Macht aggressive Musik aggressiv?

04.08.2012 |  Von  |  Allgemein
Macht aggressive Musik aggressiv?
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Hämmernde Beats, verzerrte Gitarren, kreischende Sänger, aggressive Songtexte: Was bewirkt Musik, die sich solcher Mittel bedient, bei ihren Hörern? Oder anders gefragt: Macht aggressive Musik ihre Hörer aggressiv?

Einer, der diese Frage vehement bejaht, ist der in Freiburg/Breisgau lebende Musikwissenschaftler und Cembalist Dr. Klaus Miehling. Das Thema hat er auf rund 700 Seiten in seinem Buch „Gewaltmusik – Musikgewalt“ aufgearbeitet – sein Werk versteht sich zugleich als ein „Schwarzbuch der populären Musik“. Mit seinen provokanten Thesen hat Miehling erbitterte Reaktionen bei den Liebhabern von Rockmusik und Co. ausgelöst – fühlen sie sich doch von dem Doktor der Musikwissenschaft als potenzielle Gewalttäter abgestempelt.

Zusammengefasst gibt es für Miehling zwei Spielarten der Musik: eine gute, moralisch förderliche sowie eine schlechte, destruktive Form der Musik. Die erste Kategorie bildet die klassische Musik – die zweite bezeichnet Miehling als „Gewaltmusik“. Darunter subsumiert er (bis auf Ausnahmen1) praktisch die gesamte Bandbreite populärer Musik – ob Jazz, Pop, R’n’B, Rock, Heavy Metal, Rap oder Techno.

Als „ohrenfälligstes Kennzeichen“ der „Gewaltmusik“ nennt Miehling „das Schlagzeug“, dessen Wirkung „Schlägen, Schüssen oder Explosionen“ gleichkomme. Aber auch in „verzerrten Gitarren“ oder in der Aggressivität der menschliche Stimme könne Gewalt liegen. Der Hörer müsse sich mit der in solcherart Musik ausgedrückten Aggression identifizieren, „ansonsten könnte er diese Musik nicht ertragen“. „Gewaltmusik“, so Miehling, spricht vor allem das Stammhirn an, speziell „den Aggressions- und Sexualtrieb“ – während klassische Musik auch auf „die neueren kognitiven Schichten“ ziele.

Schädlicher Einfluss der „Gewaltmusik“

Der Konsum solcher populärer Musik ist laut Miehling eine wesentliche Ursache dafür, dass mit den neuen audiovisuellen Medien seit Mitte des vorigen Jahrhunderts „ungeahnte Dimensionen der Aggressivität“ erreicht wurden. Die „Gewaltmusik“ habe auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen einen negativen, schädlichen Einfluss: Sie fördere enthemmte Sexualität, Drogenkonsum, Kriminalität und Leistungsverweigerung. „Gewaltmusik“ sei zwar nicht die alleinige Ursache für Kriminalität, aber doch im Rahmen mentaler Beeinflussung eine der wirksamsten. Demnach sieht Miehling „Gewaltmusik“ als Bestandteil eines umfassenden kulturellen „Werteverfalls“.

Als Indizien bzw. Belege für seine Thesen nennt Miehling unter anderem überproportional häufige Drogen- und Gewaltexzesse von Rockmusikern sowie gewalttätige Ausschreitungen bei Rockkonzerten, die in Klassikhäusern und Opernhäusern hingegen nicht vorkommen. Solche Ausschreitungen hätten in den letzten Jahrzehnten zu „über 230 Toten“ und „über 25.000 bezifferten Verletzten“ geführt – zuzüglich „Sachschäden in Millionenhöhe“.  Ferner beruft sich Miehling auf psychologische Untersuchungen zum Verhalten von Probanden während und nach dem Konsum von „Gewaltmusik“ sowie zur Wirkung von Musik auf das Gehirn. So schreibt er:

„Nach dem Konsum von Gewaltmusikvideos wird dort gezeigtes sexuelles Rollenverhalten übernommen, werden feindselige sexuelle Vorstellungen und negative Gefühle geweckt, werden vermehrt antisoziales Verhalten und Gewalt als Problemlösung akzeptiert. Kinder, die das Programm des Gewaltmusiksenders MTV sehen, verhalten sich aggressiver und weniger hilfsbereit. Umgekehrt ging das aggressive Verhalten von Patienten auf einer forensischen klinischen Abteilung zurück, nachdem man ihnen diesen Sender entzogen hatte.“ (Seite 414)

Aggressive HipHopper, friedliche Klassikfans?

