorbereitung für den Ernstfall

Auch Kreisbrandrat Christof Grundner zeigte sich mit dem Übungsverlauf zufrieden. „Obwohl wir hoffen, dass wir nie mit einem Einsatz dieser Art konfrontiert werden, können und wollen wir uns nicht in Sicherheit wiegen. Dazu sind die Tücken eines Tunneleinsatzes zu groß“, betont der Kreisbrandrat. Die Übungen und die daraus gewonnenen Erfahrungen seien deshalb ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung.




Insgesamt waren 71 Einsatzkräfte der Feuerwehren Surberg, Traunstein, Haslach, Siegsdorf und Trostberg mit 14 Fahrzeugen eingebunden. Ergänzt wurde das Aufgebot durch das Bayerische Rote Kreuz, das Staatliche Bauamt Traunstein und Mitglieder der Kreisbrandinspektion.

Die gemeinsame Übung diente dabei nicht nur der Überprüfung einzelner Abläufe. Sie bot den beteiligten Organisationen auch die Möglichkeit, ihre Zusammenarbeit unter den besonderen Bedingungen einer Tunnelanlage zu festigen und Erfahrungen für einen möglichen realen Einsatz zu sammeln.

 

Quelle: Kreisfeuerwehrverband Traunstein
Bildquelle: Stefan Lohwieser, Korbinian Thiel, Richard Schaaf