Zürcher Kinderspital stoppt Beschneidungen

20.07.2012 |  Von  |  News
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Das Zürcher Kinderspital wird bis auf Weiteres keine religiös begründeten Beschneidungen von Buben vornehmen. Grund ist das umstrittene Beschneidungsurteil des Landgerichts Köln, das auch Mediziner in der Schweiz verunsichert. Demnach ist die medizinisch nicht notwendige Entfernung der Vorhaut im Kindesalter eine strafbare Körperverletzung.

Das Urteil habe zu einer neuen ethischen Betrachtung geführt, gab der Medienverantwortliche Marco Stücheli gegenüber der Nachrichtenagentur SDA an. Man wolle sich erst Klarheit darüber verschaffen und intern diskutieren, ob solche medizinisch nicht notwendigen Eingriffe an Jungen, die zur Einwilligung nicht fähig sind, ethisch vertretbar seien. Es solle bald entschieden werden, ob Beschneidungen wieder durchgeführt werden oder nicht.

Auch in anderen Spitälern sorgt das Urteil für Diskussion und Verunsicherung. So will auch die Klinikleitung des Kinderspitals Bern in der Frage zunächst diskutieren und dann entscheiden, erklärten Spitalverantwortliche gegenüber dem „Beobachter“. Der Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Kinderchirurgie möchte vorläufig keine Empfehlung abgeben und den Spitälern in dieser Frage Entscheidungsfreiheit überlassen.

Entschliessungsantrag von Union, SPD und FDP

In Deutschland riet die Bundesärztekammer vor wenigen Tagen ihren Mitgliedern wegen der unklaren rechtlichen Lage davon ab, religiöse Beschneidungen vorzunehmen. Man müsse derzeit jeden Arzt davor warnen, den umstrittenen Eingriff vorzunehmen, so Kammerpräsident Frank Ulrich Montgomery.

Unterdessen haben sich die Fraktionen des deutschen Bundestags von Union, SPD und FPD in einem Entschliessungsantrag für die Zulässigkeit der Knabenbeschneidung ausgesprochen. Der Antrag fordert die Bundesregierung auf, im Herbst ein entsprechendes Gesetz vorzulegen. Es soll sichergestellt werden, „dass eine medizinisch fachgerechte Beschneidung von Jungen ohne unnötige Schmerzen grundsätzlich zulässig ist“. Dies sei ein „Signal“ an Juden und Muslime. „Jüdisches und muslimisches religiöses Leben muss weiterhin in Deutschland möglich sein“, lautet der zentrale Satz der Begründung.

Bei Juden und Muslime hatte das Urteil für grosse Empörung gesorgt. So wertete der Präsident der Konferenz Europäischer Rabbiner, Pinchas Goldschmidt, das Urteil als „schwersten Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust“.

Kommentar: Keine Diskriminierung von Jungen beim Thema Beschneidung!

Im vergangenen Jahr entschied das Parlament der Schweiz, dass Genitalverstümmelungen unter Strafe gestellt werden. Allerdings: Nur bei Mädchen, nicht bei Jungen. Begründet wurde dies damit, dass Beschneidungen bei Jungen angeblich die Sexualität nicht beeinträchtigen und keine Verstümmelung im Sinne körperlicher Verletzung darstellen.1)

Schon damals hatten Kritiker, etwa die Freidenker-Vereinigung der Schweiz, dagegen protestiert und betont, dass Beschneidungen auch bei Jungen einen schwerwiegenden Eingriff in die körperliche Unversehrtheit bedeuten. Dass diese Einwände damals vom Tisch gewischt wurden, rächt sich jetzt, denn die Debatte kommt nun wieder. Frage: Ist es nicht schizophren, dass die Beschneidung von Mädchen eine schwere Straftat ist, aber Beschneidungen von Jungen legitim sein sollen?

Hier wie dort lassen sich die gleichen guten Argumente gegen diese kulturelle/religiöse Praxis einwenden: Kinder bekommen, ohne ihren Willen und ihre Zustimmung, einen Ritus aufgezwungen, der ihre körperliche Unversehrtheit irreversibel verletzt. In beiden Fällen ist die hoch sensible Körperregion des Genitals betroffen, über die jeder Mensch selbst entscheiden können sollte.