Cover des Buches „Gewaltmusik Musikgewalt – Populäre Musik und die Folgen“ von Klaus Miehling

Laut Miehling will eine Untersuchung auch festgestellt haben, dass Jugendliche der HipHop-Szene über ein erhöhtes „Aggressionspotenzial“ und über mehr „kriminelle Energie“ verfügen. Klassikhörer hätten hingegen den „geringsten Delinquenz-Score“ und würden seltener Straftaten begehen – und wenn dann geringere als „Gewaltmusikhörer“. Miehling macht das unter anderem an der Verbreitung illegaler Downloads fest: Diese würden häufiger von „Gewaltmusikhörern“ begangen, während illegales Herunterladen von Musik dem Verkauf von Klassiktonträgern nicht geschadet hätte.

Heisst das also, dass „Gewaltmusikhörer“ zwangsläufig zu kriminellen Straftätern mutieren? Nein, sagt Miehling, vielmehr gehe es um statistische Zusammenhänge. Schliesslich bekomme auch nicht jeder Raucher Lungenkrebs – trotzdem würde niemand die Gefährlichkeit des Rauchens infrage stellen. Und so wie das Rauchen immer mehr eingeschränkt wurde, wünscht sich das Miehling auch bei der „Gewaltmusik“. Seine Vision – „eine Gesellschaft, die musikkulturell auf der klassischen Musik aufgebaut ist.“ Hierzu sei ein Umdenkprozess erforderlich. Ohne „Gewaltmusik“ würde die Gesellschaft „ehrlicher und friedlicher“ werden, ist Miehling überzeugt.

Hitzige Diskussionen

Seine zahlreichen Kritiker werfen ihm unwissenschaftliches Vorgehen und reaktionären Kulturchauvinismus vor. Manche vermuten gar hinter dem promovierten Musikwissenschaftler ein Fake (was er aber nicht ist). Im Gästebuch auf seiner Homepage liefern sich Miehling und seine Gegner seit Jahren erregte Diskussionen. Auf seiner Webseite kann man sich übrigens für einen „Gewaltmusik-Nachrichtenbrief“ (abgekürzt GMNB) eintragen, der „Feinde der Gewaltmusik“ regelmässig zum Thema informiert.

Auch wenn Miehlings Thesen arg zugespitzt erscheinen – immerhin liefern sie Zündstoff für eine angeregte Debatte. Wer die Frage „Macht aggressive Musik aggressiv?“ rundweg mit „Nein“ beantwortet, sieht sich von Klaus Miehlings provokanter Position zumindest herausgefordert, dafür gute Argumente vorzubringen.


1) Als Ausnahmen in der Unterhaltungsmusik nennt Miehling etwa den Bereich der „Liedermacher“ oder des „klassischen Musicals“. Im Gegenzug zählt er auch avantgardistische E-Musik zur „Gewaltmusik“ – somit zieht er die Grenze zwischen den beiden Kategorien nicht klar zwischen U- und E-Musik.


 

Oberstes Bild: © Madlen – shutterstock.com

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15 Kommentare


  1. Ich habe Herrn Miehlings Buch gelesen.
    Er stützt seine Ansicht überwiegend auf sehr vereinfachende, unzulässig verallgemeinernde Argumente, krude Spekulationen und von ihm im Sinne seiner Meinung interpretierte Statistiken, Daten und Umfrageergebnisse. Fakten, die seiner Ansicht widersprechen, ignoriert oder relativiert er.

    Um ein differenziertes, glaubwürdiges Bild bemüht er sich gar nicht erst; Populärmusik, die er ganz allgemein unter den diffamierenden, plumpen Begriff „Gewaltmusik“ einordnet (mit den erwähnten Ausnahmen), appelliert seiner Meinung nach grundsätzlich an niederste Instinkte, ganz gleich ob es sich hierbei um Jazz, Blues, Techno oder Heavy Metal handelt.

