Flüssignahrung Soylent: Echte Alternative oder Ende der Esskultur?

05.12.2014 |  Von  |  Konsum

Angerührter Pulvermix statt Käsefondue und Rösti: Der Amerikaner Rob Rhinehart brachte vor kurzem Soylent auf den Markt. Das Pulver enthält alle bekannten Nährstoffe in der richtigen Zusammensetzung – mit Freude am Essen hat es eher wenig zu tun. Rhinehart zufolge soll das Getränk auch gar nicht als Ersatz für sämtliche Mahlzeiten dienen, sondern eine gesunde Alternative und Ergänzung sein.

Der Unternehmer hat intensiv daran gearbeitet, die richtige Formel zu finden, die alle lebenswichtigen Bestandteile wie Mineralien, Vitamine, Kohlehydrate und Proteine berücksichtigt. Dafür hat er das Internet durchforstet, Biologiebücher gewälzt und sich mit der Stoffwechselchemie befasst. Das fertige Rezept hat er im Selbstversuch getestet, indem er sich einen Monat lang ausschliesslich von dem Getränk ernährte.

Er veröffentlichte das Rezept und berichtete während des gesamten Experiments online über seine Erfahrungen. Der Cocktail basiert auf Sojaproteinen, kombiniert mit Fetten und weiteren Nährstoffen. Zutaten wie Gingko, Ginseng und Vanille vervollständigen das Ganze. Das fertige Produkt besteht aus zwei Elementen, dem Pulver und einer Ölmischung, die einfach mit Wasser verrührt werden. Soylent wird überwiegend als geschmacksneutral beschrieben, mit einer leichten Vanillenote. Das Aussehen erinnert an einen Cappuccino, die Konsistenz ist aber dickflüssiger.

Um Soylent vermarkten zu können, hat Rhinehart ein Fundraising-Projekt auf den Weg gebracht. Binnen zwei Stunden fanden sich Unterstützer für eine Summe von 100’000 Dollar

Von Beruf ist Rhinehart eigentlich Software-Ingenieur in San Francisco und viel in der Hacker-Szene unterwegs. Seine Zielgruppe sind weder Kraftsportler noch Abnehmwillige: Mit solchen Produkten ist der Markt bereits überschwemmt. Vielmehr will er mit Soylent die Computercracks erreichen, die oft rund um die Uhr arbeiten und Essen als lästiges Übel betrachten. Überhaupt all die Workaholics, die keine Zeit oder Lust zum Kochen haben und stattdessen zu Pommes und Fertigpizza greifen. Das ist vermutlich der Grund dafür, dass sich Soylent so schnell am US-Markt etabliert hat, denn für diese grosse Zielgruppe gab es bislang nichts Vergleichbares. Pulver anrühren, mit Wasser mischen, trinken – fertig. Sogar die Zeit zum Kauen wird gespart. Sehr effizient immerhin.

Nach eigenen Angaben will der Amerikaner dem Essen aber nicht den Krieg erklären, der Freude am Sonntagsbraten mit der Familie oder dem Genuss beim Restaurantbesuch. Er selbst ernährt sich zu 90 Prozent von Soylent. Auf seiner Webseite empfiehlt er jedem Besucher, den Pulverbrei nach eigenem Wunsch in die individuelle Ernährung einzubauen und den richtigen Weg für sich selbst herauszufinden.

Inzwischen gibt es unzählige Varianten des Rezepts, etwa mit Kakao oder Kokos. Auf der Webseite mit dem Online-Shop von Rhinehart ist ein Forum integriert, in dem Anhänger aus aller Welt ihre eigenen Rezepte vorstellen, aktuell sind es schon über 3000.

Bislang gibt es das Original nur in den USA, es soll aber bald auch in Europa eingeführt werden. Ähnliche Produkte von anderen Herstellern sind bereits erhältlich.


