Überwachungsforscher zur NSA-Affäre: „Verschlüsselung würde die Kapazitäten der Geheimdienste sprengen“

17.12.2013 |  Von  |  News
Überwachungsforscher zur NSA-Affäre:
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Ein Experte zeichnet ein düsteres Bild, in dem es jedoch auch Hoffnungsschimmer gibt. Der Brite Steve Wright hat unter anderem für das EU-Parlament über das berühmte Echelon-Projekt berichtet.

Sein Fazit: Um Terrorismus geht es nicht, und die meisten Menschen haben das Ausmass der Überwachung noch nicht realisiert.Doch mit einfachen Mitteln könnte jeder Bürger den Geheimdiensten ein Schnäppchen schlagen, so Wright im Interview mit netzpiloten.de.


Wright, Dozent an der Universität Leeds, erforscht seit Jahrzehnten Überwachungs- und Militärtechnologien. Er ist einer der wenigen, der wirklich Ahnung von den technischen Hintergründen hat. 1998 verfasste er den Bericht des EU-Parlaments über das geheime NSA-Spionagesystem Echelon, dessen Untersuchung durch 9/11 und den darauf folgenden „war on terror“ ins Stocken geriet. Lange vor Snowden war er einer der wenigen „Propheten“, die das ungeheure Ausmass der Spionage vorhersagte.

Der Überwachungs-Prophet – jetzt bestätigt

Nun werden seine Voraussagen bestätigt. Nur wenige Wochen vor Bekanntwerden der NSA-Affäre hätten seine Studenten ihm Ausführungen über abgehörte Telefonate, angezapfte Kabelnetze und Social Media nicht recht glauben wollen. Snowden habe dann jedoch „harte Fakten“ ans Tageslicht gebracht. Bereits in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts machte Steve Wright seine Erfahrungen mit GCHQ und NSA, als er sich als Student auffällige Sendeschüsseln hinter dem Universitätsgelände genauer ansah. Daraufhin bekam er Drohungen, dass ihm sein Doktortitel aberkannt würde, weil er gegen das Geheimhaltungsgesetz verstossen habe. Damals wurde Wright klar: Die Geheimdienste wechselten von terrestrischer auf Satelliten-Überwachung.

Betrieben wird laut Wright die weltweite Überwachung nicht von der NSA allein. Beteiligt sind auch Grossbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland – die sogenannten „Five Eyes“. Die Geheimdienste dieser Länder saugen unvorstellbare Datenmengen aus dem Internet, allein der britische Geheimdienst GCHQ 21 Petabyte pro Tag – 192 Mal mehr Daten, als in der gesamten British Library liegen. Selbst „in den Schlafzimmern führender Politiker“ hätten die Schlapphüte ihre digitalen Ohren; das abgehörte Mobiltelefon der deutschen Bundeskanzlerin ist da wohl nur die Spitze des Eisbergs. Durch ihr schieres Wissen könnten die spionierenden Länder, allen voran die USA, massiven Einfluss auf die Weltpolitik nehmen.

Terrorismus – wirklich die Hauptgefahr?

Zum Thema Terrorismus sagt Wright klipp und klar, dass es sich nur um eine „verhältnismässig kleine Gefahr“ handele. „Es ist wahrscheinlicher von Bienen zu Tode gestochen zu werden oder von einem Meteoriten erschlagen zu werden, als in einem Terroranschlag umzukommen“, so der Brite. Was treibt dann die Five Eyes an, mit so einem Aufwand zu spionieren? Zum einen gehe es darum, so Wright, Menschen zu finden, die den Regierungs- und/oder Geheimdienstplänen entgegenstehen – sanfter Totalitarismus in Wirklichkeit. Zum anderen lässt sich durch Wirtschaftsspionage unheimlich viel Geld ins eigene Land spülen. Laut Wright hätten die NSA-Aktivitäten noch vor der Jahrtausendwende 120 Milliarden Dollar aus Europa abgezogen.

Als Brite kennt Steve Wright die Situation auf der Insel natürlich besonders gut. Er sieht eine klare Tendenz zu immer mehr tolerierter und sogar gewünschter Überwachung. In London könnten die Systeme bereits Ladenbesitzer darüber informieren, ob jemand mit viel Geld hereinkommt, damit man ihn hofieren kann. Der Mord am dreijährigen James Bulger durch zwei Zehnjährige im Jahr 1993 war für Wright einer der Wendepunkte in der britischen Geschichte hin zu mehr Überwachung. Da die Täter unter anderem durch eine Überwachungskamera identifiziert wurden, verlangten die Bürger nach mehr solcher Einrichtungen. Für die heutige Generation, so Wright, ist die Omnipräsenz von Überwachungskameras schon so zum Alltag geworden, dass man die jungen Menschen mit der Nase darauf stossen muss.

Noch drohen uns zwar keine Zustände wie in Afghanistan, wo die Überwachungssysteme an automatisierte Waffen gekoppelt sind – Drohnen können dort jederzeit Auftragsmorde begehen. Doch die Fähigkeit eines Staates, jeden Bürger orten zu können, ist laut Wright dennoch „sehr gefährlich“.



Kein richtiges Verständnis bei den Massen

Wright beklagt, dass die meisten Menschen trotz Snowden immer noch nicht das Ausmass der Überwachung begriffen hätten. Grund sei die Unüberschaubarkeit der technischen und politischen Hintergründe, sodass sich selbst gestandene Journalisten eher dafür interessierten, was Snowden zum Frühstück isst als was die Abhöraffäre wirklich über die Zukunft unserer Gesellschaft auszusagen hat. Viele dächten, durch ein bisschen Vorsicht bei den Facebook-Postings sei man auf der richtigen Seite.

Hoffnung durch Smartphones und Verschlüsselungstechniken

Durch die Technologie in Smartphones hätten die Menschen aber zusehends selbst „Überwachungskapazitäten“, so der Forscher. Das gleiche das Kräfteverhältnis aus, wie man im Arabischen Frühling gesehen habe. Wright sieht genau in diesem technologischen Fortschritt einen Grund für die immer enger werdende Überwachungsschlinge: Jeder soll ein Ziel werden können.

Doch jedermann kann sich bereits heute dagegen wehren. Die E-Mail-Verschlüsselung PGP ist frei im Internet verfügbar und selbst für eine NSA kaum zu knacken. Doch leider nutzen viel zu wenige diese Möglichkeit. Wright zufolge könnten jedoch neue, abhörsichere Smartphone-Modelle – technisch absolut machbar – einen gewaltigen Markt finden. Und schliesslich dürfte sich einiges ändern, was die physikalische Verortung der Datenströme angeht. Derzeit, so Wright, fliessen 85 Prozent des Internetverkehrs durch vier Gebäude in den USA. Er prophezeit eine „Balkanisierung des Internets“ und somit eine Diversifizierung der Datenströme.

Regierungen können Geheimdienste nicht zähmen

Die Geheimdienste sieht Wright mittlerweile in einer zu mächtigen Position, als dass sie von ihren Regierungen noch eingebremst werden könnten – wenn diese das überhaupt wollen. Denn auch die EU habe ein Interesse an stärkerer Überwachung, wenn es zum Beispiel um zu erwartende Flüchtlingsströme aus Afrika und dem Nahen Osten geht. Spezielles Augenmerk müsse man auch auf China legen. Das Reich der Mitte investiere seite Jahren in seine „Grosse Firewall“ und interne Überwachung. Hier sei tatsächlich noch die Regierung am Hebel.
Titelbild: Das NSA-Hauptquartier in Maryland, USA Bild: NSA / Wikimedia Commons

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