    Miles Davis, Willie Nelson, die Beatles, Bob Dylan, Ella Fitzgerald, Paul Simon und Jimi Hendrix haben seiner Meinung nach durch das Beispiel ihres Lebenswandels, den Aussagen ihrer Texte und dem „aggressiven klanglichen Ausdruck“ ihrer Musik ebenso zum Niedergang sämtlicher gesellschaftlichen Normen und Werte beigetragen, wie Slayer, Scooter, Wolfgang Petry, Pur, Bushido oder Katy Perry.

    Klassikhörern attestiert er grundsätzlich ein höher entwickeltes Verständnis von Moral, dies versucht der Herr Dr. Miehling mit allerlei Statistiken und Umfragen zu Delinquenzverhalten zu belegen; abenteuerlichste Querverbindungen werden konstruiert, Sachverhalte wie Ursache und Wirkung, Korrelation und Kausalität durcheinandergebracht, fehl- oder zurechtinterpretiert.

    Fazit: ein oberflächliches, plumpes, scheinwissenschaftliches Werk, das nichts als Polemik und Meinungsmache darstellt.

  2. Wer sich einen Eindruck von Herrn Dr. Miehlings Diskussionsbereitschaft, seiner Kritikfähigkeit und seiner Verbohrtheit machen will, kann ja mal einen Blick in das Gästebuch seiner Homepage werfen, und über die, teilweise ins groteske, tragikomische ausufernde, dort geführte Debatte schmunzeln…

  3. „Miles Davis, Willie Nelson, die Beatles, Bob Dylan, Ella Fitzgerald, Paul Simon und Jimi Hendrix haben seiner Meinung nach durch das Beispiel ihres Lebenswandels, den Aussagen ihrer Texte und dem “aggressiven klanglichen Ausdruck” ihrer Musik ebenso zum Niedergang sämtlicher gesellschaftlichen Normen und Werte beigetragen, wie Slayer, Scooter, Wolfgang Petry, Pur, Bushido oder Katy Perry.“

    Miles Davis und Bushido in einen Topf zu werfen, halte ich auch für gewagt.

    Es stellt sich allerdings schon die Frage, was Musik langfristig bei den Hörern bewirkt, die vor allem auf hämmernden Beats basiert und in überhoher Lautstärke konsumiert wird (abgesehen von Ohrenproblemen, wie sie bei Rockmusikern nicht selten sind – prominentes Beispiel: Campino, den der Punkrock schwerhörig gemacht hat).

    Sollte es wirklich keinen Unterschied für die Entwicklung einer Person bewirken, ob sie vorwiegend Klassik hört oder „harte“ Rockmusik mit aggressiven Song-Texten? Da alles, womit sich Menschen intensiv beschäftigen, einen Einfluss auf die Persönlichkeit hat, liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei Musik ähnlich verhält.

  4. Selbstverständlich hat Musik eine Wirkung auf den Hörer, sonst würde man schließlich keine hören.
    Herr Miehling unterstellt ihr allerdings eine ursächliche, charakter- und persönlichkeitsbildende Wirkung, die er allen anderen Parametern wie Intelligenz, Lebenserfahrung, soziales Umfeld und kulturellen Hintergrund überordnet. Diese sieht er wiederum als wesentlich von der Musik geprägt und beeinflusst an.
    Seine Vorstellung ist es, dass jeglicher gesellschaftlicher und zivilisatorischer Wandel primär durch Musik eingeleitet, ausgelöst, beeinflusst und geprägt wird.
    Das ist meiner Meinung nach zu naiv und oberflächlich gedacht.
    Musik ist Ausdruck und Reflektion des jeweiligen Zeitgeistes und prägt diesen natürlich auch mit, wie jegliche anderen Kulturerscheinungen und Trends, beispielsweise in der bildenden Kunst, in der Mode, im Sport oder im Film.