Das Getränk soll eine gesunde Alternative und Ergänzung sein. (Bild: © Dmitry Melnikov - shutterstock.com)

Das Getränk soll eine gesunde Alternative und Ergänzung sein. (Bild: © Dmitry Melnikov – shutterstock.com)


Wo liegen die Vorteile und Nachteile?

Zu den Vorteilen gehört auf jeden Fall die Zeitersparnis: In wenigen Minuten ist das Ganze zusammengerührt und getrunken. Die Zeit für Einkaufen, Kochen, Essen, Abwaschen entfällt. Auch die Kosten sind mit rund 10 Franken täglich für drei Drinks gering. Zudem halten sich die Pulver sehr lange, die Zubereitung ist absolut unkompliziert. Wer noch mehr Zeit sparen will, kann einige Portionen vorbereiten und bis zu 48 Stunden lang im Kühlschrank aufbewahren. Das Getränk enthält alle lebenswichtigen Substanzen, soweit sie bekannt sind. Mit knapp 700 Kalorien pro Mahlzeit entspricht Soylent dem durchschnittlichen Bedarf und lässt sich individuell dosieren. Ausserdem gibt es darin kaum ungesunde Stoffe wie Zucker oder gesättigte Fettsäuren. Wesentlich gesünder als ein Schokoriegel ist das Gemisch damit allemal.

Sollte sich Soylent weitflächig durchsetzen, wäre auf lange Sicht auch die Umwelt entlastet. Die Massentierhaltung würde zurückgehen, ebenso die intensive Landwirtschaft und der massive Pestizideinsatz. Rhinehart zufolge kann Soylent dabei helfen, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Das bleibt aber vorerst reine Utopie.

Einer der grössten Nachteile besteht darin, dass es noch keine Langzeiterfahrungen gibt. Viele Ernährungswissenschaftler äussern Kritik an der Flüssignahrung, vor allem wenn sie die einzige oder hauptsächliche Ernährungsform darstellt. So könne sich der Darm zurückbilden und die Verdauung ins Stocken kommen, wenn ein Mensch nur noch flüssige Nahrung zu sich nimmt. Auch habe Rhinehart die sekundären Pflanzenstoffe ausser Acht gelassen. Davon gibt es mehr als 100’000, etwa 10 Prozent davon sind in natürlichen Nahrungsmitteln enthalten. Von diesen Stoffen ist noch nicht genug bekannt. Die Ernährungswissenschaft geht aber davon aus, dass sie für unsere Gesundheit wichtig sind. So ist etwa eine Erdbeere keine blosse Kombination aus Vitaminen und Nährstoffen, sie enthält noch unzählige weitere Substanzen, die in Soylent aber nicht vorkommen.

Dass die Basis aus Sojaprotein besteht, birgt ebenfalls Risiken: Viele Menschen reagieren auf Soja allergisch. Es steht zudem im Verdacht, bei Frauen Gebärmutter- und Brustkrebs (mit) auszulösen. Bei Männern könnte der natürliche Testoseronspiegel sinken.

Wer nicht das Fertigprodukt verwendet und sich selbst an Rezepten versucht, braucht ein fundiertes Wissen über die Zusammensetzung gesunder Ernährung. Die falsche Dosierung einer Substanz kann schnell gefährlich werden.

Kann sich Soylent durchsetzen?

Was ist mit der Esskultur? Dem Genuss, dem Duft, der Vorfreude und dem geselligen Beisammensein? Soylent ist eine rein funktionale Sache. Eine Alternative für Menschen, die wenig Zeit haben und nicht auf Fast Food oder schlechtes Kantinenessen zurückgreifen wollen. Es scheint jedenfalls alle wichtigen Stoffe zu enthalten. Aber ist es erstrebenswert, Zeit zu sparen, um noch mehr zu arbeiten?



Bereits jetzt gibt es zahlreiche begeisterte Anhänger von Soylent. Wir dürfen gespannt sein, ob sich der ungewöhnliche Cocktail dauerhaft halten kann.

 

Oberstes Bild: © Joerg Beuge – shutterstock.com