Wer Genitalverstümmelung mit gutem Grund bei Mädchen verbieten lässt, muss dies bitteschön auch bei Jungen tun. Es ist absurd, wenn wie in Deutschland die Beschneidungen von Jungen nun auch noch höchsten gesetzlichen Segen erhalten sollen. Das ist Geschlechter-Diskriminierung schlechthin!

Das Landgericht Köln hat richtig geurteilt: Das Recht auf körperliche Unversehrtheit wiegt mehr als das Elternrecht oder das Recht auf Religionsausübung. Aus dem Urteil folgt keineswegs das Ende des jüdischen oder muslimischen Religions- und Kulturlebens. Juden und Muslime können weiterhin Beschneidung vornehmen – nur eben an erwachsenen Männern, nicht an Kindern!


1) Der neue Artikel 124 des Schweizerischen Strafgesetzbuches im Wortlaut (in Kraft seit 1. Juli 2012) – fett hervorgehoben ist die diskriminierende Stossrichtung des Artikels:

Verstümmelung weiblicher Genitalien

1 Wer die Genitalien einer weiblichen Person verstümmelt, in ihrer natürlichen Funktion erheblich und dauerhaft beeinträchtigt oder sie in anderer Weise schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe nicht unter 180 Tagessätzen bestraft.

2 Strafbar ist auch, wer die Tat im Ausland begeht, sich in der Schweiz befindet und nicht ausgeliefert wird. Artikel 7 Absätze 4 und 5 sind anwendbar.

Kaum zu glauben, aber von der Verstümmelung männlicher Genitalien steht dort nichts…

 

Oberstes Bild: wavebreakmedia – shutterstock.com

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5 Kommentare


  1. Eine Beschneidung bei einem Jungen, gibt meines Wissens keine Nachteile im weitern Leben (weder psychisch noch physisch)! Bei einer Frau hingegen, ist sicher ein Schaden im späteren Leben sichtbar. Also liegt hier meiner Meinung nach keine „Geschlechter-Diskriminierung“ vor.

  2. Ich bin für die Gleichstellung von Jungen und Mädchen. Die körperliche Unversehrtheit ist für alle Menschen gleichbedeuten, ob Mann oder Frau.
    Deshalb gehört auch die Beschneidung von Jungen verboten.

    Der Fall der in Deutschland den Stein ins Rollen brachte, ist die Geschichte eines zuvor gesunden 4 jährigen Knaben. Er wurde von einem Arzt bbeschnitten auf Wunsch der Eltern. Das Leid, das der Junge seither erlebt ist grausam und sinnlos.

    Ein einzell Fall? Wenn schon unter steriler und fachkundiger Bedingung so viell schief gehen kann. Wie sieht es aus wenn ein Mohet (Jüdisch) die Beschneidung durch führt. Den Jungen wird 8 Tagen nach der Geburt ohne Narkose die Vorhaut abgeschnitten. Die Kinder haben schon im Mutterleib Gefühlsempfindungen, es geht immer noch die Mär um Babys fühlen den Schmerz nicht.
    Selbst wenn die Operation unter Narkose oder Betäubung durch geführt wird, verheilt die grosse Wunde nicht innert 24 Stunden. Die Wunde befindet sich in der Windel! Dies erschwert den Heilungsprozess und führt oft zu Komplikationen.

    http://video.google.com/videoplay?docid=8212662920114237112

    Warum sich so wenig Männer zu Wort melden und erzählen welcher Nachteil die Beschneidung auf ihr Sexualleben hat ist wohl nicht verwunderlich. Keiner möchte das Gesicht verlieren, deshalb werden wohl noch viele Baby’s ihre Vorhaut verlieren.

    Auf der Seite von http://www.beschneidung-von-jungen.de sind viele Informationen zum Thema. Auf dieser Webseite werden sowohl physische wie auch psychische Folgen der Beschneidung aufgezeigt.

    Kurz zur Frage der Religion. Jungen und Mädchen ab 18 Jahren dürfen ihre Geschlechtsteile beschneiden lassen, wenn sie damit ihre Religiösen Gefühle und Zugehörigkeit demonstrieren oder ausleben wollen.
    Es ist auch allen anderen Erwachsenen frei gestellt sich beschneiden zu lassen, aus hygienischen, ästethischen oder anderen Gründen.