  5. Wenn er ganz generell der Populärmusik eine moralzersetzende Wirkung unterstellt, ihren angeblichen potentiell schädlichen Einfluss dabei gerne mit der unbestrittenen Gefährlichkeit des Rauchens vergleicht, ist das pure Polemik, nichts weiter.
    Ein typisches Beispiel für Herrn Miehlings Interpretation von statistischen Daten sieht folgendermassen aus: 85-90 % der deutschen Gesellschaft hört überwiegend, oder ausschließlich, Populärmusik, ganz gleich, welchen Genres.
    90 % der Mitglieder der deutschen Gesellschaft begehen einmal in ihrem Leben eine Straftat oder eine Ordnungswidrigkeit (die Schätzungen für die Dunkelziffer gehen sogar von 100 % aus!).
    Darunter sind die überwiegende Mehrheit Hörer eines, oder mehreren, Populärmusikgenres.
    Herr Miehlings kühne Schlussfolgerung: Das Hören von Populärmusik führt zu delinquenten Verhaltensweisen und Rechtswidrigkeiten; ganz gleich ob es sich hierbei um Schwarzfahren, Steuerhinterziehung, Vergewaltigung, Mord oder dem illegalen Herunterladen von Musik handelt.

    Seine Forderungen an den Gesetzgeber: Eine Sonderbesteuerung von Populärmusik, das Verbot von Alkoholausschank in Kneipen, in denen Populärmusik als Gästebeschallung gespielt wird, die Abschaffung der Schulband-Projekte an unseren Schulen…

    Detailliertere Ausführungen seiner Sicht kann man in den Aufsätzen auf seiner Homepage nachlesen.

  6. „Herr Miehling unterstellt ihr allerdings eine ursächliche, charakter- und persönlichkeitsbildende Wirkung, die er allen anderen Parametern wie Intelligenz, Lebenserfahrung, soziales Umfeld und kulturellen Hintergrund überordnet. Diese sieht er wiederum als wesentlich von der Musik geprägt und beeinflusst an.
    Seine Vorstellung ist es, dass jeglicher gesellschaftlicher und zivilisatorischer Wandel primär durch Musik eingeleitet, ausgelöst, beeinflusst und geprägt wird.“

    Ich kann natürlich nicht für Herrn Miehling sprechen.

    Ich frage mich aber, ob es grundsätzlich von der Hand zu weisen ist, dass Musik auch Einfluss auf die Persönlichkeit hat – als ein Faktor unter anderen.

    Beispielsweise will eine amerikanische Studie herausgefunden haben, dass die Hörer von Rap-Musik überdurchschnittlich Drogen konsumieren und aggressiver sind als jugendliche Hörer anderer Musik, siehe http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/298190. Werden die Rap-Musik-Hörer etwa durch die oft drogen- und gewaltverherrlichenden Song-Texte zu solchem Verhalten animiert? So weit hergeholt erscheint das nicht.

    Komplizierter ist die Frage zu beantworten, ob schon Musik als solche – abgesehen von den Texten – Einfluss auf die Persönlichkeit haben kann.

    Dass gewaltbereite Gruppen – z.B. Gangs oder Skinheads – simple, aggressive Musik wählen, um sich aufzuputschen, ist sicher kein Zufall. Mit klassischer Musik würde das so nicht funktionieren.

    Da klassische Musik komplex strukturiert ist, verlangt sie ein entsprechend aufmerksames, aktives Zuhören. Der Zuhörer wird durch die Musik aufgefordert, die darin ausgedrückten vielfältigen Empfindungen nachzuvollziehen.

    Eine Hyothese wäre, dass sich frühe Begegnung mit klassischer Musik förderlich für die Entwicklung von Sensibilität und Konzentrationsfähigkeit auswirken. Bei vergleichweise simpel gestrickter Populärmusik wäre das nicht gegeben.

    Das experimentell in Langzeitstudien nachzuweisen, dürfte natürlich nicht einfach sein.

  7. Sicherlich ist es so, dass gewaltaffine, aggressive Menschen oft auch gerne aggressive Musik mit aggressiven, gewaltverherrlichenden und/oder sexistischen Texten anhören, um sich ihr Lebensgefühl und ihr Weltbild zu bestätigen und sich zusätzlich hineinzusteigern.
    Allerdings ist da meiner Meinung nach die unsichere, komplexbeladene, unreflektierte und empathieschwache Persönlichkeit schon gegeben, und wird durch das Hörverhalten reflektiert.
    Und ich glaube nicht, dass lediglich der Konsum einer bestimmten Musik jemanden zu einer verkorksten,gewalttätigen Persönlichkeit macht. Schließlich wurde auch Adolf Hitler nicht durch seine Vorliebe für Oper und Operette zum Verbrecher. Einen Teil seiner Persönlichkeit und seiner Weltanschauung fand er eben in den Werken Richard Wagners widergespiegelt; Wagner deswegen eine Mitschuld am II. Weltkrieg und am Holocaust zu unterstellen, wäre doch absurd!

