Bewegendes Verdingkind-Schicksal – Erstmals publiziert

08.03.2017 |  Von  |  Gesellschaft, Literatur, News
Bewegendes Verdingkind-Schicksal - Erstmals publiziert
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Auf der jedermann zugänglichen Autobiographie-Website www.meet-my-life.net sind bereits über 60 Autobiographien quer durch die Bevölkerung zu lesen. Darunter auch die von drei ehemaligen Verding-/Heimkindern.

Nun ist eine weitere hinzugekommen: Bruno Zahnd Junior hat die von seinem Vater Bruno Zahnd vor 20 Jahren als 71jähriger aufgeschriebene Lebensgeschichte publiziert.

Als Vorwort zu seiner Biographie schrieb sein Vater:

„Ich, Bruno Zahnd, wurde am 20. Dezember 1919, als uneheliches Kind geboren. Meine Mutter diente in Bülach, bei einer gut situierten Familie als Magd. Der gleichaltrige Sohn begann ein Verhältnis mit meiner Mutter. Sie wurde schwanger.

Als die Eltern des Sohnes von den Umständen erfuhren, machten sie meiner Mutter und meinem Vater schlimme Vorwürfe. Weil sie trotzdem heirateten, jagten sie beide aus dem Haus. Da standen sie nun mittellos und ohne Arbeit. Mein Vater flüchtete drei Jahre später nach Frankreich. Er liess sich dort als Fremdenlegionär anheuern. Ganz ohne Geld, sah er wohl keinen anderen Ausweg für sich.

So kam ich als vier Jahre alter Bub zu meinen Grosseltern. Dies erzählte mir ein Onkel, als ich vierzehn Jahre alt war. Meine Geschichte schrieb ich auf, weil man mir einen grossen Teil meiner Kindheit nahm und ich lange nicht davon los kam. Ich sehe das Bild noch deutlich vor mir, wie ich in abgeschnittenen Männerhosen da stand, welche vor Dreck stehen konnten.

Ich hatte über Jahre keine Unterkleider, keine Strümpfe, Lappen anstatt Schuhe um die Füsse oder viel zu grosse Holzschuhe. Von einem Waschlappen, Seife oder einer Zahnbürste will ich gar nicht reden. Eine solche Verschwendung schien nicht nötig zu sein für einen Verding Bub. Zirka 1990 habe ich dies aufgeschrieben und wollte damit meine Kindheit im Alter von einundsiebzig Jahren endlich ablegen. […]“

Auf der aus der Universität Zürich heraus entstandenen werbefreien non-profit Autobiographie-Plattform www.meet-my-life.net kann jedermann seine Lebensgeschichte in einem einfachen Raster aufschreiben und simultan publizieren. Bereits in „Word“ geschriebene Texte können ganz einfach eingefügt werden. Das Copyright verbleibt selbstverständlich bei den Autoren.

Derzeit sind 134 Autorinnen und Autoren aus allen Bevölkerungsschichten am Schreiben. Darunter finden sich sowohl bewegende Schicksale wie auch „ganz normale“ Lebensgeschichten.

Das Spektrum reicht von einer Ex-Nonne, über mehrere Metzgermeister, den pensionierten Pfarrer bis hin zum Fremdenlegionär, zu einer Weltenbummlerin, zu einer auf Sozialhilfe angewiesenen Autorin wie auch zu zwei „coming-outs“. Beschreibungen, wie man in den 1940er bis 1970er-Jahre wohnte, über die Kriegsjahre oder die damals ganz und gar zum Alltag gehörenden körperlichen Bestrafungen sind bereits heute mit Staunen zu lesen.

Zu den Highlights gehören auch die Biographien des bekannten Unternehmers Walter Fust oder des früheren Zürcher Gemeinderatspräsidenten und Freimaurer-Grossmeisters Alfred Messerli Sen. Alle diese und zukünftige Autoren/innen hinterlassen durch das Aufschreiben ihrer „Oral History“ nicht nur ihrer Familie unbezahlbare Erinnerungen, sondern auch der interessierten Allgemeinheit und späterer wissenschaftlicher Forschung.

Wer selbst über sein Leben schreiben will, kann dies ohne Namensangabe während 30 Tagen unverbindlich ausprobieren. Die Website ist weitestgehend selbsterklärend. Anschliessend kann man sich als Autor/-in für bescheidene Fr. 39.50 registrieren und das bis Geschrieben auch publizieren.

 

Quelle: meet-my-life.net AG
Artikelbild: © Still AB – shutterstock.com

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