    Bei einem medizinisch notwenigen Eingriff, sollte wie bei allen anderen Operationen immer die minimalst mögliche Version vorgenommen werden.

    • Gerne gebe ich ein Feedback zur Diskussion um die Beschneidung ab. Ich selbst bin auch als sehr kleiner Junge mit einem religiösen Hintergrund beschnitten worden. Habe deswegen keine Probleme heute im Leben. Ich kenne zwar die unbeschnittene Situation nicht, habe aber ein tolles Gefühl so, wie ich bin. Medizinisch gesehen gibt es zwar in der europäischen Kultur keinen Grund für eine Beschneidung, aber viele Vorteile, wenn die Beschneidung gemacht wurde. Es gibt genügend Erfahrungen auf unserer Erde mit 2 Milliarden Muslimen, den Juden und von den 75% beschnittenen Männern in den USA, und vielen anderen Völkern, welche nur die Beschneidung kennen. Religiöse Menschen machen es deshalb, weil der Schöpfer dieser Welt uns dieses An- Gebot gegeben hat und so vielleicht tatsächlich die Vorteile (Reduzierung der Krankheiten, Hygiene etc.) auf die Welt übertragen wollte. Also ist es in der Religion nicht auch nur medizinischer Natur? Welche Chancen hätten die heutigen Krankheiten, wenn jedes männliche Geschöpf beschnitten wäre? Tatsache ist, wo keine Schleimhautsäfte sich vermischen können, kann auch kaum etwas übertragen werden. Interessanterweise steht das Gebot Gottes zur Beschneidung in der Bibel (1.Mose 17.10ff) und wird als wichtigstes Versprechen der Menschheit gegenüber GOTT angesehen, welches in Ewigkeit gültig sein soll. Das Christliche Europa möchte davon aber nichts wissen. Und Muslime lassen sich beschneiden, obwohl kein Wort darüber im Koran (Heilige Schrift der Muslime) steht! Wie verkehrt ist hier die Welt? Im Buch „Das Wort Gottes für Kinder und Erwachsene“ vom Autor A. Muhsin Sabanci habe ich gelesen, wie die Zusammenhänge zwischen Christen und Muslimen stehen. Kann die Literatur nur empfehlen!

  3. Hallo Irene Pallor,

    vielen Dank für die interessanten Zusatzinformationen. Bei der Beschneidung männlicher Säuglinge kommt hinzu, dass in diesem Alter die Vorhaut noch mit der Eichel verklebt ist. Diese organische Einheit wird durch die Beschneidung gewaltsam zertrennt. Dass dies nicht im Wohl des Kindes sein kann, müsste jedem einleuchten.

    Ich bin deiner Meinung: Beschneidung ja – aber erst ab mündigem, entscheidungsfähigem Alter. Insofern sehe ich auch keinen Angriff auf die Religion. Juden und Muslime könnten Beschneidungen bei Kindern zunächst symbolisch vornehmen, um sie dann später bei den erwachsenen Söhnen gegebenenfalls praktisch nachzuholen – falls die Betroffenen dies wünschen.

  4. Ano.Info schrieb: „Medizinisch gesehen gibt es zwar in der europäischen Kultur keinen Grund für eine Beschneidung, aber viele Vorteile, wenn die Beschneidung gemacht wurde.“
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    Das Argument „Hygiene“ ist in westlichen Ländern mit ihren hervorragenden hygienischen Bedingungen in der Tat nicht geeignet, um Beschneidungen zu begründen. Regelmässig duschen ist einfach die bessere Alternative.

    Sollte es tatsächlich Vorteile der Beschneidung geben (was ich ehrlich gesagt bezweifle), so würden diese erst für Erwachsene gelten. Es gibt also erst recht keinen Grund, Beschneidungen an Kindern vorzunehmen.
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    Zitat: Also ist es in der Religion nicht auch nur medizinischer Natur?
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    Vor 3000 Jahren machten Beschneidungen vielleicht Sinn, da die Möglichkeiten der Körperhygiene und Intimpflege begrenzter waren. Diese Zeiten sind allerdings vorbei. Wenn Riten und Gebräuche ihren praktischen Sinn verloren haben, gehören sie auf den Prüfstand gestellt.

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