    Ein Beispiel, das von Herrn Miehling gerne bemüht wird: der psychopathische Mörder und Sektenguru Charles Manson, dessen abartige Taten Miehling auf den Einfluss der Musik der Beatles zurückführt.
    Charles Manson war bereits ein psychisch gestörter Krimineller, als er seine Vorstellungen eines revolutionären, blutigen Umsturzes in den USA entwickelte (eine Art apokalyptischer Endkampf zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung, an dessen Ende die Schwarzen als Sieger hervorgehen würden, um sich schließlich seiner, Mansons, Führung zu unterwerfen; eine Wahnidee, die sicherlich unter dem Eindruck der damaligen sogenannten „Rassenunruhen“ entstand), die er in den Texten des sogenannten „Weißen Albums“ der Beatles, aus dem Jahre 1968, widergespiegelt, bzw. ausgedrückt fand.

    Sind jetzt etwa allen Ernstes die Beatles für die Verbrechen eines schizophrenen Kriminellen verantwortlich zu machen, der seine wahnwitzige Weltanschauung in die Texte eines ihrer Alben hineinprojiziert hat
    Mansons eigene Musik war übrigens schlichte, akustische Gitarrenmusik in der Tradition US-amerikanischer Folk-Music, also alles andere als aggressive Musik, die „Gewalt klanglich zum Ausdruck bringt“.

    Ein emotional vernachlässigter, perspektivloser und frustrierter Jugendlicher wird sich in der Regel eben eher zur Musik von Eminem, Bushido oder meinetwegen den Böhsen Onkelz hingezogen fühlen, als zu den Werken von Mahler, Beethoven oder Bach, da er in der Musik und den Texten Erstgenannter seine Gefühlswelt und zum Ausdruck gebracht siet.
    Übrigens ist der ehemalige Sänger der Böhsen Onkelz, Kevin Russelerkläik-Liebhaber; sagt d
    Die Spitzen aus Politik und Wirtschaft, auch diejenigen, die sich solcher Vergehen wie Steuerbetrug, Korruption oder Meineid schuldig gemacht haben, dürften wohl häufiger in Opernhäusern undklassischen Konzertsälen anzutreffen sein, als auf Konzerten von Iron Maiden oder den Toten Hosen.
    Hat da dann etwa die angeblich generell positive Wirkung klassischer Musik auf Ethos und Moral der Hörer versagt?

    Wenn jugendliche Rap-Hörer überdurchschnittlich häufig Drogen konsumieren und aggressives Verhalten zeigen, liegt das daran, dass ein Teil der Rap-Hörer eben aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammt, wie auch ein großer Teil der Rap-Musiker selbst.
    Daher rührt auch die Identifikation der Hörer mit dem Musiker, auch seine Glorifizierung und Idolisierung, die sicherlich kritisch gesehen werden müssen.
    Wenn sich aber ein Jugendlicher die schlechten Eigenschaften eines prominenten Musikers, Schauspielers oder Sportlers zum Vorbild nimmt, muss meiner Meinun gnach schon vorher einiges schiefgelaufen sein.
    Es gibt schließlich auch juvenile Rap-Fans aus behüteten Verhältnissen, die keinerlei Delinquenzverhalten aufweisen. Selbstverständlich auch welche aus schwierigeren Verhältnissen, die dennoch nicht in die Kriminalität abrutschen.

  8. Entschuldigung, ich sehe gerade, dass ein Teil meines Textes nicht angezeigt wird; ich tippe auf dem Smartphone, da gibt es leider manchmal entsprechende Probleme.

