5 Jahre nach Lehman Brothers: Was sich im Bankensektor getan hat

16.09.2013 |  Von  |  News
5 Jahre nach Lehman Brothers: Was sich im Bankensektor getan hat
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Der Tag wird in die Geschichtsbücher eingehen: Am 15. September 2008 meldete die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an.

Ihr Sturz löste eine beispiellose internationale Finanzkrise aus, in deren Zuge die Weltwirtschaft fast kollabierte.

Seither sind Grossbanken mit ihren oft riskanten Spekulationsgeschäften und ihrer weitreichenden Vernetzung ins Visier der Regierungen geraten. Doch was hat sich seither wirklich verändert?
Wenn eine Grossbank sich verzockt und zahlungsunfähig wird, ist das nicht nur ihr Problem. Lehman Brothers liess man zwar pleite gehen, doch mit dramatischen Folgen. Nicht nur, dass 26’000 Angestellte von heute auf morgen auf der Strasse standen. Weltweit verbuchten Banken Verluste, weil sie „mit drin hingen“; Lehman Brothers hatte ihr Risiko mit undurchsichtigen Papieren weit gestreut. Die Geldinstitute begannen, sich gegenseitig zu misstrauen und sich gegenseitig kein Geld mehr auszuleihen oder nur zu horrenden Zinsen. Im Zuge der dadurch einsetzenden Rezession – auch Unternehmen kamen plötzlich schwerer an Geld – wurden weltweit rund 26 Millionen Arbeitsplätze sowie sage und schreibe 13,6 Billionen Dollar an Aktienwerten vernichtet.

Um so etwas nicht nochmal geschehen zu lassen, begannen die Staaten fleissig Hilfspakete zu schnüren. „Too big to fail“ hiess es immer wieder von so mancher „systemrelevanter“ Grossbank. Den Komplettausfall verhinderten stets Steuer-Milliarden. Doch auch das könne nicht ewig so weitergehen, befanden die Politiker. Man sucht also derzeit nach dauerhaften Lösungen. Eine sehr populäre Idee ist dabei die Aufspaltung der Banken in Investment- und Privatkundenbereich. So könnten die Girokonten der kleinen Anleger vor einer Pleite geschützt werden, wenn sich die Investmentbanker verspekulieren.

Doch das bringt wenig, meint Martin Hellwig, Direktor des Max-Planck-Instituts in Bonn. Seine Idee: Die Banken sollen ein Eigenkapitalpolster von 20 bis 30 Prozent der Bilanzsumme bereithalten. Derzeit sind es üblicherweise zwei bis drei Prozent, wobei in der Schweiz etwas strengere Regeln gelten, nachdem der Staat 2008 der UBS mit über 60 Milliarden Franken aus der Patsche helfen musste. „Lehman hatte in der letzten Bilanz vor der Insolvenz etwa drei Prozent“ konstatiert Hellwig. Das ist schlicht zu wenig, um einen massiven Kreditausfall wie nach dem Platzen der damaligen US-Immobilienblase zu verkraften.

Hellwigs Forderung ist genauso berechtigt wie utopisch. Die Banken vollführen mit derart dünnen Eigenkapitalquoten einen Tanz am Abgrund. Selbst 20 oder 30 Prozent scheinen wenig im Vergleich zu dem, was der kleine Kreditnehmer beispielsweise für sein Baugeld bereithalten muss. Abgesehen vom Gegenwert der Immobilie verlangen Banken oft noch zusätzliche Sicherheiten in Form von Bareinlagen oder Wertpapieren. Damit muss mancher Ottonormalverbraucher bis zu 100 Prozent Eigenkapital aufbringen.

So oder so – passiert ist bisher wenig, findet Hellwig. Zu large sind die Regeln, die den Banken sowohl in der Schweiz als auch andernorts auferlegt wurden. Passiert ist an anderer Stelle wiederum viel, jedoch als Nebeneffekt der Finanzkrise und nicht von der Politik intendiert. Die Bilanzsummen der meisten Nationalbanken sind dramatisch angestiegen, am gravierendsten wohl in der Schweiz. Die Bilanzsumme der SNB betrug in 2012 sage und schreibe 85 % des BIP, wogegen sie sich 2008 gerade einmal auf 28 % belaufen hatte.

Was tut sich sonst noch am weiten Horizont der Finanzwelt? Die EU doktert derzeit an der Konzipierung ihrer Bankenunion herum, die aber nur ein langfristiges Ziel sein könne, so Elke König, Chefin der deutschen Bundesanstalt für Finanzaufsicht (BaFin). Sie kritisiert die Pläne der EU, wonach „die EZB künftig Vorschläge zur Restrukturierung einer Bank macht, die EU-Kommission über die Abwicklung entscheidet und der einzelne Staat die Konsequenzen tragen muss“. Eine parlamentarische Kontrolle auf Ebene der Nationalstaaten sei dringend notwendig, so König, da sonst die EU-Kommission ohne Rechtsgrundlage in das Eigentum von Menschen eingreife.

Wir halten fest: Eine nicht wählbare Institution (EZB) macht Vorschläge über den künftigen Verbleib von Spareinlagen, ein nicht vom Volk gewähltes Gremium (EU-Kommission) entscheidet darüber, und die demokratisch legitimierten Nationalstaaten löffeln die Suppe aus. Wenn dies die ultima ratio im Kampf gegen künftige Finanzkrisen ist, dann gute Nacht. Hoffentlich lässt sich die Politik etwas besseres einfallen. Eine höhere Eigenkapitalquote für Banken wäre ein guter Schritt, da sie das irre Spekulationsgeschäft wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen würde. Dazu müssen unsere Volksvertreter endlich das Kuschen vor den Drohgebärden der Finanzwirtschaft aufgeben, sonst ist ein „Lehman Brothers: Reloaded“ vorprogrammiert.

 

Oberstes Bild: Rosel Eckstein  / pixelio.de



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