    „…da er in der Musik und den Texten Erstgenannter seine Gefühlswelt und seine Lebensrealität zum Ausdruck gebracht sieht. Übrigens ist der ehemalige Sänger der Böhsen Onkelz, Kevin Russell, ein erklärter Klassik-Liebhaber; sagt dies irgendetwas aus?“

  9. Ich bin durchaus der Meinung, dass die Auseinandersetzung mit komplex strukturierter, emotional vielfältiger Musik sich positiv auf die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten und der Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühls- und Gedankenwelt auswirkt. Das muss meines Erachtens auch nicht zwangsläufig klassische Musik sein, es gibt schließlich genügend anspruchsvolle Musik auch in der Populärmusik.
    Generell glaube ich, dass der positive Effekt mehr in der aktiven, geistigen Auseinandersetzung mit einer Sache begründet liegt, im Unterschied zum blossen sich-berieseln-lassen und passiven konsumieren.
    Genauso gut, wäre es auch, die Kinder und Jugendlichen zum Lesen, Malen/Zeichnen, Schreiben, Basteln oder zu sonstigen kreativen oder geistigen Aktivitäten zu animieren.

    Das Problem der zunehmenden Aggressivität von Kindern und Jugendlichen sehe ich ganz allgemein in der permanenten Reizueberflutung und dem übermässigen, unreflektierten und unkritischen Medienkonsum, sowie der Stumpfheit und Gleichgültigkeit mancher Eltern.
    Wenn ein Kind in einem lieblosen Elternhaus aufwächst, in dem eventuell beide Elternteile Alkoholiker sind, und die einzige Flucht und Ablenkung die permanent laufende Glotze und die Playstation sind; es gerne Rap hört und sich vielleicht auch ein wenig in Graffiti-Kunst versucht; wenn solch ein Kind später mit seiner Sozialisation grössere Schwierigkeiten hat, als ein gleichaltriger Hip-Hop Fan aus behüteten Mittelschicht-Verhältnissen, ist die Schuld ganz sicher nicht bei Sido oder Bushido zu suchen.

  10. Von den Verhältnissen, in denen ein US-amerikanisches Kind der untersten Schicht aufwächst, mal ganz zu schweigen. Dass sich diese Jugendlichen reiche, populäre Rapper mit teilweise krimineller Vergangenheit, die aus genau demselben Milieu stammen, wie sie selbst, mitunter zum Vorbild nehmen, erscheint doch nun wirklich nicht weiter verwunderlich.

    Wenn dann nun hierzulande unbedarfte Kids, deren Alltag vom Leben in einem US-Ghetto in der Regel Lichtjahre entfernt ist, aber trotzdem zu den Außenseitern unserer Gesellschaft zählen, wenn diese Jugendlichen dann Habitus und Auftreten der Hip-Hop Protagonisten übernehmen, ohne zu durchschauen, dass es sich gegebenenfalls um eine Inszenierung, eine überzeichnete Selbstdarstellung handelt, wenn sie dieses vermeintlich authentische Gebaren nachahmen, um ihre Minderwertigkeitskomplexe und Ohnmachtsgefuehle zu kompensieren, ist das selbstverständlich problematisch.

    Aber ich bin dennoch der Meinung, dass ein smarter Jugendlicher sehr wohl zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden vermag. Wenn ein Jugendlicher seinen Frust gewalttätig ausagiert, hat es meiner Meinung nach vielfältigere Gründe, als die alleinige Beeinflussung durch Musik. Die Musik spielt dann lediglich als Katalysator eine auslösende Rolle. Wenn sie es nicht wäre, wäre es eben der Alkohol, die Drogen, eine Vorliebe für brutale Filme, Ballerspiele oder Schießsport, Kampfsport, Waffen etc…

  11. Wenn ein Jugendlicher seinen Frust gewalttätig ausagiert, hat es meiner Meinung nach vielfältigere Gründe, als die alleinige Beeinflussung durch Musik. Die Musik spielt dann lediglich als Katalysator eine auslösende Rolle. Wenn sie es nicht wäre, wäre es eben der Alkohol, die Drogen, eine Vorliebe für brutale Filme, Ballerspiele oder Schießsport, Kampfsport, Waffen etc…

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    Ja, das erscheint plausibel. Ich denke auch, dass aggressiv klingende Musik einen friedlichen, sozial stabilen Hörer keineswegs plötzlich in einen gewalttätigen Menschen verwandeln kann.

    Die Frage ist, was der Konsum aggressiver Musik bei einem Hörer bewirkt, bei dem bereits eine aggressive Disposition vorhanden ist. Denkbar ist, dass die aggressive Musik einem solchen Konsumenten dabei hilft, sich in einen „Gewalt-Rausch“ hineinzusteigern. Die Musik würde dann die bereits vorhandenen aggressiven Impulse freisetzen und gewissermassen enthemmend wirken. Die Wirkungsweise der Musik wäre ähnlich wie bei einer Droge. (Den Vergleich mit Drogen ziehst du ja selber auch.)

    Eine solche gewaltfördernde Wirkung, wenn man sie denn unterstellt, wäre am ehesten für bestimmte Spielarten der Popularmusik anzunehmen – aber wohl kaum für klassische Musik. Insofern macht der Begriff „Gewaltmusik“ sogar Sinn, wenn auch nicht in einer grob verallgemeinernden Weise.
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    Das Problem der zunehmenden Aggressivität von Kindern und Jugendlichen sehe ich ganz allgemein in der permanenten Reizueberflutung und dem übermässigen, unreflektierten und unkritischen Medienkonsum, sowie der Stumpfheit und Gleichgültigkeit mancher Eltern.
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    Ja, Zustimmung.
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    Ich bin durchaus der Meinung, dass die Auseinandersetzung mit komplex strukturierter, emotional vielfältiger Musik sich positiv auf die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten und der Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühls- und Gedankenwelt auswirkt. Das muss meines Erachtens auch nicht zwangsläufig klassische Musik sein, es gibt schließlich genügend anspruchsvolle Musik auch in der Populärmusik.
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    Ja. Basierend darauf müsste ein klarer Bildungsauftrag formuliert werden: Nämlich Kinder und Jugendliche zur Auseinandersetzung mit komplexer Musik zu führen. Die Medien spielen dabei leider keine besonders rühmliche Rolle.

    • Ich würde das Buch doch etwas differenzierter sehen. Persönlich glaube ich zwar nicht, dass die Töne einer bestimmten Musik aggressiver machen, als die einer anderen. Wenn Musik in irgendeiner Form aggressiv macht, dann müssten die Taliban, die jeglichen Musik als degeneriert verteufeln der Inbegriff an Friedfertigkeit sein-was sie aber offensichtlich nicht sind. Problematischer als die Töne an sich sind oft die Texte, die nicht selten gewaltverherrlichend oder rassistisch sind. (Etwa im Rap.)
      Auch gibt es heute geradezu eine Schwemme an Nazi Rock und Pop. Während mir im E-Musikbereich kein lebender Komponist bekannt ist, welcher rechtsextreme Texte vertonen und öffentlich in Oper oder Konzert aufführen würde, hat die U-Musikszene hier keinerlei Berührungsängste. Bedenklich scheint mir auch, dass sich die Pop-und Rockszene etc. oft als freie Alternative gegenüber den „spiessigen“ Erwachsenen den Kindern und Jugendlichen gegenüber präsentiert, wobei sie in Wirklichkeit gerade von diesen spiessigen Erwachsenen aus rein kapitalistischen Interessen brutal vermarktet wird. Ein deutliches Beispiel hierfür war die schlampige, billige und menschenverachtende Planung und Durchführung der sogenannten „Love Parade“ in Duisburg.

  12. @Kubus:

    Es spricht in der Tat vieles dafür, dass die Kombination von gewaltverherrlichenden Texten und „aggressiver“ Musik für eine problematische Wirkung sorgt.

    Wobei ja die (mehr geschrieenen als gesungenen) Texte in diesen Genres meist gar nicht richtig verständlich sind. Es kommt dann wohl hier primär auf den aggressiven Klang der Stimme an (und nicht nur auf den Inhalt).

  13. Dies vorweg: Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich habe nur die ersten paar Seiten online angeschaut – was mich nicht im Geringsten zum Weiterlesen animiert hat. Es ist wie mit den meisten Schmähschriften (und auch Lobhudeleien): sie sagen wesentlich mehr über ihren Verfasser aus als über das Beschriebene. In diesem Sinne sind denn auch meine Worte nur ein Standpunkt von vielen.

    Die Ausführungen von Yves kann ich nur zu gut verstehen und hätte es kaum besser formulieren können. Zudem ist es m. E. anmassend, wenn Herr Mehling versucht, Musik-Rezeption im 21. Jhdt. für die Mehrheit der Menschheit im Voraus zu interpretieren.

    Ich bin selber Berufsmusiker und kann mich u. a. genauso für Motetten von Josquin Desprez, Mahlers Sinfonien, Chansons der Hildegard Knef und Songs von Motörhead begeistern (alles zu seiner Zeit…) Hätte ich Kinder, würde ich es eher begrüssen, wenn sie in ihrer Freizeit aktiv in einer Rockband spielen, als wenn sie stundenlang auf ihrem Zimmer Bayern 4 Klassik hören (wie ich damals als Teenager).

    Dass Love-Parade und im Auto „Gassi geführte Subwoofer“ nerven, kann ich gut nachvollziehen. Ein entsprechendes Verbot würde solches für die Party-People wohl nur umso reizvoller erschienen lassen. Als ehemaliger „Mit-genervter“ habe ich mich über längere Zeit darin geübt, den Leuten ihren Spass von Herzen zu gönnen, mit dem Resultat, dass ich heute solchen Vorkommnissen mit grosser Gelassenheit begegne. Gefallen tun sie mir nach wie vor nicht.

    Die Welt wird für uns Menschen immer enger (Boden, Ressourcen, Energie). Was wir für die akustische Zukunft brauchen, ist sicher nicht eine Klassik-Hegemonie, sondern Wertschätzung der Vielfalt. Letztere ist der beste Ausgangspunkt zu mehr gegenseitigem Respekt unserer Bedürfnisse, sowohl der lauten wie der leisen. Zudem: wirklich gute Musik wird stets überleben!

    • Miehlings Buch als Schmähschrift zu bezeichnen, nach dem man nur einige wenige Seiten gelesen hat, ist dann wohl doch im wahrsten Sinne des Wortes ein „Vorurteil“. ich habe das Buch bestellt und auch Kapitel auf Google-Books gelesen. Bevor ich das Buch nicht vollständig gelesen habe, möchte ich aber kein bestimmtes Urteil abgeben. Nur soviel: neben Aussagen die mich überzeugt haben – etwa die Abschnitte über die musikalische Selbstbestimmung des Menschen im öffentlichen Raum, gab es auch Abschnitte, die mir unverständlich blieben. Wenn Miehling Synkopen in der Musik als aggressiv bezeichnet, so sollte er einmal seine geliebten Klassiker studieren, bei denen es in fast jedem Takt synkopierte Rhythmen gibt. Auch das Jazz problematisch sein soll, wo sich doch alle ernstzunehmenden Musiker im 20. Jahrhundert in irgendeiner Form mit dem Jazz und seiner Harmonik auseinandergesetzt haben, ist absurd. Anders die Frage nach der ständigen Musikberieselung im Restaurant, im Kaufhaus oder im Taxi. Niemand fragt mich hier, ob ich gerade in Stimmung bin, diese Musik (oder diesen Müll) gerade zu hören. Es wäre gleich, als würde ich in ein Restaurant gehen und der Chef würde mir ohne mich zu fragen was ich essen möchte, einfach eine Bratwurst mit Senf in den Mund schieben nach dem Motto: Dir muss das jetzt schmecken, weil ich es so will…Wenn Andreas meint, dass es besser sei, wenn Jugendliche in einer Rockband selber spielen, als zuhause Klassik zu hören, so muss ich hier widersprechen. Gerade in der Jugend ist das Gehör noch sehr fein und wird durch die extreme Lautstärke der Bands nur abgestumpft, ähnlich einem Auge, das nur mit grellem Licht geblendet wird.
      Ausblick: In London lässt man seit einiger Zeit in einer Problemhaltestelle der Metro nur noch Klassik laufen. Das Resultat: Die Gewalt-und Drogendelikte gingen deutlich zurück. Eine Welt ohne Rock, Pop, Techno und Co. wäre sicher eine friedlichere Welt und unsere Kinder wären sensibler, konzentrierter, aufnahmefähiger und weniger aggressiv.

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